Nach Kants Tod 1804 galt in Deutschland als ausgemacht, dass die Welt im Kern vernünftig eingerichtet sei. Kant hatte das Ding an sich für unerkennbar erklärt; die Lehrstühle in Jena, München und Berlin lasen das als Einladung, es dennoch zu erkennen — als Geist, als Absolutes, als Weltvernunft, die sich in der Geschichte selbst begreift. Der Mann, der ihnen widersprach, hatte nicht zuerst Philosophie gelernt, sondern den Handel.
Der Vater hatte ihm 1803 die Wahl gelassen: Gymnasium und Gelehrtenlaufbahn — oder eine Reise durch Europa und danach das Kontor. Der Fünfzehnjährige nahm die Reise und war damit an den Handel gebunden. Am 20. April 1805 wurde Heinrich Floris Schopenhauer tot aufgefunden; die Familie ging von Selbsttötung aus. Im Juni 1807 brach der Sohn die Lehre ab, auf Zuraten Carl Ludwig Fernows; alles Weitere bezahlte das väterliche Erbe, das ihm mit der Volljährigkeit zufiel. Die Zinsen seiner Staatspapiere übertrafen zeitlebens das doppelte Gehalt eines Professors. Er brauchte nie ein Amt — was den Ton erklärt, in dem er über die schrieb, die eines hatten.
Seine Gegenthese steht in einem Satz: Das Ding an sich ist erkennbar, aber es ist keine Vernunft, sondern blinder Drang — erkennbar deshalb, weil jeder es selbst ist. Von außen erscheint der eigene Leib als Körper unter Körpern, Vorstellung wie alles andere; von innen meldet er sich als Wollen, das keinen Grund angibt und keinen braucht. Dasselbe Drängen treibt den Baum ins Licht, hält den Kristall zusammen, zieht den Magneten.
1813 legte ihm der Orientalist Friedrich Majer in Weimar das Oupnek'hat vor, Anquetil-Duperrons lateinische Fassung einer persischen Übertragung der Upanischaden; das Buch nannte er später den Trost seines Lebens und seines Sterbens. Aus Kant, Platon und den Upanischaden — den drei Quellen, zu denen er sich bekannte — baute er mit dreißig Jahren ein System, das er danach ergänzte, aber nie umbaute. Die Welt als Wille und Vorstellung erschien Anfang 1819. Bis die erste Auflage vergriffen war, vergingen dreißig Jahre.
1820 habilitierte er sich in Berlin und setzte seine Vorlesung auf die Stunde, in der Hegel las. Fünf Hörer kamen. Damit war der Versuch beendet, im Betrieb zu bestehen; was blieb, war eine lebenslange Feindschaft gegen die Universitätsphilosophie, die er für Sachkritik hielt und die zum Teil auch Sachkritik war. 1833 zog er nach Frankfurt am Main und blieb dort siebenundzwanzig Jahre.
Was in diesen Jahren entstand, war keine Resignation, sondern Ethik. Liegt allen Wesen derselbe Wille zugrunde, dann trennt die Grenze zwischen mir und dem anderen bloß Erscheinungen, und Mitleid ist keine Rührung, sondern Erkenntnis: der Augenblick, in dem einer im fremden Leiden das eigene Wesen wiedererkennt. Also gehören auch die Tiere in die Moral — gegen Kant und gegen eine Tradition, die ihnen den Rang von Sachen zugewiesen hatte. 1839 krönte die Königlich Norwegische Societät der Wissenschaften seine Preisschrift Ueber die Freiheit des menschlichen Willens. 1840 verweigerte die Königlich Dänische Societät der Wissenschaften der Schrift über die Grundlage der Moral den Preis, obwohl keine zweite Arbeit eingegangen war. 1841 druckte er beide Schriften zusammen — und das Urteil dazu.
Der Ruhm kam spät und über ein Nebenwerk. Parerga und Paralipomena, 1851 in zwei Bänden erschienen, fand endlich Leser, und die Leser gingen von dort zum Hauptwerk zurück, das er 1844 um einen ganzen Ergänzungsband erweitert hatte. Die dritte Auflage erschien 1859, ein Jahr vor seinem Tod. Danach war er ein halbes Jahrhundert lang der wirksamste deutsche Philosoph außerhalb der Hörsäle: Wagner komponierte den Tristan unter diesem Eindruck, Nietzsche widmete ihm 1874 eine Schrift und arbeitete sich den Rest seines Lebens an ihm ab, und Freuds Trieb wie Wittgensteins frühe Sätze über Welt und Wille stehen erkennbar in seiner Schuld.
Ob die Grundthese trägt, ist offen. Dass die Welt als Ganzes ein einziger Wille sei, hält heute kaum jemand für beweisbar, und der Schritt von der Selbsterfahrung zum Weltganzen gilt seit über hundert Jahren als die wunde Stelle des Systems; ob Schopenhauer ihn überhaupt für einen Beweis ausgab, ist bis heute strittig. Geblieben ist die Umkehrung, mit der alles anfing: Der Verstand regiert nicht, er begründet nachträglich, was das Wollen längst entschieden hat. 1819 war das eine Provokation. Heute ist es die Voreinstellung der halben Psychologie.