Im Jahr 1650 begann der Cambridger Philosoph Henry More, die Halbschwester eines seiner Studenten brieflich in Philosophie zu unterrichten. Frauen ließ die Universität nicht zu. Sein Lehrgang für sie beruhte auf dem neuesten System Europas, dem von René Descartes. Descartes teilte die Welt in zwei Arten von Dingen: Geister, die denken, und Körper, die nur Raum einnehmen und sich erst bewegen, wenn etwas sie anstößt. Auch More trennte Geist und Körper, wenn auch auf eigene Weise. Seine Schülerin, als Anne Finch geboren und seit 1651 Anne Conway, arbeitete ihr Leben lang an diesem Verhältnis und verwarf am Ende beide Lehrer. Tote Materie, so ihre These, gibt es nicht. Alles Geschaffene lebt und nimmt in irgendeinem Grad wahr. Körper und Geist sind eine einzige Substanz, einmal gröber, einmal feiner.
Zu dieser Auffassung gelangte sie auf Ragley Hall, dem Haus ihres Mannes in Warwickshire, und unter Schmerzen. Seit ihrer Jugend plagten sie Kopfschmerzen, die mit den Jahren schlimmer und häufiger wurden. Zu den Ärzten, die sie ohne Erfolg behandelten, gehörte William Harvey, der Entdecker des Blutkreislaufs. 1656 reiste sie mit More und anderen Begleitern nach Frankreich, um sich den Schädel öffnen zu lassen; zu der Operation kam es nicht. Zehn Jahre später scheiterte auch der irische Heiler Valentine Greatrakes, der für sein Handauflegen berühmt war. Ihr einziges Kind, ein Sohn, war 1660 im Alter von zwei Jahren an den Pocken gestorben.
1670 kam Franciscus Mercurius van Helmont, ein flämischer Arzt, nach Ragley. Geheilt hat er sie nicht, aber er blieb, bis sie starb. Durch ihn kam sie zur Kabbala, der mystischen Überlieferung des Judentums, und deren Studium half, sie von Descartes zu lösen. Er brachte sie auch mit den Quäkern in Verbindung, einer Religionsgemeinschaft, deren Mitglieder damals in ganz England ins Gefängnis geworfen wurden. George Fox, der Gründer der Quäker, besuchte Conway, und sie setzte ihre Beziehungen für die Inhaftierten ein. Kurz vor ihrem Tod im Jahr 1679 wurde sie selbst Quäkerin – gegen die Einwände ihrer Familie und gegen die von More.
Die Abhandlung, die sie in ihren letzten Jahren schrieb, geht von Gott aus. Ein Gott, der gut, weise und lebendig ist, schafft Geschöpfe, die ihrem Schöpfer ähneln; also kann nichts, was Gott gemacht hat, leblos sein. Auch aufeinander wirken können Dinge nur, wenn sie einander gleichen. Hätte die Seele mit dem Körper nichts gemein, fragte Conway, warum sollte sie dann leiden, wenn der Körper verletzt wird? Aus der Ähnlichkeit aller Geschöpfe zog sie einen weiteren Schluss: Über eine Folge von Leben hinweg kann ein Geschöpf zu einem anderen werden, ein Pferd mit der Zeit zu einem Menschen. Der Schmerz gehört als Heilmittel zu diesem Vorgang. Er trägt ab, was an einem Geschöpf grob geworden ist, und bringt es zurück auf den Weg der Genesung. Aus diesem Grund, und weil endlose Strafe für ein begrenztes Vergehen ungerecht wäre, bestritt sie, dass die Hölle ewig währt. Thomas Hobbes und Baruch Spinoza warf sie den entgegengesetzten Fehler vor: Sie hätten zwischen Gott und den Dingen, die Gott gemacht hat, keinen Unterschied gelassen.
Veröffentlicht hat sie nichts davon. Van Helmont brachte ihre Aufzeichnungen auf den Kontinent, und 1690 erschienen sie in Amsterdam auf Latein, ohne ihren Namen. Ihr englisches Original ist verloren; The Principles of the Most Ancient and Modern Philosophy, 1692 in London gedruckt, wurde aus dem Lateinischen zurückübersetzt. Gottfried Wilhelm Leibniz, ein Freund van Helmonts, besaß ein Exemplar und schrieb 1697, seine eigenen Ansichten kämen den ihren nahe. Wie viel seine Philosophie der ihren verdankt, ist in der Forschung umstritten. Weil das Buch keinen Verfassernamen trug, wurde es fast drei Jahrhunderte lang kaum gelesen. 1996 erschien bei Cambridge University Press eine neue englische Übersetzung aus dem Lateinischen.