Religion, geboren aus der Abhängigkeit
Woher kommt der Sinn für eine Macht, größer als man selbst, noch vor jeder Vorstellung von Gott? Feuerbach wurzelt ihn in der schlichten Abhängigkeit eines Geschöpfs von dem, ohne das es nicht leben kann.
Feuerbach führt die Religion auf das Gefühl der Abhängigkeit zurück — aber nicht auf die verfeinerte schlechthinnige Abhängigkeit, die Schleiermacher zum Grund des Glaubens gemacht hatte. Er meint die gewöhnliche Abhängigkeit eines lebenden Geschöpfs von der Sonne, der Erde, dem Wasser, die es zum Überleben braucht. Aus diesem empfundenen Bedürfnis und der damit verwobenen Furcht und Dankbarkeit wird die Religion geboren. Das beantwortet eine Frage, die sein berühmtes früheres Buch offen ließ: woher der Sinn für eine höhere Macht kommt, ehe irgendein menschliches Wesen projiziert wird. Der Glaube beginnt nicht in einer besonderen religiösen Anschauung, sondern in der bloßen Verfassung, ein bedürftiges Naturgeschöpf zu sein.
- Religion
- Theologie
- Natur
- Naturalismus
- Abhängigkeit
- Sterblichkeit
- politische Theologie
- Verursachung
Ins Gespräch kommen
- Was bedeutet es für den Sinn eines Menschen fürs Heilige, ihn auf die schlichte Abhängigkeit von der Sonne, der Erde und dem Wasser zurückzuführen?
- Ist es nicht zu grob, die Religion im Gefühl der Abhängigkeit zu gründen — viele Gläubige empfinden Dankbarkeit und Ehrfurcht, nicht bloßes Bedürfnis?
- Wie unterscheidet sich die Abhängigkeit, die du beschreibst, von Schleiermachers schlechthinniger Abhängigkeit, die er zum eigentlichen Grund des Glaubens machte?
- Um die Wurzel der Religion im gewöhnlichen geschöpflichen Bedürfnis zu verorten — welchen edleren Ursprung des Glaubens muss ein Leser preiszugeben bereit sein?
- Für jemanden, der sich vor der Natur klein fühlt und sich doch unreligiös nennt — was, sagt deine Deutung, empfindet er bereits?