Das Christentum als Rache am Leben
Nicht der Mensch Jesus, sondern die in seinem Namen errichtete Religion ist das Ziel: ein Kult aus Schuld und Jenseits, der Schwäche und Mitleid erhöht und allem Starken und Gesunden den Krieg erklärt. Das Christentum wird als die organisierte Rache der Missratenen am Leben selbst gelesen.
Als Eröffnungsbuch der Umwertung aller Werte geplant und im Fieber von 1888 geschrieben, ist dies Nietzsches unmittelbarster Angriff auf das Christentum. Jesus behandelt er beinahe zärtlich, als einen Menschen, der einfach auf eine bestimmte Weise lebte, und den Apostel Paulus nennt er den wahren Gründer und großen Fälscher, den, der dieses Leben in einen Glauben aus Sünde und Jenseits verwandelte. Der Vorwurf ist am Ende physiologisch: Die Religion ergreift Partei für das absteigende Leben gegen das aufsteigende. Sein ungeschütztestes Buch, bis 1895 vom Druck zurückgehalten, ist es das am leichtesten zu Vereinnahmende und das am schwersten fair zu Lesende.
- Religion
- Theologie
- Religionskritik
- Moralität
- Dekadenz
- Ressentiment
- Instinkt
- Glauben
- Christentum
- Priestertum
Ins Gespräch kommen
- Wie käme dir ein Mensch vor, der auf Schuld, Mitleid und dem Versprechen eines Jenseits gebaut ist?
- Ist Mitgefühl für die Schwachen nicht eine echte Tugend und nicht die organisierte Rache am Leben, die du ihm vorwirfst?
- Wenn eine Religion Schwäche und Mitleid erhöht, welcher Stärke lehrt sie ein ganzes Volk, in sich selbst zu misstrauen?
- Wie trennst du den Menschen Jesus, den du sanft behandelst, von dem Glauben, den Paulus in seinem Namen errichtete?
- Lässt sich ein Glaube danach beurteilen, ob er dem aufsteigenden oder dem absteigenden Leben dient, statt danach, ob er wahr ist?