Platon und Aristoteles hatten ihre Ethik auf den Bürger gebaut. Das gute Leben hieß, an den Angelegenheiten einer sich selbst regierenden Stadt teilzunehmen, und dass es diese Stadt gab, setzte man voraus. Dann starb Alexander 323 v. Chr. Athen verlor den Krieg, der folgte, eine makedonische Besatzung lag im Hafen, das Stimmrecht schrumpfte auf Männer mit Besitz. Die Schulen lehrten weiter. Ihre Voraussetzung war ihnen gerade entzogen worden.
Wer das am genauesten bemerkte, hatte es am eigenen Leib erfahren. Als Alexander starb, leistete Epikur in Athen seine zweijährige Ephebenzeit ab. In derselben Umwälzung vertrieb Perdikkas die athenischen Siedler von Samos — der Insel, auf der seine Familie Land bewirtschaftete, das die Stadt ihr zugeteilt hatte. Als der Dienst endete, gab es kein Zuhause mehr, in das er hätte zurückkehren können. 321 folgte er seinem Vater ins Exil nach Kolophon, zwanzig Jahre alt und um den Beweis reicher, dass eine Stadt nichts garantiert.
Was er daraus baute, war eine Philosophie, in der keine einzige Institution vorkommt. Um 306 v. Chr., nach Lehrjahren in Mytilene und Lampsakos, kaufte er einen Garten vor den Mauern Athens und lehrte dort bis an sein Lebensende.
Die Lehre war Medizin, und er sagte es auch: Die Naturforschung ist dazu da, Furcht zu nehmen, und jeder Teil von ihr, der keine Furcht nimmt, ist nicht wert, gewusst zu werden. Alles ist Atome und leerer Raum — ein Gedanke, den er über seinen Lehrer Nausiphanes von Demokrit übernahm und dann einem Zweck dienstbar machte, den Demokrit nie im Sinn hatte. Auch die Seele besteht aus Atomen, und sie zerstreut sich. Der Tod ist deshalb nichts für uns: Tritt er ein, ist niemand mehr da, dem er zustoßen könnte. Das ist kein Trost, sondern eine Rechnung. Die Götter existieren und sind gleichgültig; sie haben die Welt weder gemacht, noch sehen sie ihr zu. Und die Lust ist das Gute, das heißt: die Abwesenheit von Schmerz im Körper und von Verstörung im Geist, und dafür sorgen Brot und Wasser und ein Gespräch so gut wie alles andere. Für Menschen, die verloren hatten, war das eine Philosophie, die sich ihnen nicht nehmen ließ.
Der Garten nahm Frauen und Sklaven als Mitglieder auf, und Athen bemerkte es. Rivalen nannten ihn ein Bordell. Diogenes Laertios berichtet, ein Stoiker habe fünfzig obszöne Briefe unter seinem Namen gefälscht, und die Verleumdung überholte das Argument: Das Wort „epikureisch“ meint bis heute genau die Begierden, deren Entbehrlichkeit er sein Leben lang dargelegt hat. Vier seiner Sklaven ließ er testamentarisch frei, den Besitz vermachte er der Schule.
Er starb an einem Nierenstein, nach vierzehn Tagen mit ihm. Am letzten Tag schrieb er seinem Freund Idomeneus, der Schmerz könne nicht schlimmer sein und der Tag sei ein glücklicher, aufgewogen von der Erinnerung an ihre Gespräche. Dieser Brief ist die Lehre, die sich ihrer eigenen Probe stellt.
Von den Schriften ist fast nichts erhalten. Dreihundert Rollen, darunter Über die Natur in siebenunddreißig Büchern, sind auf drei Briefe und eine Sammlung von Lehrsätzen zusammengeschrumpft, die Diogenes Laertios fünf Jahrhunderte später in eine Biographie kopierte. Nach Europa kam das System durch das Gedicht des Lukrez, Über die Natur der Dinge, und auch das blieb ungelesen, bis Poggio Bracciolini 1417 eine Abschrift in einem deutschen Kloster fand; Gassendi machte es in den 1640er Jahren für Christen brauchbar, indem er die ewige Welt und die sterbliche Seele hinauswarf. Verkohlte Rollen aus einer Villa in Herculaneum, 79 n. Chr. verschüttet, werden inzwischen mit dem Scanner gelesen, und einige von ihnen sind Bücher von Über die Natur. Ob die atomare Abweichung, mit der Lukrez den freien Willen rettet, Epikurs eigener Zug war oder der seines Dichters, ist bis heute strittig.