Das Lateinische hatte kein Wort für „Qualität“. Es hatte kein Wort für das Moralische als Gegenstand des Nachdenkens und keinen Begriff für jene Bildung des Menschen, über die die Griechen stritten. Wer in Rom ernsthaft denken wollte, las Griechisch, stritt auf Griechisch, zitierte Griechisch; wer kein Griechisch konnte, blieb vom Gespräch ausgeschlossen. Cicero beendete das in gut zwei Jahren – ausgeschlossen war damals er selbst, aus der Politik. Er prägte qualitas und quantitas, machte moralis zum Namen eines Fachs und gab humanitas den Sinn, den das Wort danach trug. Europa dachte die nächsten fünfzehnhundert Jahre in ihnen.
Nichts in seiner Laufbahn wies dorthin. Er kam aus Arpinum, einer Bergstadt knapp hundert Kilometer von Rom, aus einer Familie, die nie einen Konsul hervorgebracht hatte, und er erreichte das Konsulat 63 v. Chr. allein durch die Rede. Fünf Jahre später zerstörte ihn eben dieses Konsulat. Er hatte die catilinarischen Verschwörer ohne Prozess hinrichten lassen; der Volkstribun Clodius brachte ein Gesetz durch, das genau darauf zielte, und Cicero floh aus Italien. Sein Haus auf dem Palatin wurde niedergerissen, auf dem Grund ein Heiligtum der Libertas errichtet: Nach römischem Sakralrecht durfte dort nie wieder gebaut werden. Er kam zurück, focht die Weihe an – aus Verfahrensgründen – und bekam seinen Grund zurück.
Die Philosophie ging aus einer zweiten Niederlage hervor, aus der er sich nicht herausreden konnte. Caesar gewann den Bürgerkrieg, und der Senat, den Cicero dreißig Jahre lang überzeugt hatte, entschied nichts mehr. Im Februar 45 starb seine Tochter Tullia nach einer Geburt. Er schrieb eine Trostschrift an sich selbst, die verloren ist, und dann, zwischen 46 und 44, die Academica, De finibus, die Gespräche in Tusculum, De natura deorum, De divinatione und zuletzt De officiis, einen Brief an seinen Sohn. Er machte daraus kein Geheimnis: Das Forum war geschlossen, also schrieb er.
Er schrieb als Skeptiker, und gerade das wird am häufigsten übersehen. Er hatte Philon von Larissa in Rom gehört und übernahm von der Akademie die Überzeugung, dass Gewissheit nicht zu haben ist. Ehrlich verfährt, wer eine Frage von beiden Seiten erörtert und sich mit der wahrscheinlicheren Antwort begnügt. Seine Dialoge führen deshalb die stoische und die epikureische Position in voller Stärke vor und verzichten häufig darauf, zwischen ihnen zu entscheiden. Diese Methode kostete ihn jahrhundertelang den Ruf als Denker: Wer die Position aller darlegt und keine unterschreibt, wirkt auf einen eiligen Leser wie einer, der nichts Eigenes hat.
Eigen war ihm die stärkste Behauptung, die er je aufstellte. In De re publica argumentierte er, es gebe ein einziges Gesetz, in Rom dasselbe wie in Athen, mit der Vernunft auffindbar, verbindlich für jedes Volk zu jeder Zeit – und weder Senat noch Volksversammlung könnten es durch Beschluss aus der Welt schaffen. Legalität und Gerechtigkeit sind nicht dasselbe; ein ordnungsgemäß erlassenes Gesetz kann ein Verbrechen sein. Dieser Satz läuft über Laktanz und Thomas von Aquin zu Grotius, zu Locke und in die Gründungsdokumente der Vereinigten Staaten.
Antonius setzte ihn auf die Proskriptionsliste. Am 7. Dezember 43 v. Chr. wurde er bei Formiae gefasst, und sein Kopf und seine Hände – die Hände, die die Philippiken gegen Antonius geschrieben hatten – wurden an der Rednerbühne auf dem Forum angenagelt.
Das Nachleben verlief ungleichmäßig. De re publica zerfiel zu Bruchstücken, die Laktanz, Augustinus und Nonius zitieren; der Traum des Scipio blieb ganz, weil Macrobius einen Kommentar um ihn herum gebaut hatte. Ein Viertel des Textes tauchte 1819 wieder auf, abgeschabt und in einer vatikanischen Handschrift von Augustinus’ Psalmenauslegung überschrieben. De officiis dagegen gehörte zu den ersten antiken Texten überhaupt, die gedruckt wurden, 1465 in Mainz. Im neunzehnten Jahrhundert nannte Mommsen ihn einen Staatsmann ohne Einsicht und ohne Ziel, einen kurzsichtigen Egoisten, und dieses Urteil beherrschte hundert Jahre lang die Hörsäle. Inzwischen ist es offen auf dem Rückzug. Der Streit unter Fachleuten geht heute nicht mehr darum, ob Cicero als Philosoph zählt, sondern darum, wie viel von der Philosophie in ihm seine eigene ist.