Im Frankreich des achtzehnten Jahrhunderts konnte ein Buch vom Pariser Parlement verurteilt und vom Henker öffentlich verbrannt werden, sein Verfasser eingesperrt auf einen königlichen Haftbefehl hin, der keinen Prozess verlangte. Wissen war Eigentum: Den Zünften gehörten die Geheimnisse der Gewerbe, und die Theologen bestimmten, was sich über die Natur sagen ließ. Als der Gegenangriff kam, hatte er die Gestalt eines Wörterbuchs. Siebzehn Textbände und elf Tafelbände, erschienen zwischen 1751 und 1772, rund siebzigtausend Artikel von etwa hundertfünfzig Mitarbeitern. In einem einzigen Alphabet stand das Verfahren zur Stahlherstellung wenige Seiten neben dem Artikel über Gott. Das war das Argument; aussprechen musste es niemand.
Ihr Herausgeber schrieb an die sechstausend dieser Artikel selbst. Was der Staat mit denen machte, die veröffentlichten, wusste er da bereits. Die Philosophischen Gedanken wanderten im Juli 1746 ins Feuer, und drei Jahre darauf brachte ihm der Brief über die Blinden — in dem ein sterbender blinder Mathematiker nach einem Gott verlangt, den er anfassen kann — am 24. Juli 1749 einen Haftbefehl ein und drei Monate im Turm von Vincennes. Rousseau lief zu Fuß aus Paris hinaus, um ihn dort zu besuchen. Im November kam er heim und schrieb das folgende Vierteljahrhundert für die Schublade.
Aufgezehrt hat ihn dann die Encyclopédie. Die ersten beiden Bände wurden 1752 unterdrückt. 1759 verurteilte das Parlement das ganze Unternehmen, das königliche Privileg wurde entzogen, sein Mitherausgeber d'Alembert trat zurück. Die letzten zehn Bände trug Diderot allein, unter einem falschen Neuchâteler Impressum. Im November 1764 entdeckte er, dass sein eigener Verleger Le Breton die Bogen heimlich zusammengestrichen hatte, nachdem Diderot sie freigegeben hatte: rund dreihundert Seiten des kühnsten Materials, weg, längst gedruckt, nicht wiederherzustellen. Er schrieb Le Breton einen Brief aus reiner Wut und arbeitete weiter. Er war einundfünfzig und brachte für seine Tochter keine Mitgift auf; 1765 kaufte Katharina von Russland seine Bibliothek für fünfzehntausend Livres und bezahlte ihn dafür, dass die Bücher in seinen eigenen Regalen stehen blieben.
Die Philosophie steht in dem, was er nicht drucken ließ. Die Empfindungsfähigkeit — das Vermögen zu fühlen — wird der Materie nach seiner Überzeugung nicht von außen zugesetzt, sie gehört ihr: im Stein latent, freigesetzt beim gewöhnlichen Essen, Wachsen und Zeugen. Da nimmt keine Seele wahr, und am Anfang steht kein Plan. Lebendiges setzt sich selbst zusammen, Organ um Organ, aus Stoff, der nie träge war. Er arbeitete das 1769 in D'Alemberts Traum aus und legte es in eine Schublade. Daraus folgt, dass ein Mensch ein physischer Vorgang ist und nicht frei in dem Sinne, den Gerichte und Kirchen brauchen. Den bequemen Ausgang nahm Diderot nicht: Er bestritt, dass wir unbeschriebenes, formbares Material sind, und stritt weiter für eine Moral, die ein determiniertes Tier tatsächlich haben kann.
Die Überlieferung gab ihn erst spät heraus. D'Alemberts Traum kam 1830 in Druck. Rameaus Neffe wurde in Europa zuerst in Goethes deutscher Übersetzung von 1805 gelesen; das Manuskript, das Diderot wirklich geschrieben hatte, tauchte erst 1890 auf, in einem Pariser Antiquariat. Das nachrevolutionäre Frankreich, das Voltaire und Rousseau zu Klassikern erhob, konnte wenig mit ihm anfangen. Die Wiederentdeckung begann nach 1870 und hat nicht aufgehört: Heute gilt er als der bohrendste Kopf unter ihnen allen.