Der Wille zur Macht, von anderen gebaut
Die Notizhefte zu einem aufgegebenen Projekt, von fremder Hand zu einem Buch geordnet, das fertig aussieht. Unter dem berühmten Titel laufen die späten Themen — Wille zur Macht, Umwertung der Werte, das Heraufkommen des Nihilismus —, doch die Architektur gehört den Herausgebern, nicht ihm.
Nietzsche plante in den 1880ern ein großes Werk namens Der Wille zur Macht, füllte Notizhefte dazu und ließ den Plan dann fallen. Nach seinem Zusammenbruch wählten seine Schwester und der Herausgeber Peter Gast verworfene Fragmente aus, nummerierten sie und gaben das Ergebnis als sein krönendes System heraus — 483 Abschnitte 1901, 1067 bis 1906. Colli und Montinari zeigten später, wie weit die Zusammenstellung von den Handschriften abwich, und nannten sie eine Konstruktion. Die echten Gedanken stehen hier in roher Form: Kraft als Wille zur Macht gelesen, Wahrheit als Perspektive, Moral als Décadence. Nicht seins ist die Behauptung, sie bildeten ein System oder seien sein letztes Wort.
- Wille zur Macht
- Macht
- Nihilismus
- Moralität
- Metaphysik
- Werte
- Werttheorie
- Perspektivismus
- Dekadenz
- Erkenntnistheorie
Ins Gespräch kommen
- Was soll ein Leser mit Gedanken anfangen, die als fertiges System auftreten, das ihr Autor nie zusammenstellte?
- Spielt es eine Rolle, dass deine Schwester diese Fragmente ordnete, wenn die Gedanken darin wirklich deine sind?
- Was wird verfälscht, wenn verworfene Notizen nummeriert und als krönendes System herausgegeben werden, das ihr Schreiber aufgegeben hatte?
- Wie unterscheiden wir die späten Gedanken, die du wirklich ausgearbeitet hast, von der Gestalt, die deine Herausgeber ihnen nachträglich auferlegten?
- Jemand nimmt diesen Band als dein letztes und höchstes Wort — wovor würdest du ihn warnen, worauf er vertraut?