Im neunzehnten Jahrhundert las die historische Kritik die Bibel wie jeden anderen alten Text: Quellen, Schichten, Widersprüche, Verfasser. Die Naturwissenschaft nahm dem Menschen zugleich seinen Sonderplatz in der Schöpfung. Unter Gebildeten verlor der Glaube seine Selbstverständlichkeit — die christliche Moral aber blieb unangetastet stehen. Mitleid galt weiter als gut, Selbstlosigkeit als edel, Demut als Tugend, und niemand konnte mehr sagen, woher diese Geltung kam. Hier setzt Nietzsche an. Ihn beschäftigt nicht, ob Gott existiert, sondern was aus Werten wird, denen das Fundament weggebrochen ist und die trotzdem weitergelten.
Zu dieser Frage kam er nicht aus der Philosophie, sondern aus der Altphilologie, und er kam früh. 1869 berief ihn Basel mit vierundzwanzig Jahren zum außerordentlichen Professor für klassische Philologie, ohne Promotion, auf Empfehlung seines Leipziger Lehrers Friedrich Ritschl. Drei Jahre später zerstörte er die Laufbahn eigenhändig. Die Geburt der Tragödie zeigt die Griechen nicht als heitere Vorbilder, sondern als ein Volk, das den Schrecken des Daseins kannte und ihm mit der Kunst standhielt: das Apollinische als Form über einem dionysischen Abgrund. Nach Zunftmaßstab belegte das Buch nichts. Im Mai 1872 antwortete der junge Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff mit der Streitschrift Zukunftsphilologie! und forderte ihn auf, das Katheder zu räumen. Das Fach schwieg ihn tot, die Hörerzahlen brachen ein.
Den Rest tat die Krankheit. Migräneanfälle, Magenkrämpfe und eine Kurzsichtigkeit, die dem Lesen ein Ende setzte, zwangen ihn 1879 in die vorzeitige Pensionierung. Zehn Jahre lebte er danach aus dem Koffer: Sommer in Sils-Maria, Winter in Genua, Rapallo, Nizza, zuletzt Turin. Geschrieben wurde in den Pausen zwischen den Anfällen, in Notizheften, unterwegs. Dass ein derart beschädigter Körper eine Philosophie der Lebensbejahung hervorbrachte, erklärt ihre Dringlichkeit — widerlegt sie aber nicht.
Sein Verfahren nannte er Genealogie. Zur Genealogie der Moral fragt 1887 nicht, was gut ist, sondern wann und gegen wen dieses Wort seine heutige Bedeutung bekam, und die Antwort ist unbequem: Die Schwachen setzten aus der Ohnmacht heraus durch, dass Nachgeben Güte heißt und Zugreifen Sünde. Moral hat also eine Herkunft, und was eine Herkunft hat, ist gemacht und kann anders gemacht werden. Daraus folgt der Auftrag, den er Umwertung aller Werte nannte. Der Übermensch ist die Figur dazu — keine Rasse, keine Herrenmenschen, sondern ein Mensch, der seine Maßstäbe nicht mehr geliehen bekommt, sondern selbst setzt. Wille zur Macht heißt der Trieb, der alles Lebendige über sich hinaustreibt.
Gekauft wurde das nicht. Den vierten Teil des Zarathustra ließ er 1885 als Privatdruck in vierzig Exemplaren herstellen und verschenkte sieben davon; Jenseits von Gut und Böse erschien 1886 auf eigene Kosten. Die ersten Vorlesungen über ihn hielt 1888 der Däne Georg Brandes in Kopenhagen und nannte sein Denken einen aristokratischen Radikalismus.
Am 3. Januar 1889 brach er in Turin zusammen; die letzten elf Jahre bis zu seinem Tod 1900 verbrachte er in Pflege, ohne Werk. Seine Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche baute unterdessen das Nietzsche-Archiv auf und stellte 1906 aus dem Nachlass ein Buch zusammen: Der Wille zur Macht, 1067 Aphorismen in vier Büchern, ausgegeben als sein Hauptwerk. Den Plan dazu hatte Nietzsche im August 1888 selbst verworfen. Erst die kritische Gesamtausgabe von Giorgio Colli und Mazzino Montinari räumte die Kompilation ab und machte sichtbar, was in den Heften wirklich steht. Beantwortet ist seine Frage damit nicht. Sie ist wieder lesbar.