Die Akademie in Athen, Platons Schule, lehrte, die sichtbare Welt sei die geringere. Wirkliches Wissen war Wissen von den Ideen – vollkommen, unveränderlich, an keinem bestimmten Ort –, und das Pferd auf der Weide war eine verwischte Kopie von etwas, das sich nur durch Argumente erreichen ließ. Aristoteles, ein Arztsohn von der makedonischen Küste, kam mit siebzehn an die Akademie, blieb zwanzig Jahre und gelangte am Ende zu dem Schluss, dass Platon die Sache verkehrt herum sah. Das Pferd ist das Wirkliche. Was immer an ihm den Namen Form verdient, steckt im Pferd selbst, und erreichen kann man es, indem man hinsieht.
Das ist die These, die bleibt: Die Dinge erschließen sich durch Untersuchung, nicht durch ein Denken, das an ihnen vorbeigeht. Heute klingt das selbstverständlich – ein Maß dafür, wie weit sie gekommen ist.
Bequem war der Weg dorthin für Aristoteles nicht. Als Platon 347 starb, ging die Schule an dessen Neffen Speusippos, einen athenischen Bürger; Aristoteles dagegen war ein ansässiger Fremder, ohne politische Rechte in der Stadt und ohne Anspruch auf sie. Er ging. Es folgten die Jahre, die ihn prägten – Assos an der anatolischen Küste, danach zwei Jahre auf Lesbos, wo er Fischer befragte und an der Lagune von Pyrrha sezierte. Er beschrieb einen umgebildeten Arm, mit dem der männliche Krake Samen überträgt; Naturforscher hielten das zweitausend Jahre lang für Fischerlatein, bis Zoologen es im 19. Jahrhundert bestätigten. Er irrte auch, und zwar ausführlich: Das Denken verlegte er ins Herz, und das Gehirn machte er zu einem Organ, das das Blut kühlt.
Aus dieser Gewohnheit des Sezierens erwuchs eine Methode. Wer irgendetwas verstehen will, muss nach Aristoteles vier verschiedene Fragen darüber beantworten: woraus es besteht, welche Gestalt oder Struktur es zu diesem und nicht zu etwas anderem macht, was es in Gang gesetzt hat und wozu es da ist. Die letzte Frage trug sein ganzes System, und er stellte sie auch über den Menschen. Wenn ein Messer zum Schneiden da ist – wozu ist dann ein Mensch da? Seine Antwort, ausgearbeitet in der Nikomachischen Ethik: Ein Mensch lebt gut, indem er seine Vernunft gut gebraucht, ein ganzes Leben lang und in Gemeinschaft mit anderen. Tugend entsteht durch Wiederholung, nicht durch Wissen: Gerecht wird man, indem man gerecht handelt, so wie man Baumeister wird, indem man baut. Exakt machen wollte er die Ethik nicht. Sie lasse, beharrte er, nur so viel Genauigkeit zu, wie ihr Gegenstand erlaubt, und von einem moralischen Argument Beweise zu verlangen sei ebenso plump, wie von einem Mathematiker bloße Vermutungen hinzunehmen.
Ab 343 unterrichtete Aristoteles den jungen Alexander, kehrte danach nach Athen zurück und eröffnete um 335 eine eigene Schule. Die erhaltenen Werke sind die Arbeitspapiere dieser Schule – gedrängt, streitbar, voller Wiederholungen und offenkundig dazu bestimmt, im Gespräch durchgenommen statt veröffentlicht zu werden. Die ausgefeilten Dialoge, die er tatsächlich herausgab und die man in der Antike für ihren Stil bewunderte, sind verloren. Andronikos von Rhodos, im 1. Jahrhundert v. Chr. ein späterer Leiter von Aristoteles' eigener Schule, ordnete das Erhaltene zu dem Corpus, mit dem bis heute gearbeitet wird. Wie die Texte von Athen zu Andronikos gelangten, ist strittig und wird es vermutlich immer bleiben. Auch der Titel Metaphysik stammt nicht von Aristoteles, sondern ist später entstanden: Er bezeichnet die Abhandlungen, die nach der Physik kamen – ob im Regal oder in der Reihenfolge des Studiums, ist bis heute umstritten.
Alexander starb 323, und Athen wandte sich gegen die Makedonen in der Stadt. Aristoteles wurde wegen Gottlosigkeit angeklagt, und zwar wegen eines Gedichts für Hermias von Atarneus, seinen Gönner und Schwiegervater, den der Perserkönig hatte zu Tode foltern lassen. Aristoteles ging nach Chalkis und starb noch binnen eines Jahres.
Das Nachleben war seltsamer als alles Vorangegangene: 1210 wurde seine Naturphilosophie an der Universität Paris unter Androhung der Exkommunikation verboten; sechzig Jahre später war er schlicht der Philosoph, so und nicht anders zitiert, und 1277 verurteilte der Bischof von Paris 219 Sätze in dem Versuch, ihn einzudämmen. Seine Physik wurde im 17. Jahrhundert zerschlagen, und diese Zerschlagung ist ungefähr das, was der Ausdruck wissenschaftliche Revolution bezeichnet. Seine Biologie hielt sich besser, als irgendjemand erwartet hatte. Seine Ethik kehrte 1958 von den Toten zurück, als die Oxforder Philosophin Elizabeth Anscombe darlegte, die moderne Moralphilosophie rede Unsinn, seit sie Aristoteles den Rücken gekehrt habe, und ein zweites Mal 1981 mit Der Verlust der Tugend, dem Buch des in Schottland geborenen Philosophen Alasdair MacIntyre. Die Tugendethik ist heute eine der drei Positionen, die alle Studierenden kennenlernen, und sie ist die des Aristoteles.