Das Apollinische und das Dionysische
Die griechische Tragödie wird aus zwei einander bekriegenden Kräften geboren: dem Apollinischen der Form, des Traums und der klaren Einzelgestalt und dem Dionysischen der Musik, des Rausches und der Auflösung des Selbst. Was hält eine Kultur zusammen, und was vermag die Kunst, das kein Argument vermag?
Nietzsches Erstling liest die Tragödie als Kind einer Spannung zwischen dem Gott der gemessenen Form und dem Gott der ekstatischen Musik, jeder ohne den anderen unvollständig. Aus dem Umkreis Wagners und der Metaphysik Schopenhauers baut er eine Deutung, in der die Kunst, nicht die Vernunft, eine Welt des Leidens erlöst, indem sie dem Schrecklichen eine Gestalt gibt, die des Anschauens wert ist. Das Dionysische benennt die Wahrheit, dass das Selbst nicht das Letzte ist; das Apollinische den schönen Schleier, der sie erträglich macht. Dieses Paar, als Gelehrsamkeit ohne Fußnote dargeboten, wurde zum Gründungsvokabular für das Nachdenken über Kunst und das Irrationale.
- Ästhetik
- Tragödie
- Kunst
- Künstlerisches Schaffen
- Mythologie
- Illusion
- Kreativität
- Musik
- Dionysisch
- Mythos
Ins Gespräch kommen
- Wie könntest du einem vom Leiden zermalmten Menschen helfen, wenn die Kunst und nicht die Vernunft das Dasein erträglich macht?
- Ist die dionysische Auflösung des Selbst nicht bloße Mystik und nichts, was eine nüchterne Deutung der Kunst behaupten sollte?
- Vom apollinischen Schleier zu leben heißt, sich auf Illusion zu stützen — was verlangt das einem Menschen ab, über sich selbst hinzunehmen?
- Wie stehen die apollinische Liebe zur klaren Form und der dionysische Zug zum Rausch einander eigentlich entgegen?
- Könnte die tragische Kunst einen Menschen dort erreichen, wo kein Argument und kein Beweis je hinreichte?