Das Vorurteil der Philosophen
Große Systeme sind keine teilnahmslosen Untersuchungen, sondern Geständnisse, die unfreiwillige Denkschrift eines als Logik verkleideten Vorurteils. Wenn wir unsere eigenen Beweggründe nicht lesen und nicht die Ursache unserer selbst sein können — was wird aus dem Anspruch des Philosophen auf Wahrheit?
Bei den Philosophen selbst ansetzend, behauptet Nietzsche, jede große Metaphysik verrate die privaten Triebe ihres Verfassers, sodass der Wille zur Wahrheit in Wahrheit ein von Instinkt und Rang beherrschter Wille ist. Er leugnet den freien Willen, auf dem der sittliche Tadel ruht, da es unmöglich ist, die Ursache seiner selbst zu sein, und leugnet, dass die Selbstbeobachtung unsere wirklichen Beweggründe erreicht. Unter die Triebe setzt er den Willen zur Macht als einziges Erklärungsprinzip. Der Perspektivismus folgt: Es gibt keine reinen Tatsachen, nur Deutungen im Dienst irgendeiner Lebensform. Das Werk wird als Vorspiel einer Philosophie der Zukunft geboten.
- Psychologie
- Subjektivität
- Wahrheit
- Skepsis
- Erkenntnistheorie
- Perspektivismus
- Selbsttäuschung
- Instinkt
- intellektuelle Redlichkeit
Ins Gespräch kommen
- Wie ließe sich ein Mensch beunruhigen, der überzeugt ist, seine Ansichten seien reines Denken, von keinem privaten Trieb und Vorurteil berührt?
- Wenn jede Philosophie ein verstecktes Geständnis ist, ist dann deine eigene Behauptung nicht bloß ein weiteres Vorurteil ohne besseren Anspruch auf Wahrheit?
- Nimmt man an, dass niemand die Ursache seiner selbst ist, was muss ein Mensch von Stolz, Schuld und Tadel aufgeben?
- Wie unterscheidet sich deine Behauptung, es gebe nur Deutungen, von dem Satz, jede Meinung sei gleich gut?
- Jemand glaubt, klar in die eigenen Beweggründe blicken zu können — was steuert ihn in Wahrheit darunter?