WerkAnne Conway

Lebendige Materie

Die privaten Aufzeichnungen einer Viscountess gegen Descartes, elf Jahre nach ihrem Tod ohne ihren Namen in Amsterdam gedruckt.

von Anne Conway126 Passagen vorhanden

  • Englisch, eine hier vorhandene Übersetzung
Originaltitel
Principia philosophiae antiquissimae et recentissimae
Erstveröffentlichung
(posthum erschienen)
Originalsprache
Latein

Rechtsverletzung melden

Überblick

Descartes hatte Europa gelehrt, ein Körper sei tote Materie, bewegt wie die Teile einer Maschine, und nur der Geist denke und fühle. Anne Conway hielt dagegen: Nichts, was ein lebendiger Gott gemacht hat, kann tot sein. Ihr Argument setzt beim Schöpfer an. Er ist Leben und Güte, ein Geschöpf muss seinem Urheber ähneln, und so hat alles, was er geschaffen hat, einen Anteil an Leben und Wahrnehmung. Körper und Geist sind eine einzige Substanz in verschiedenen Graden: Ein Körper ist dicht und schwer gewordener Geist. Damit widersprach sie auch ihrem Lehrer: Henry More, der Philosoph aus Cambridge, hatte sie seit 1650 brieflich unterrichtet, und er hielt Körper und Geist getrennt. Hobbes und Spinoza wirft sie den umgekehrten Fehler vor: Sie ließen Gott mit seinen Geschöpfen verschmelzen. Weil alle Geschöpfe an einer Substanz teilhaben, kann sich jedes in ein anderes verwandeln; der Geist eines Pferdes, so argumentiert sie, könne über viele Leben hinweg zu dem eines Menschen werden. Schmerz heilt ein gefallenes Geschöpf, und deshalb währt keine Strafe ewig. Conway arbeitete diese Lehre in ihren letzten Jahren auf Ragley Hall in Warwickshire aus, während schwere Kopfschmerzen sie quälten. Der Arzt William Harvey, der Entdecker des Blutkreislaufs, hatte sie nicht heilen können. An ihrer Seite lebte dort Franciscus Mercurius van Helmont, ein flämischer Arzt, der sie mit der Kabbala, der mystischen Überlieferung des Judentums, bekannt machte. Sie starb 1679. Van Helmont ließ ihre Aufzeichnungen 1690 in Amsterdam drucken, auf Latein und ohne ihren Namen. Das englische Original ging verloren; der englische Text von 1692, nur mit J. C. gezeichnet, ist eine Rückübersetzung aus dem Lateinischen. Leibniz besaß ein Exemplar, und 1697 schrieb er einem Briefpartner, seine eigene Philosophie komme der ihren nahe. Danach blieb das Buch weitgehend ungelesen, bis die Forschung im späten 20. Jahrhundert begann, nach den Philosophinnen jener Zeit zu suchen.

Schlüsselbegriffe

Was meint Conway mit der einen Substanz?

Sie meint, dass jedes Geschöpf, vom Sandkorn bis zum Engel, aus demselben Stoff besteht und sich von den anderen nur in der Weise seines Daseins unterscheidet. Insgesamt zählt Conway drei Arten des Seins: Gott, Christus und die Schöpfung. Innerhalb der Schöpfung gleichen die Unterschiede dem zwischen Wasser und Eis, sodass eine Art von Geschöpf mit der Zeit zu einer anderen werden kann.

Wie unterscheiden sich Körper und Geist bei Conway?

Nur dem Grad nach. Der Körper ist der dichtere und dunklere Teil einer Sache, der Geist der feinere und schnellere, und keiner kommt ohne den anderen vor. Conway vergleicht den Geist mit einem Auge und den Körper mit dem dunklen Grund eines Spiegels, der das Bild auffängt und festhält. Ein Körper kann ohne Grenze geistiger werden, doch kein Geschöpf ist je ganz körperlos.

Was nennt Conway eine Bewegung des Lebens?

Es ist die Bewegung, die aus dem eigenen Leben und Willen eines Geschöpfs kommt, im Unterschied zum Stoß von außen. Ein Stein, den man in die Luft wirft, bewegt sich bloß mechanisch, denn diese Bewegung ist ihm fremd. Sehen dagegen ist lebendig: Das Licht, das ins Auge fällt, ist bloße Bewegung, das Sehen, das es weckt, eine Tat des Lebens. Die mechanische Bewegung ist für Conway nur das Werkzeug, dessen sich das Leben bedient.

Was ist das Mittelwesen?

Es ist Christus, verstanden als ein Wesen, das seiner Natur nach zwischen Gott und den Geschöpfen steht. Gott kann sich gar nicht wandeln, Geschöpfe können besser oder schlechter werden, das Mittelwesen aber kann nur besser werden. Conway vergleicht es mit dem Silber zwischen Zinn und Gold. Sie setzt es mit Adam Kadmon gleich, dem himmlischen ersten Menschen der jüdischen Mystiker, der Kabbalisten, und sagt, Gott wirke durch es in den Geschöpfen.

Was ist Zeit nach Conway?

Zeit ist nichts anderes als die fortlaufende Bewegung der Geschöpfe, mit der jedes zu größerer Vollkommenheit fortschreitet. Hörte diese Bewegung auf, so hörte die Zeit auf und mit ihr die Geschöpfe. In Gott gibt es keine Zeit, weil ihm nichts mehr zu werden bleibt. Ihr Bild dafür ist ein Rad, das von seiner Mitte her gedreht wird: Der Kranz läuft unablässig, die Mitte, die ihn bewegt, ruht.

Glaubt Conway an ewige Höllenstrafen?

Nein. Für sie ist jede Strafe eine Arznei, die das Geschöpf heilen und in einen besseren Zustand bringen soll, als es ihn zuvor hatte. Ihre Begründung: Gottes Gerechtigkeit misst jeder Sünde ihre eigene Strafe zu, und kein Geschöpf kann endlos tiefer ins Böse sinken. Die verbreitete Lehre vom endlosen Höllenfeuer für jede Sünde lasse Gott, so sagt sie, wie einen grausamen Tyrannen erscheinen und nicht wie einen gnädigen Vater.

Themen des Buches

Worauf dieses Buch immer wieder zurückkommt, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Textes jedes einnimmt.

Nichts, was Gott schuf, ist tot

Kann ein lebendiger und guter Gott etwas geschaffen haben, das ganz ohne Leben ist? Wenn nicht, dann sind Stein und Leib keine Maschinen, und die Mauer zwischen Geist und Materie fällt.

Conways Gegner halten den Körper für eine tote Masse, die in alle Ewigkeit nichts empfinden kann, und den Geist für sein Gegenteil in jeder Eigenschaft. Sie fragt, was die beiden dann verbindet: warum eine Seele ihren Leib liebt, zum Sehen ein Auge braucht und Schmerz fühlt, wenn das Fleisch verletzt wird. Ihre Antwort: Beide unterscheiden sich nur dem Grad nach. Ein Körper ist verfestigter, verdichteter Geist, ein Geist ein feiner, flüchtiger Körper, und jedes kann ins andere übergehen. Descartes lässt sie seine Mechanik und bestreitet, dass die Natur eine Uhr ist.

  • Leib und Geist
  • Materie
  • Pneuma
  • Vitalismus
  • Substanz
  • Geist-Körper-Problem
  • Dualismus
  • Leben
  • Bewegung
  • Mechanismus
  • Wahrnehmung
  • Empfindung
  • Ausdehnung
  • Undurchdringlichkeit
  • Verkörperung

Eine Leiter, die jedes Geschöpf ersteigt

Wenn alle Geschöpfe eine einzige Substanz sind, wie weit kann sich eines verwandeln, und wer bestimmt die Richtung? Ein Pferd kann mit der Zeit Mensch werden, ein viehischer Mensch ein Tier, und über beide Wege wacht die Gerechtigkeit.

Die Arten der Geschöpfe sind für Conway Sprossen einer endlosen Leiter, und Sprossen können nicht unendlich weit auseinanderliegen, sonst stiege niemand. Ein Pferd, das gut gedient hat, besitzt Wissen, Liebe, Furcht und Gedächtnis, und sie fragt, was nach vielen Toden aus seinem Geist wird. Dasselbe Gesetz wirkt abwärts: Wer wie ein Tier lebt, verdient sich den Leib eines Tieres. Doch der Fall hat einen Boden. Nichts kann grenzenlos böse werden, und Schmerz macht fein, was in einem Geschöpf grob geworden ist, darum ist jede Strafe eine Arznei. Fest bleibt allein das Einzelwesen: Paulus wird nie zu Judas.

  • Transmutation
  • Spezies
  • Veränderlichkeit
  • Wandel
  • Göttliche Gerechtigkeit
  • Strafe
  • Vollkommenheit
  • Sünde
  • Tierseelen
  • Wiederherstellung
  • Menschennatur
  • Seinsgrade

Ein Gott, der nicht aufhören kann zu schaffen

Was folgt, wenn Gott seinem Wesen nach gut ist und sich nicht ändern kann? Dann war er nie untätig, es stand ihm nie frei, die Schöpfung zurückzuhalten, und die Welt ist ohne Zahl in der Zeit wie in der Ausdehnung.

Die Gleichgültigkeit des Willens, das Vermögen, nach Belieben zu handeln oder es zu lassen, ist für Conway das Kennzeichen der Tyrannen, und sie spricht sie Gott ab. Ein Gott, dem Weisheit und Güte Gesetz sind, schafft so früh und so viel, wie er kann: durch Zeiten ohne Zahl, in Welten ohne Zahl, mit zahllosen Geschöpfen noch im kleinsten. Wer das Weltall endlich macht, sperrt ihn ein wie ein paar Bienen in einen Korb. Zwischen den unwandelbaren Gott und die Geschöpfe, die gut oder böse werden können, stellt sie ein Mittelwesen, Christus. Hobbes und Spinoza wirft sie vor, Schöpfer und Geschöpf zu vermengen.

  • Schöpfung
  • Zeit
  • Unendlichkeit
  • Ewigkeit Gottes
  • Göttliche Attribute
  • Christologie
  • göttliche Vermittlung
  • Freier Wille
  • Göttliche Notwendigkeit
  • unendliche Teilbarkeit
  • Kabbala

In diesem Werk

Passagen vorhanden
126
eigenständige Begriffe
186
nach vorhandenen Passagen, korpusweit
Nr. 458

Was dieses Buch zusammen denkt

Das Rad nimmt die führenden Begriffe dieses Buches und zeigt, wie oft sie gemeinsam zur Sprache kommen. Je breiter das Band zwischen zweien, desto mehr seiner Passagen sprechen von beiden. Unter ihnen am häufigsten zusammen: „Bewegung“ und „Materie“.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 8 Konzepte, verbunden durch 18 Paarungen. 92 Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
BewegungMaterie4
BewegungZeit4
SchöpfungZeit4
BewegungPneuma3
Leib und GeistMetaphysik3
MateriePneuma3
BewegungSchöpfung2
MetaphysikSchöpfung2
BewegungGöttliche Gerechtigkeit1
BewegungLeib und Geist1
BewegungMetaphysik1
Göttliche GerechtigkeitPneuma1
Göttliche GerechtigkeitSchöpfung1
Göttliche GerechtigkeitZeit1
MaterieSchöpfung1
MetaphysikPneuma1
MetaphysikZeit1
PneumaSchöpfung1

Vorhandene Werke

Das Gesamtwerk der Reihe nach, dieses Buch an seinem Platz markiert. Zuerst der Titel in deiner Sprache, darunter das Original, wo beide sich unterscheiden; die Chips am Rand zeigen, welche Volltexte vorhanden sind.

  1. 1690 Lebendige Materie (Principia philosophiae antiquissimae et recentissimae) du bist hier EN
Anmelden oder abonnieren, um dieses Werk zu besprechen

— oder öffne ein anderes Werk aus dieser Feder