Gott ist tot
Ein Toller läuft am Mittag auf den Markt und schreit, wir hätten Gott getötet — kein Prahlen mit dem Atheismus, sondern ein Alarm. Der Grund, auf dem die europäische Moral stand, ist weggebrochen, und fast niemand hat den Sturz bemerkt.
Der Aphorismus 125 inszeniert den Tod Gottes als Diagnose statt als Triumph: Das gemeinsame Fundament des Werts ist fort, doch die Kultur, die es verlor, macht weiter, als sei nichts geschehen. Nietzsche schreibt den Schwindel in die Szene, den weggewischten Horizont, die von ihrer Sonne losgekettete Erde, weil er den Verlust als Aufgabe meint und nicht als Befreiung. Aus diesem Alarm gerissen, wurde „Gott ist tot“ zu einem der meistwiederholten Sätze des Jahrhunderts; im Buch ist es eine Warnung vor der Arbeit an der Neuschöpfung des Werts, von der noch niemand sieht, dass sie getan werden muss.
- Moralität
- Modernität
- Wahrheit
- Existenzialismus
- Erkenntnistheorie
Ins Gespräch kommen
- Wie würde man einem Menschen Halt geben, der seinen Glauben verloren hat und den Grund alles Werts wegbrechen fühlt?
- Ist der Tod Gottes nicht eine zu feiernde Befreiung statt des Schwindels und Alarms, die du hineinschreibst?
- Welche Arbeit legt uns der Tod Gottes auf, von der fast niemand noch sieht, dass sie getan werden muss?
- Wie unterscheidet sich der Schrei deines Tollen vom selbstsicheren Prahlen eines gewöhnlichen Atheisten, es gebe keinen Gott?
- Können Menschen nach einer Moral weiterleben, deren Fundament still zusammenbrach, als hätte sich gar nichts geändert?