WerkFriedrich Nietzsche

Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne

Der Aufsatz, den Nietzsche 1873 unveröffentlicht ließ und in dem er die Wahrheit „ein bewegliches Heer von Metaphern“ nannte — unsere Begriffe tote, vergessene Bilder.

von Friedrich Nietzsche38 Passagen vorhanden

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1873, ein Jahr nach Die Geburt der Tragödie, diktierte Nietzsche einen kurzen Aufsatz und ließ ihn im Manuskript liegen. Seine Frage ist, woher unser Vertrauen in die Wahrheit kommt, und seine Antwort zerlegt dieses Vertrauen. Der menschliche Intellekt, so argumentiert er, ist kein Organ zum Erfassen der Wirklichkeit, sondern ein Werkzeug zum Überleben, und die Sprache bildet die Welt nicht ab: Ein Nervenreiz wird zum Laut, der Laut zum Wort, das Wort zum Begriff — und ein Begriff entsteht nur dadurch, dass man alles wegwirft, was ein Ding vom anderen unterscheidet, und viele ungleiche Dinge „Blatt“ nennt. Was wir als Wahrheit ehren, ist mithin eine Metapher, deren bildlichen Ursprung wir vergessen haben, ein bewegliches Heer von Metaphern und Bildern, das langer Gebrauch verbindlich gemacht hat. Wahrhaftig zu sein heißt nur, nach einer festen Übereinkunft zu lügen. Das Stück blieb ungelesen; seine Schwester gab es 1896 heraus, nach seinem Zusammenbruch, und jahrzehntelang galt es als Kuriosität neben den berühmten Büchern. Dann fand es das späte zwanzigste Jahrhundert, und dieser verworfene Aufsatz wurde zu einem der meistzitierten Texte, die er schrieb — ein Gründungstext für die Dekonstruktion und für jede Auffassung von Erkenntnis, die sie als Rhetorik behandelt — ein volles Jahrhundert, nachdem Nietzsche ihn beiseitegelegt hatte.

Schlüsselbegriffe

Was bedeutet ein bewegliches Heer von Metaphern?

Es ist Nietzsches Bestimmung der Wahrheit in diesem Aufsatz: Wahrheiten sind ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien und Anthropomorphismen — Redefiguren, deren Ursprung als Figuren wir vergessen haben, durch langen Gebrauch glattgeschliffen, bis sie sich wörtlich und bindend anfühlen. Eine Wahrheit ist demnach keine Übereinstimmung von Wort und Welt, sondern eine Metapher, die eine Gemeinschaft übereingekommen ist, nicht mehr als solche zu hören.

Wie entsteht nach Nietzsche ein Begriff?

Ein Begriff entsteht, indem man Unterschiede fortwirft. Ein einzelnes Blatt gleicht keinem anderen, und doch bilden wir den Begriff „Blatt“, indem wir alles fallen lassen, was wirkliche Blätter unterscheidet, und nur behalten, was sie ungefähr teilen. Jedes Wort tut dies: Es setzt Ungleiches gleich. So bildet die Sprache die Wirklichkeit nie ab — von der ersten Silbe an abstrahiert und ebnet sie das Einzigartige ins Allgemeine.

Was bedeutet die Titelwendung im außermoralischen Sinne?

Sie zeigt an, dass Nietzsche nicht die übliche sittliche Frage stellt, ob das Lügen unrecht sei. Er stellt eine vorgängige, kältere Frage: was Wahrheit und Lüge überhaupt sind, da der Intellekt sich entwickelte, um ein schwaches Tier zu erhalten, nicht um die Wirklichkeit zu erkennen. Außerhalb der Moral gestellt, erweist sich die Wahrheit des ehrlichen Menschen als ein Lügen nach fester Übereinkunft.

Was ist die Kette vom Nervenreiz zum Wort, die er schildert?

Es ist die Folge, mit der Nietzsche zeigt, wie die Sprache den Kontakt zur Welt verliert. Ein Nerv wird gereizt; dieser Reiz wird in ein Bild übersetzt, das Bild in einen Laut, der Laut in ein Wort. Bei jedem Sprung wird etwas Unvergleichbares hinübergetragen, als wäre es gleichwertig. So ist selbst das einfache Benennen Metapher auf Metapher gehäuft, nie eine Abbildung des Dings selbst.

Themen des Buches

Worauf dieses Buch immer wieder zurückkommt, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Textes jedes einnimmt.

Wahrheit als ein bewegliches Heer von Metaphern

Woher kommt unser Zutrauen zur Wahrheit, und übersteht es die Prüfung? Der Intellekt ist ein Werkzeug des Überlebens, kein Organ für die Wirklichkeit, und ein Begriff entsteht nur, indem man alles fortwirft, was ein Ding vom andern unterscheidet.

1873 diktiert und im Manuskript belassen, nimmt der Aufsatz eben das Zutrauen auseinander, das er untersucht. Die Sprache, argumentiert Nietzsche, bildet nichts ab: Ein Nervenreiz wird zum Laut, der Laut zum Wort, das Wort zum Begriff, der Ungleiches gleichsetzt, indem er viele Blätter „Blatt“ nennt. Was eine Kultur als Wahrheit ehrt, ist somit eine Metapher, deren bildliche Geburt vergessen wurde, und wahrhaftig zu sein heißt nur, nach einer festen Übereinkunft zu lügen. Ungelesen, bis seine Schwester ihn 1896 freigab, wurde das Stück ein Jahrhundert später zu einem Gründungstext der Dekonstruktion und jeder Auffassung von Erkenntnis als Rhetorik.

  • Wahrheit
  • Sprache
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  • Intellekt

In diesem Werk

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38
eigenständige Begriffe
74
nach vorhandenen Passagen, korpusweit
Nr. 243

Was dieses Buch zusammen denkt

Jeder Bogen am Rad ist ein Begriff dieses Buches. Ein Band verbindet zwei, nach denen der Text gemeinsam greift; seine Breite zeigt, wie viele seiner Passagen beide enthalten. Am stärksten: Erkenntnistheorie mit Metapher.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 8 Konzepte, verbunden durch 9 Paarungen. 20 gemeinsame Passagen insgesamt. 9 schwächere Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
ErkenntnistheorieMetapher3
ErkenntnistheorieWahrnehmung3
ErkenntnistheorieSprache2
IllusionWahrnehmung2
IntellektTäuschung2
IntellektÜberleben2
MetapherSprache2
MetapherWahrnehmung2
TäuschungÜberleben2

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