Die Vorurteile der Moral
Wir halten an der Moral fest, ohne je verstanden zu haben, was sie ist oder warum. Unter dem Gefühl der Verpflichtung liegt weder Vernunft noch göttliches Gebot, sondern das schiere Gewicht ererbter Sitte — Gehorsam gegen die Überlieferung, der die Maske des Gewissens trägt.
Mit „Gedanken über die moralischen Vorurteile“ untertitelt und über 1880 und 1881 in Genua verfasst, eröffnet das Buch Nietzsches langen Feldzug, ohne ein einziges Mal die Unmoral zu predigen. Seine sonderbarere Behauptung ist, dass moralische Empfindungen Symptome älterer, verschütteter Triebe sind und keine Fenster auf eine sittliche Ordnung, und dass, was wir als Gewissen befolgen, im Grunde die Sittlichkeit der Sitte ist. Hunderte nummerierter Aphorismen bauen den Fall durch Häufung auf, über Ironie und Parodie statt über Beweise. Zu seiner Zeit kaum gelesen, ist es der genaue Motor, der wenige Jahre später Jenseits von Gut und Böse und vor allem die Genealogie antreibt.
- Moralität
- Ethik
- Tugend
- Autorität
- Groll
- Selbsttäuschung
- Psychologie
- Charakter
Ins Gespräch kommen
- Jemand handelt aus gutem Gewissen und nennt es moralisch — was bewegt ihn in Wahrheit darunter?
- Ist nicht wenigstens ein Teil dessen, was wir Gewissen nennen, echte Vernunft oder Mitgefühl und nicht das tote Gewicht der Sitte?
- Was verliert ein Mensch, wenn er seinen moralischen Empfindungen nicht mehr als Fenster auf eine sittliche Ordnung trauen kann?
- Wie unterscheidet sich der Gehorsam gegen ererbte Sitte von der Wahl eines Wertes, den man wirklich geprüft und verstanden hat?
- Kann ein Mensch weiter nach einer Moral leben, wenn er sieht, dass sie nie durchdacht, nur überliefert und befolgt wurde?