Das Griechische entglitt dem Westen. Gebildete Römer hatten Platon und Aristoteles einst selbstverständlich im Original gelesen; im sechsten Jahrhundert konnte das in Italien fast niemand mehr, und die Philosophie eines Jahrtausends lag in einer Sprache eingeschlossen, die ihre Erben nicht mehr lasen. Ein römischer Aristokrat beschloss, das im Alleingang aufzuhalten. Er kündigte ein Programm an: den ganzen Aristoteles und den ganzen Platon ins Lateinische übersetzen, alles kommentieren und am Ende zeigen, dass die beiden einander nie wirklich widersprochen hatten.
Er hatte den Rang dazu. Er stammte aus dem Geschlecht der Anicier, bekleidete 510 das Konsulat und erlebte 522, wie seine beiden Söhne gemeinsam das Konsulat antraten – eine Ehre, die er später den Gipfel seines Glücks nannte. Im selben Jahr übernahm er als Magister officiorum die Leitung der gesamten Zivilverwaltung, unter Theoderich, dem Ostgotenkönig, der Italien als arianischer Christ inmitten eines katholischen Senats regierte. Das Übersetzungswerk war also ein zweiter Beruf, betrieben neben der Führung einer Regierung. Über die Logik kam er nie hinaus. Aristoteles' Kategorien und Peri hermeneias, dazu die Einleitung des Porphyrios und seine eigenen Kommentare und Lehrbücher – mehr wurde nicht fertig. Sechs Jahrhunderte lang war dieses Bruchstück der ganze Aristoteles, den das lateinische Europa besaß.
Den Rest beendete die Politik. 523 wurde dem Senator Albinus verräterischer Briefwechsel mit dem Kaiser in Konstantinopel vorgeworfen; Boethius verteidigte ihn mit dem Argument, wenn Albinus schuldig sei, dann sei es der ganze Senat. Das Gericht nahm ihn beim Wort. Die Anklage lautete auf Hochverrat, Sakrileg und Zauberei. Verurteilt wurde er, ohne je vor dem Senat zu erscheinen, der über ihn richtete; man hielt ihn in Pavia fest. 524 wurde er hingerichtet. Kurz darauf tötete man auch seinen Schwiegervater Symmachus, der ihn aufgezogen hatte.
In der Haft schrieb er Trost der Philosophie. Es ist ein Dialog: ein Gefangener, der über Unrecht klagt, und eine Frau, die die Philosophie selbst ist und die Klage nicht stehen lässt. Ihr Argument ist schroff, und es ist der Motor des ganzen Buches. Fortuna hat nie etwas versprochen. Amt, Ansehen, Vermögen, Familie – all das war immer nur geliehen, und wer sein Glück in Dinge legt, die sich einziehen lassen, hat auf Grund gebaut, der ihm nie gehörte. Dann kommt die schwerere Frage, die das Buch am Leben hält: Wenn Gott bereits weiß, was ein Mensch morgen tun wird, in welchem Sinn gehört ihm dieses Morgen dann noch? Seine Antwort griff das Wort „bereits“ an. Ewigkeit ist nicht endlos gedehnte Zeit, sondern der Besitz des ganzen Lebens auf einmal – Gott sieht also nichts voraus. Er sieht. Was für den Gefangenen in Pavia Zukunft ist, ist einem Geist außerhalb der Abfolge Gegenwart. Und wer dabei gesehen wird, wie er frei handelt, handelt darum nicht gezwungen.
Christlich ist daran nichts, obwohl er fünf kurze theologische Traktate geschrieben hatte, zwei davon über die Trinität und einen gegen die christologischen Irrlehren des Eutyches und des Nestorius. Warum, darüber streiten Gelehrte seit Jahrhunderten, ohne es zu entscheiden.
Im mittelalterlichen Europa wurde das Buch eines der meistgelesenen überhaupt. Am Hof König Alfreds entstand eine altenglische Fassung; Chaucer schuf ein englisches Boece; Elisabeth I. übersetzte es mit über sechzig Jahren. Seine beiläufige Frage, ob Allgemeinbegriffe wirkliche Dinge benennen oder bloße Gedanken sind, gab vierhundert Jahren Streit die Tagesordnung vor. Sein Bild der Fortuna aber, die ihr Rad dreht, gleichgültig gegen den, der darauf sitzt, überlebte alles andere, was er geschrieben hat.