PhilosophGermany

Ludwig Feuerbach

Der Kritiker: Theologie als Selbstverständnis des Menschen

2 Werke · 701 Passagen verankert

Lebensdaten
1804–1872
Wikipedia

Der Geist

Um 1830 galt an den deutschen Universitäten als ausgemacht, dass Philosophie und Christentum am Ende dasselbe sagen — die eine im Begriff, das andere im Bild. Hegel hatte diesen Frieden gestiftet, und er trug: Katheder, Kanzel und Staat ruhten auf ihm. Wer ihn aufkündigte, kündigte mehr auf als eine Lehrmeinung.

Der Mann, der ihn aufkündigte, hatte ihn zuerst geglaubt. 1823 schrieb er sich in Heidelberg für evangelische Theologie ein; die rationalistische Schriftauslegung, die er dort hörte, wurde ihm rasch unerträglich. 1824 ging er nach Berlin und hörte zwei Jahre lang sämtliche Vorlesungen Hegels, die Logik zweimal. 1828 habilitierte er sich in Erlangen und las dort als unbesoldeter Privatdozent.

Zwei Jahre darauf war die Laufbahn zu Ende, und ein einziges anonym erschienenes Buch genügte dafür. Die Gedanken über Tod und Unsterblichkeit bestritten das Fortleben der einzelnen Seele und setzten das Fortleben der Gattung an seine Stelle; die angehängten Spottverse auf die Pietisten taten das Übrige. Die Schrift wurde sofort verboten, die Polizei suchte den Verfasser und fand ihn. 1832 brach er seine Vorlesungen ab. Einen Lehrstuhl hat er nie bekommen.

Er zog aufs Land, nach Bruckberg bei Ansbach, wo seine spätere Frau Bertha Löw an einer Porzellanfabrik beteiligt war. Freies Wohnrecht in einem alten Jagdschloss, schmale Erträge, über zwanzig Jahre ohne Fakultät, ohne Kollegen, ohne Rücksicht. Diese Unabhängigkeit hielt er selbst für die Bedingung seines Denkens.

Aus ihr erschien 1841 Das Wesen des Christentums. Der Satz, um dessentwillen das Buch geschrieben war, steht schon auf den ersten Seiten: Theologie ist Anthropologie. Was die Menschen von Gott aussagen, sagen sie über sich selbst.

Das ist wörtlich gemeint. Vernunft, Wille und Liebe sind Vermögen der Gattung; der Einzelne besitzt sie bruchstückhaft, die Menschheit ganz. Der Gläubige steigert sie ins Unendliche, stellt sie sich als Person gegenüber und kniet davor nieder — er verehrt sein eigenes Gattungswesen, ohne es zu wissen. Eine Widerlegung der Religion sollte das ausdrücklich nicht sein, sondern ihre Entzifferung: Der Gläubige irrt nicht darin, was er sagt, sondern darin, an wen er es richtet.

Binnen weniger Monate war er berühmt, und die junge Linke wurde seine Schülerschaft. Die Lehrzeit war kurz. Max Stirner hielt ihm 1844 vor, diese Religionskritik sei selber noch fromm und die Gattung nur ein neuer Herrgott. Marx, der ihn im Jahr zuvor überschwänglich gefeiert hatte, warf ihm 1845 in elf knappen Thesen vor, er nehme den Menschen als Naturwesen statt als geschichtliches — und er deute die Welt, statt sie zu ändern.

Gelesen wurde er trotzdem, und nicht nur von Philosophen. Als ihn 1848 Heidelberger Studenten zu Vorlesungen einluden, verweigerte die Universität die Aula; er las im Rathaussaal vor rund 250 Zuhörern, von denen nur ein Drittel Studenten waren, der Rest Bürger, Handwerker, Arbeiter. 1854 übersetzte Mary Ann Evans, die als George Eliot Romane schrieb, das Buch ins Englische.

Die letzten Jahre waren arm. 1859 ging die Porzellanfabrik bankrott; Freunde bezahlten den Umzug, Zeitungen sammelten Spenden, ab 1862 lebte er von Ehrengaben und zwei Leibrenten. 1869 trat er der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei bei. 1870 zerstörte ein Schlaganfall sein Denkvermögen, 1872 starb er. Zu seinem Begräbnis in Nürnberg kam eine unübersehbare Menge.

Ob er wirklich Materialist war und ob seine späte Hinwendung zum leiblichen Einzelnen das Gattungswesen widerruft, streitet die Forschung bis heute. Unstrittig ist der Ertrag: Der Gedanke, Religion sei eine Projektion, ist längst Allgemeingut. Sein Urheber ist es nicht.

Schlüsselbegriffe

Was bedeutet Entfremdung in Feuerbachs Darstellung der Religion?

Entfremdung tritt ein, wenn menschliche Kräfte als Kräfte Gottes ins Bewusstsein zurückkehren. In Das Wesen des Christentums (1841) behandelt Feuerbach göttliche Allwissenheit, Güte und Willen als menschliche Fähigkeiten, die von ihrer menschlichen Quelle getrennt und als selbstständige Wesen verehrt werden. Der Verlust ist nicht nur theoretischer, sondern auch praktischer Art: Die Menschen geben ihre eigenen Kräfte preis und wenden sich ihnen anschließend als Gaben von anderswoher zu.

Welche Rolle spielt die Abhängigkeit von der Natur in der Religion?

Religiöses Gefühl beginnt in der Abhängigkeit von der Natur, insbesondere von den Bedingungen, die das leibliche Leben erhalten oder bedrohen. In Das Wesen der Religion (1845) bringt Feuerbach Götter mit menschlichen Reaktionen auf Nahrung, Wetter, Fruchtbarkeit, Krankheit und Tod in Verbindung. Die Natur liefert der Religion daher ihren Stoff, während die Vorstellungskraft die Abhängigkeit in ein Verhältnis zu persönlichen Mächten verwandelt. Diese Darstellung verlagert die Erklärung vom Himmel auf die menschliche Existenz.

Warum kritisiert Feuerbach Hegels spekulative Methode?

Feuerbach greift die spekulative Philosophie an, weil sie die Ordnung zwischen Subjekt und Prädikat umkehrt. Statt einen menschlichen Gedanken zum Ausgangspunkt zu machen und die Abstraktion als dessen Beschreibung zu behandeln, lässt Hegels System die Abstraktion so handeln, als habe sie den Menschen hervorgebracht. Feuerbachs Korrektur ist grammatischer und philosophischer Art: Die Prädikate sind an die Subjekte zurückzugeben, die sie denken und verwenden.

Was meint Feuerbach mit Materialismus?

Feuerbachs Materialismus macht den leiblichen, empfindenden Menschen — nicht einen isolierten Geist — zum Ausgangspunkt der Erklärung. Er führt das Denken nicht auf eine mechanische Substanz zurück, sondern besteht darauf, dass Bewusstsein von einem lebendigen Organismus abhängt, der in der Natur und unter anderen Menschen situiert ist. Diese Veränderung ist bedeutsam, weil die Ethik auf Hunger, Liebe, Krankheit und Leiden antworten muss, statt auf Begriffen zu beruhen, die vom Leben losgelöst sind.

Themen eines Geistes

Begriffe, die im hier vorliegenden Korpus gemeinsam wiederkehren, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Gesamtwerks jedes einnimmt.

Die als Gott projizierte Menschheit

Was geschieht, wenn menschliche Kräfte einem Wesen jenseits der Menschheit anzugehören scheinen? Die Antwort entscheidet darüber, ob Religion eine göttliche Wirklichkeit offenbart oder menschliche Bedürfnisse in heiliger Form verbirgt.

Feuerbach macht in Das Wesen des Christentums (1841) geltend, dass die Theologie das Verhältnis von Mensch und Gottheit umkehrt: Der Mensch projiziert seine eigene Vernunft, seine Liebe, seinen Willen und seine sittlichen Ideale in Gott und verehrt diese Kräfte dann als fremde. Der Anthropomorphismus schmückt den religiösen Glauben also nicht bloß, er erklärt dessen Bau. Der Glaube macht das menschliche Wesen zu einem äußeren Gegenstand; die Kritik gibt es dem Menschen zurück und legt den Preis seiner Selbstentfremdung offen.

  • Theologie
  • Religion
  • Glauben
  • Göttlichkeit
  • Projektion
  • Anthropomorphismus
  • Einbildungskraft

Das menschliche Wesen

Was macht den Menschen zu mehr als einem isolierten Subjekt, und wie könnte diese Antwort das göttliche Wesen ersetzen? Die Tragweite reicht von der persönlichen Identität bis zur Möglichkeit eines gemeinsamen menschlichen Lebens.

Gegen Lehren, die die Wahrheit in ein einsames Bewusstsein legen, versteht Feuerbach den Menschen als Gattungswesen: leiblich, auf andere bezogen und seiner selbst bewusst. Seine Anthropologie verlegt das Wesen aus einer abstrakten metaphysischen Substanz in die konkreten Kräfte des gelebten Lebens, in Denken, Fühlen, Begehren und Anerkennen. In Das Wesen des Christentums dient ihm die Religion als Beleg dieses Baus, denn Vollkommenheit lässt sich nur vorstellen, indem man Vermögen vergrößert, die im Menschen und in seinesgleichen bereits vorhanden sind.

  • Subjektivität
  • Menschheit
  • Anthropologie
  • Wesen
  • Bewusstsein
  • Selbstbewusstsein
  • Identität
  • Psychologie

Ein Humanismus des sinnlichen Lebens

Kann die Vernunft allein dem Menschen sagen, was zählt, oder erschließen Liebe, Begehren, Natur und Leiden Wahrheiten, die der Abstraktion entgehen? Die Antwort entscheidet, ob die Ethik beim losgelösten Denken oder bei gelebten menschlichen Beziehungen ansetzt.

Feuerbach setzt die Sinnlichkeit gegen eine Philosophie, die das Denken für wirklicher hält als die Leiber und Gefühle, in denen Menschen leben. Die Natur gibt die Bedingungen des menschlichen Lebens, die Liebe zeigt die Angewiesenheit auf andere, das Leiden führt die Grenzen eines vereinzelten Selbst vor. Das Wesen der Religion (1845) trägt diesen Nachdruck auf das Materielle über die Religionskritik hinaus und macht die Ethik den menschlichen Bedürfnissen verantwortlich, nicht einer Moral, die von übernatürlicher Autorität gedeckt wird.

  • Natur
  • Liebe
  • Verlangen
  • Leiden
  • Ethik
  • Moralität

Gegen die spekulative Abstraktion

Wenn die Vernunft ihre eigenen Abstraktionen in selbständige Wirklichkeiten verwandelt, was hat sie dann aus dem Blick verloren? Feuerbachs Antwort stellt die Autorität der Philosophie unter den Druck von Geschichte, Widerspruch und tatsächlichem menschlichem Bewusstsein.

Feuerbach verwirft die Metaphysik dort, wo sie Begriffe als Schöpfer behandelt statt als Erzeugnisse menschlicher Tätigkeit. Seine Kritik der spekulativen Vernunft kehrt, gerade im Nachhall des deutschen Idealismus, die Richtung der Erklärung um: Das Denken geht aus lebendigen Wesen hervor, statt sie aus einem abstrakten Anfang hervorzubringen. Negation und Widerspruch behalten ihr Gewicht, doch müssen sie menschliche und geschichtliche Vorgänge beschreiben und dürfen kein Reich jenseits der Erfahrung beglaubigen. So entsteht eine materialistische Erkenntnislehre, die im menschlichen Leben gründet.

  • Vernunft
  • Logik
  • Widerspruch
  • Entfremdung
  • Erkenntnistheorie
  • Metaphysik
  • Geschichte
  • Negation

In Zahlen

Werke im Bestand
2
erfasste Passagen
701
erfasste Konzepte
578
thematische Cluster
4

Konzepte, die zusammen auftreten

Jeder Bogen am Rad ist ein Konzept. Ein Band verbindet zwei, die immer wieder in derselben Passage auftauchen; seine Breite zeigt, wie viele Passagen sie teilen. Am stärksten: Subjektivität mit Theologie.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 8 Konzepte, verbunden durch 21 Paarungen. 267 gemeinsame Passagen insgesamt. 79 schwächere Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
SubjektivitätTheologie30
ReligionSubjektivität23
ProjektionTheologie21
AnthropologieTheologie19
NaturTheologie17
ProjektionSubjektivität17
ReligionTheologie17
NaturReligion16
ProjektionReligion14
AnthropologieProjektion11
SubjektivitätWesen11
TheologieWesen10
AnthropologieReligion9
AnthropologieWesen8
GlaubenSubjektivität8
ReligionWesen8
AnthropologieSubjektivität7
ProjektionWesen6
AnthropologieNatur5
GlaubenTheologie5
NaturSubjektivität5

Der Bogen eines Werks

Das Gewicht einer Zelle ist der Anteil des Konzepts an den Passagen des Werks; eine Spalte lässt sich daher ebenso von oben nach unten lesen wie eine Zeile von links nach rechts. Am dichtesten: Theologie in Das Wesen der Religion, 45,9 %.

Dichte 0 % 45,9 %

Konzeptdichte je Werk, chronologisch 2 Werke, in der Reihenfolge ihrer Entstehung. 8 Konzeptspalten, nach Gesamtgewicht geordnet. 94 weitere Konzepte liegen außerhalb der gezeigten Spalten.
WerkJahrTheologieNaturReligionProjektionSubjektivitätGöttlichkeitVerlangenEinbildungskraft
Das Wesen des Christentums27,3 %10,7 %17,5 %10,1 %18,4 %5,7 %2,9 %6 %
Das Wesen der Religion45,9 %37,8 %27 %18,9 %5,4 %16,2 %16,2 %10,8 %

Werke im Bestand

Titel in deiner Sprache, darunter das Original in Klammern. Die seitlichen Marken zeigen, welche Volltexte vorliegen.

  1. 1841 Das Wesen des Christentums

    Das Buch, das die Junghegelianer und den jungen Marx gegen Hegel kehrte, indem es die Theologie als verkleidete Anthropologie deutete – Feuerbachs folgenreichstes Werk und dasjenige, das einem Augenblick den Namen gab.

    DE
  2. 1845 Das Wesen der Religion

    Eine kürzere Schrift von 1846, die die Frage des früheren Buches vom menschlichen Wesen auf die Natur selbst wendet — ob sie dessen Argument fortführt oder ersetzt, ist umstritten — und die Heidelberger Vorlesungen vorbereitet, die Feuerbach zwei Jahre später hielt.

    DE
Einen Dialog mit Ludwig Feuerbach beginnen

— oder zieh weiter zu einem anderen Geist

Zwei Geister gegeneinander antreten lassen

Jede dieser Fragen beantworten die beiden verschieden. Wähle eine, und sie tragen sie aus, beide gestützt auf die hier vorliegenden Texte.