In Neros ersten fünf Jahren führten faktisch zwei Männer das Reich: Seneca, der einstige Lehrer des Kaisers, und Burrus, der Prätorianerpräfekt und Befehlshaber der kaiserlichen Garde. Seneca lehrte, dass allein die Tugend gut sei und alles andere – Geld, Gesundheit, Ansehen, der Körper, der Rest des eigenen Lebens – nur geliehen sei und ohne Ankündigung zurückgefordert werden könne. Dann häufte er mehr als ein Jahrzehnt lang genau diese Dinge an, an der Seite des Mannes, der sie zurückforderte. Unter dem Druck dieses Widerspruchs entstand seine Philosophie.
Der Stoizismus war aus Griechenland nach Rom gekommen: ein Streit darüber, wie man richtig lebt, der schon zwei Jahrhunderte lang in Hörsälen geführt worden war. Dringlich machten ihn erst die Julier-Claudier, Roms erste Kaiserdynastie. Unter Caligula, Claudius und Nero hingen das Vermögen eines Senators, seine Verbannung und sein Tod an der Laune eines einzigen Mannes, und die alte Frage, was ein Mensch wirklich besitzt – was sich nicht beschlagnahmen lässt –, war keine Übung mehr, sondern wurde zur Überlebenskunst. Seneca beantwortete sie vom denkbar schlechtesten Standort aus: aus dem Palast.
Bis dahin war er schon zweimal verurteilt worden. Caligula, den Senecas Erfolg als Redner kränkte, befahl, ihn zu töten, und ließ es sich ausreden: Ein Schwindsüchtiger, hieß es, werde ohnehin bald sterben. 41 n. Chr. beschuldigte die Kaiserin Messalina Seneca des Ehebruchs mit Julia Livilla, der Nichte des Claudius; der Senat stimmte für die Hinrichtung, Claudius wandelte das Urteil um, und Seneca verbrachte acht Jahre auf Korsika. 49 holte ihn Agrippina, die neue Frau des Claudius, zurück, damit er ihren elfjährigen Sohn unterrichtete. Fünf Jahre später war der Junge Kaiser.
Eine Zeit lang ging das gut. Nachdem Nero seinen Stiefbruder Britannicus vergiftet hatte, richtete Seneca De Clementia an den Kaiser – ein Plädoyer dafür, dass Milde im eigenen Interesse des Herrschers liegt, geschrieben für einen Leser, der gerade die Alternative vorgeführt hatte. Die Schrift begründete eine Gattung und hielt Nero nicht im Geringsten zurück.
59 ließ Nero seine Mutter töten, und Seneca war es, der den Brief entwarf, der dem Senat erklärte, sie habe sich gegen ihren Sohn verschworen und sich nach der Entdeckung selbst das Leben genommen. Tacitus, der römische Historiker, hält fest, wer dabei schlechter wegkam: Nero war jedem Tadel entrückt, also blieb die Schande an dem Mann hängen, der das Schriftstück verfasst hatte. Schon ein Jahr zuvor hatte der Senator Suillius, selbst angeklagt, weil er sich für Plädoyers hatte bezahlen lassen, öffentlich behauptet, Seneca habe in vier Jahren dreihundert Millionen Sesterzen angehäuft, mit Krediten in ganz Italien und in den Provinzen. Der Historiker Cassius Dio gab Seneca später die Schuld am Boudicca-Aufstand, der Erhebung Britanniens gegen die römische Herrschaft: Seneca habe seine Darlehen in Britannien gekündigt. Senecas Antwort in De Vita Beata ist die einzige ehrliche, die ihm offenstand: Er sei kein Weiser und behaupte auch nicht, einer zu sein, und ein Philosoph, der eine Tugend beschreibt, die er selbst nicht erreicht hat, beschreibt sie dennoch richtig.
Als Burrus 62 starb, bat Seneca Nero, das Geld zurückzunehmen und ihn selbst gehen zu lassen. Nero lehnte ab; Seneca zog sich ohne Erlaubnis zurück und ließ sich nicht mehr sehen. Die hundertvierundzwanzig Briefe an Lucilius, einen Freund, der Sizilien für Nero verwaltete, stammen aus diesen letzten Jahren.
In die Pisonische Verschwörung von 65, ein Komplott zur Ermordung Neros, waren mindestens einundvierzig Menschen verwickelt. Einer von ihnen nannte Senecas Namen. Tacitus verzeichnet keinen Beleg dafür, dass Seneca sich angeschlossen hatte; Nero befahl ihm trotzdem zu sterben. Seneca öffnete sich die Adern an den Armen und, weil sein alter, ausgezehrter Körper zu langsam blutete, dann auch an Beinen und Knien. Er nahm Schierling, der nicht wirkte, und starb im Dampf eines Bades. Bis zuletzt diktierte er seinen Schreibern.
Fast alles, was danach kommt, ist Streit über ihn. Tertullian, der früheste bedeutende christliche Autor lateinischer Sprache, nahm ihn als beinahe christlich in Anspruch; im vierten Jahrhundert kursierte ein gefälschter Briefwechsel Senecas mit dem Apostel Paulus, und Hieronymus, der die Bibel ins Lateinische übersetzte, zählte Seneca deswegen zu den christlichen Autoren. Senecas Tragödien lieferten dem elisabethanischen Rachedrama seine Geister und seine fünf Akte. Montaigne, der französische Essayist, verteidigte Seneca; Diderot, der Enzyklopädist der Aufklärung, tat es in einem ganzen Buch. Die Forschung ist bis heute uneins, ob Senecas Abhandlungen die Selbstrechtfertigung eines Heuchlers sind oder eine kunstvoll gebaute Stimme, mit der man streiten soll.
Über die Überlieferung gibt es keinen Streit. Chrysipp, der große Systematiker der stoischen Schule, ist nur in Fragmenten erhalten; von Seneca dagegen ist vieles vollständig erhalten, auf Latein, und deshalb lernen die meisten Leser den Stoizismus bei ihm kennen. Seneca schrieb für den, der Fortschritte macht, nicht für den Weisen – zu den Weisen, betonte er sorgfältig, gehöre er nicht.