Um 1800 stand die deutsche Philosophie vor einer Grenze, die Kant selbst gezogen hatte: Erkennbar ist, was uns erscheint, nicht das Ding, wie es an sich ist. Ein Fortschritt, gewiss — und doch eine Kränkung. Die Vernunft hatte sich vermessen und war dabei kleiner geworden. Fichte, Jacobi und Schelling arbeiteten sich jeder auf seine Weise an dieser Kluft ab. Georg Wilhelm Friedrich Hegel drehte die Frage um: Wer eine Grenze des Erkennens benennt, steht mit einem Fuß bereits jenseits von ihr, sonst sähe er sie gar nicht.
Daraus wurde der Gedanke, für den er bis heute gelesen wird: Der Widerspruch ist kein Fehler des Denkens, sondern sein Antrieb. Ein Begriff, zu Ende gedacht, gerät mit sich selbst in Streit und treibt eben dadurch über sich hinaus. Hegel nannte diesen Schritt Aufhebung und meinte alle drei Bedeutungen des Wortes zugleich: beenden, bewahren, auf eine höhere Stufe heben. Wahrheit ist deshalb kein Satz, den man festhält, sondern ein Weg, den man durchläuft — und ganz ist sie erst am Ende.
Er kam spät dazu. Ab 1788 saß er im Tübinger Stift, Stubengenosse von Hölderlin und Schelling: drei junge Männer, die den Ausbruch der Französischen Revolution als Aufbruch der Vernunft selbst lasen. Die Jakobinerherrschaft ernüchterte ihn, zurückgenommen hat er sein Urteil über die Revolution nie. Dann sieben Jahre Hauslehrer in Bern und Frankfurt, Jahre mit Montesquieu, Hume, Rousseau und Spinoza statt mit einem Katheder. Erst als der Vater im Januar 1799 starb und ein bescheidenes Erbe hinterließ, konnte Hegel sich die Universität leisten. Im Januar 1801 traf er in Jena ein; seine erste Vorlesung im Winter darauf hörten elf Studenten, außerordentlicher Professor wurde er 1805, mit vierunddreißig. Der jüngere Schelling war da längst berühmt.
Im Oktober 1806 vollendete er in Jena die Phänomenologie des Geistes. Am 13. Oktober sah er Napoleon durch die Stadt reiten, tags darauf zerschlug dessen Armee vor den Toren das preußische Heer. Die Universität brach zusammen. Wer eben den Weg des Bewusstseins bis zum absoluten Wissen beschrieben hatte, redigierte 1807 die Bamberger Zeitung und leitete ab 1808 acht Jahre lang ein Nürnberger Gymnasium. Diese neun Jahre außerhalb der Universität sind kein Zwischenspiel: Geschichte war für ihn kein Hintergrund, vor dem gedacht wird, sondern der Stoff, in dem das Denken überhaupt erst zu sich kommt.
Heidelberg holte ihn 1816, Berlin 1818 auf den Lehrstuhl Fichtes; dort wurde er zur Institution. 1821 erschien mit den Grundlinien der Philosophie des Rechts sein letztes selbst geschriebenes Buch, 1829 wählte ihn die Universität zum Rektor. Ob dieses Buch den preußischen Staat rechtfertigt oder ihn an einem Vernunftmaßstab misst, wird seit zweihundert Jahren gestritten. Am 14. November 1831 starb er; die amtliche Diagnose lautete Cholera, neuere Forschung hält ein chronisches Magenleiden für wahrscheinlicher. Begraben liegt er auf eigenen Wunsch neben Fichte.
Danach zerfiel die Schule. Spätestens seit David Friedrich Strauß' Das Leben Jesu von 1835 stritten Rechts- und Linkshegelianer, ob dieses System das Bestehende begründe oder untergrabe; Marx behielt die Methode und stellte den Inhalt auf den Kopf. Offen hält den Streit ein philologischer Befund: Fast die Hälfte dessen, was unter Hegels Namen steht — die Vorlesungen über Ästhetik, Geschichte, Religion —, ist aus studentischen Nachschriften kompiliert. 2022 tauchten in der Diözesanbibliothek des Erzbistums München und Freising über viertausend Seiten solcher Notizen aus seinen Heidelberger Vorlesungen auf. Woran zwei Jahrhunderte sich abgearbeitet haben, ist streckenweise die Arbeit seiner Herausgeber.