Die Theologie als Anthropologie gelesen
Wenn ein Gläubiger von Gott spricht, wen beschreibt er in Wahrheit? Feuerbach kehrt den Satz um: Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde, und die Religion ist die Gattung, die sich selbst unerkannt anbetet.
Die christliche Theologie lehrt, Gott habe den Menschen nach seinem Bilde geschaffen; Feuerbach kehrt es um. Die Religion ist die menschliche Gattung, die ihr eigenes Wesen nach außen wirft und sich davor als vor einem anderen verneigt, ohne das Gesicht zu erkennen. Recht gelesen, ist jede Aussage über Gott eine verkleidete über den Menschen im Großen – die Theologie ist Anthropologie. Er schrieb es als der kühnste der Junghegelianer, in einem Deutschland, in dem Strauß das Wunder aus den Evangelien getilgt hatte. Der Gedanke ist nicht bloß, dass die Religion tröstet; ihr ganzer Gehalt ist menschlich, als göttlich missdeutet, und die Aufgabe ist, ihn zurückzulesen.
- Theologie
- Religion
- Projektion
- Anthropologie
- Göttlichkeit
- Menschheit
- Wesen
- Einbildungskraft
- Bewusstsein
- Selbstbewusstsein
- Anthropomorphismus
Ins Gespräch kommen
- Was ändert es für einen Gläubigen, wenn man ihm sagt, dass er in der Anbetung Gottes unwissentlich die menschliche Gattung selbst anbetet?
- Zu sagen, jede Religion sei in Wahrheit die Menschheit, die sich selbst missversteht — ist das nicht ein Kunstgriff, der von vornherein voraussetzt, es gebe keinen Gott?
- Wie unterscheidet sich deine Behauptung, die Theologie sei Anthropologie, davon, die Religion bloß eine tröstliche Illusion zu nennen?
- Um anzunehmen, das Göttliche sei das nach außen gekehrte menschliche Wesen — welche Hoffnung auf eine Wirklichkeit jenseits unser selbst muss ein Leser fahren lassen?
- Für jemanden, der seinen Glauben verloren hat, nicht aber die Sehnsucht darunter — worauf zielte diese Sehnsucht deiner Lesart nach immer schon?