Wahrheit als ein bewegliches Heer von Metaphern
Woher kommt unser Zutrauen zur Wahrheit, und übersteht es die Prüfung? Der Intellekt ist ein Werkzeug des Überlebens, kein Organ für die Wirklichkeit, und ein Begriff entsteht nur, indem man alles fortwirft, was ein Ding vom andern unterscheidet.
1873 diktiert und im Manuskript belassen, nimmt der Aufsatz eben das Zutrauen auseinander, das er untersucht. Die Sprache, argumentiert Nietzsche, bildet nichts ab: Ein Nervenreiz wird zum Laut, der Laut zum Wort, das Wort zum Begriff, der Ungleiches gleichsetzt, indem er viele Blätter „Blatt“ nennt. Was eine Kultur als Wahrheit ehrt, ist somit eine Metapher, deren bildliche Geburt vergessen wurde, und wahrhaftig zu sein heißt nur, nach einer festen Übereinkunft zu lügen. Ungelesen, bis seine Schwester ihn 1896 freigab, wurde das Stück ein Jahrhundert später zu einem Gründungstext der Dekonstruktion und jeder Auffassung von Erkenntnis als Rhetorik.
- Wahrheit
- Sprache
- Metapher
- Erkenntnistheorie
- Wahrnehmung
- Illusion
- Begriffe
- Täuschung
- Abstraktion
- Intellekt
Ins Gespräch kommen
- Jemand ist stolz darauf, stets die Wahrheit zu sagen — was würdest du darüber enthüllen, was die Wahrheit wirklich ist?
- Wenn jede Wahrheit nur eine vergessene Metapher ist, ist diese Behauptung dann nicht selbst bloß eine weitere Metapher ohne mehr Geltung?
- Was muss ein Mensch über den eigenen Geist zu glauben aufgeben, sobald der Intellekt nur ein Werkzeug des Überlebens ist?
- Wo genau endet die ehrliche Rede und beginnt der Lügner, wenn wahrhaftig zu sein heißt, nach einer festen Übereinkunft zu lügen?
- Wie soll ein Mensch leben, der weiß, dass jedes Wort, das er gebraucht, das Einzigartige in einen gemeinsamen Begriff einebnet?