Voltaire verspottete die Priester und behielt seinen Gott. Diderot kam 1749 wegen einer Schrift über Blinde ins Gefängnis und schrieb seine kühnsten Bücher danach für die Schublade. Das aufgeklärte Europa hatte gelernt, im Privaten zu zweifeln und sich im Druck abzusichern, und die drängende Frage war nicht mehr, ob man die Kirchen bloßstellen konnte, sondern ob ohne sie noch irgendetwas trug – ob ein Universum aus nichts als Materie einem Menschen noch Boden unter den Füßen ließ, wenn er entscheiden wollte, wie er leben soll. Öffentlich hatte das niemand beantwortet, bis es d'Holbach tat, ein reicher deutscher Baron in Paris: in zwei Bänden und unter dem Namen eines Toten.
Das System der Natur erschien 1770 unter dem Namen von Jean-Baptiste de Mirabaud, einem ehemaligen Sekretär der Académie française, der seit zehn Jahren im Grab lag. Das Argument läuft ohne Lücke und ohne Gott. Die Natur ist Materie in Bewegung und sonst nichts; der Geist ist das, was ein lebendes Gehirn tut, also überdauert nichts den Körper; jedes Ereignis folgt notwendig aus dem vorigen, und damit ist der freie Wille ein Gefühl und keine Tatsache; die Religion beginnt mit der Furcht vor Ursachen, die niemand sehen kann. Und die Moral übersteht das alles unbeschadet, denn was Menschen tatsächlich wollen, ist glücklich sein, und niemand ist glücklich unter anderen, denen er Unrecht getan hat.
Dieses Weltbild entsprang einem Jahrzehnt naturwissenschaftlicher Übersetzungsarbeit, nicht einer Lust an der Provokation. Zwischen 1752 und 1765 schrieb d'Holbach rund vierhundert namentlich gezeichnete Artikel für Diderots Encyclopédie, die meisten über Chemie, Mineralogie und Metallurgie, und im selben Jahrzehnt übertrug er die Mineralogen Deutschlands und Schwedens ins Französische – Wallerius 1753, Henckel 1756, Lehmann 1759. Er war das Mineralreich Stoff für Stoff durchgegangen. Die Materie, so lange und so genau in der Hand gehalten, erwies sich immer wieder als ausreichend.
Ein Vermögen, das er 1753 von seinem Onkel erbte, finanzierte eine Tafel in der Rue Royale, die dreißig Jahre lang zweimal in der Woche gedeckt war. An ihr verkehrten Hume, Adam Smith, der Romancier Sterne, der Historiker Gibbon, Franklin und der Mailänder Jurist Beccaria. Rousseau kam, zerstritt sich und gab dem Kreis beim Abschied einen verächtlichen Namen, den der Kreis seither nicht mehr losgeworden ist. Diderots Hand steckt irgendwo in d'Holbachs Büchern. Naigeon, Diderots Schüler und Mitarbeiter, brachte die Manuskripte nach Amsterdam, wo Marc-Michel Rey, der führende Verleger der französischen Aufklärer, sie druckte, damit sie über die Grenze zurückgeschmuggelt werden konnten.
Das Pariser Parlement, der oberste Gerichtshof des Königreichs, verurteilte das System der Natur am 18. August 1770 zur Verbrennung. Voltaire, der mit Atheismus nichts zu schaffen haben wollte, griff das Buch in seinem Dictionnaire philosophique an; Friedrich der Große, der ebenso wenig damit zu schaffen haben wollte, schrieb eigenhändig eine Widerlegung; dem jungen Goethe erschien es so trostlos, dass er sich für immer von der französischen Philosophie abwandte. In denselben Jahren ließen die Gerichte Boten von Buchhändlern brandmarken und auf die Galeeren schicken, weil sie verbotene Titel transportiert hatten. D'Holbach selbst wurde nie angeklagt. Er starb am 21. Januar 1789 in seinem Bett und wurde in einer katholischen Kirche beigesetzt, ohne je öffentlich zugegeben zu haben, was er geschrieben hatte.
Das Eingeständnis kam von Naigeon, und festgeschrieben wurden die Zuschreibungen erstmals 1806, in einer Bibliographie anonymer Werke. Wie viel von der Prosa auf Diderot zurückgeht, ist in der Forschung bis heute umstritten, und auch d'Holbachs härteste These ist noch nicht entschieden: Wenn jede Entscheidung eine Ursache hat, was bleibt dann vom Tadel? Lange galt d'Holbach als Popularisierer fremder Kühnheit; die heutige Lesart und eine kritische Ausgabe, die derzeit in Oxford entsteht, behandeln sein Werk als die vollständigste Darlegung, die die radikale Aufklärung je hervorgebracht hat.