Um 1830 galt an den deutschen Universitäten als ausgemacht, dass Philosophie und Christentum am Ende dasselbe sagen — die eine im Begriff, das andere im Bild. Hegel hatte diesen Frieden gestiftet, und er trug: Katheder, Kanzel und Staat ruhten auf ihm. Wer ihn aufkündigte, kündigte mehr auf als eine Lehrmeinung.
Der Mann, der ihn aufkündigte, hatte ihn zuerst geglaubt. 1823 schrieb er sich in Heidelberg für evangelische Theologie ein; die rationalistische Schriftauslegung, die er dort hörte, wurde ihm rasch unerträglich. 1824 ging er nach Berlin und hörte zwei Jahre lang sämtliche Vorlesungen Hegels, die Logik zweimal. 1828 habilitierte er sich in Erlangen und las dort als unbesoldeter Privatdozent.
Zwei Jahre darauf war die Laufbahn zu Ende, und ein einziges anonym erschienenes Buch genügte dafür. Die Gedanken über Tod und Unsterblichkeit bestritten das Fortleben der einzelnen Seele und setzten das Fortleben der Gattung an seine Stelle; die angehängten Spottverse auf die Pietisten taten das Übrige. Die Schrift wurde sofort verboten, die Polizei suchte den Verfasser und fand ihn. 1832 brach er seine Vorlesungen ab. Einen Lehrstuhl hat er nie bekommen.
Er zog aufs Land, nach Bruckberg bei Ansbach, wo seine spätere Frau Bertha Löw an einer Porzellanfabrik beteiligt war. Freies Wohnrecht in einem alten Jagdschloss, schmale Erträge, über zwanzig Jahre ohne Fakultät, ohne Kollegen, ohne Rücksicht. Diese Unabhängigkeit hielt er selbst für die Bedingung seines Denkens.
Aus ihr erschien 1841 Das Wesen des Christentums. Der Satz, um dessentwillen das Buch geschrieben war, steht schon auf den ersten Seiten: Theologie ist Anthropologie. Was die Menschen von Gott aussagen, sagen sie über sich selbst.
Das ist wörtlich gemeint. Vernunft, Wille und Liebe sind Vermögen der Gattung; der Einzelne besitzt sie bruchstückhaft, die Menschheit ganz. Der Gläubige steigert sie ins Unendliche, stellt sie sich als Person gegenüber und kniet davor nieder — er verehrt sein eigenes Gattungswesen, ohne es zu wissen. Eine Widerlegung der Religion sollte das ausdrücklich nicht sein, sondern ihre Entzifferung: Der Gläubige irrt nicht darin, was er sagt, sondern darin, an wen er es richtet.
Binnen weniger Monate war er berühmt, und die junge Linke wurde seine Schülerschaft. Die Lehrzeit war kurz. Max Stirner hielt ihm 1844 vor, diese Religionskritik sei selber noch fromm und die Gattung nur ein neuer Herrgott. Marx, der ihn im Jahr zuvor überschwänglich gefeiert hatte, warf ihm 1845 in elf knappen Thesen vor, er nehme den Menschen als Naturwesen statt als geschichtliches — und er deute die Welt, statt sie zu ändern.
Gelesen wurde er trotzdem, und nicht nur von Philosophen. Als ihn 1848 Heidelberger Studenten zu Vorlesungen einluden, verweigerte die Universität die Aula; er las im Rathaussaal vor rund 250 Zuhörern, von denen nur ein Drittel Studenten waren, der Rest Bürger, Handwerker, Arbeiter. 1854 übersetzte Mary Ann Evans, die als George Eliot Romane schrieb, das Buch ins Englische.
Die letzten Jahre waren arm. 1859 ging die Porzellanfabrik bankrott; Freunde bezahlten den Umzug, Zeitungen sammelten Spenden, ab 1862 lebte er von Ehrengaben und zwei Leibrenten. 1869 trat er der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei bei. 1870 zerstörte ein Schlaganfall sein Denkvermögen, 1872 starb er. Zu seinem Begräbnis in Nürnberg kam eine unübersehbare Menge.
Ob er wirklich Materialist war und ob seine späte Hinwendung zum leiblichen Einzelnen das Gattungswesen widerruft, streitet die Forschung bis heute. Unstrittig ist der Ertrag: Der Gedanke, Religion sei eine Projektion, ist längst Allgemeingut. Sein Urheber ist es nicht.