Die Fortuna, und was nie das deine war
Wenn alles auf einmal genommen wird, war je etwas davon wahrhaft eines Menschen eigen? Die Philosophie antwortet auf Boethius' Ruin mit der Frage, was ein Mensch verlieren kann, das die Fortuna nicht bloß lieh.
Die Philosophie tritt in die Zelle des Verurteilten und findet ihn um verlorenen Rang, Reichtum und Ruf trauernd. Ihr erster Zug gibt der Fortuna eine eigene Stimme: Die Güter, die du beweinst, waren mein, geliehen, nicht geschenkt, und ich nehme nur zurück, was stets mein zu nehmen war. Ihr Rad dreht sich von Natur, hebt und stürzt ohne Rücksicht auf Verdienst, sodass, wer ihr traute, ihre Bedingungen schon angenommen hatte. Nichts, was die Fortuna verleiht, kann wahrhaft das eigene sein, denn was gegen den eigenen Willen genommen werden kann, war nie sicher gehalten. Der Trost beginnt nicht damit, die Verluste zu ersetzen, sondern zu zeigen, dass sie nie Besitz waren.
- Fortuna
- Ruhm
- Reichtum
- Macht
- Widrigkeit
- Verlangen
- Laster
Ins Gespräch kommen
- Dem eben Ruinierten zu sagen, Reichtum und Rang seien nie wirklich die seinen gewesen, kann wie kalter Trost in Weisheitsgewand klingen. Was macht es zu mehr?
- Ein Mensch, der noch Reichtum und Ansehen hat, will auf deren Verlust vorbereitet sein, ohne sich schon jetzt von ihnen abzukehren. Was würde Ihre Philosophie raten?
- Sie stiegen zum obersten Minister eines Königs auf und verloren alles durch eine Hochverratsanklage. Wenn Rang nur geliehen ist: War die Mühe, ihn zu erringen, vergeudet?
- Eine talentierte Person wird zugunsten von jemandem übergangen, der sich den Posten nicht verdient hat. Was darf sie Ihrer Philosophie zufolge zu Recht vom Glück erwarten?