Newtons Physik berechnete im 18. Jahrhundert Planetenbahnen und Gezeiten mit einer Genauigkeit, die niemand bestritt. Die Metaphysik stritt derweil über dieselben Fragen wie tausend Jahre zuvor: Gott, Freiheit, Unsterblichkeit der Seele. Christian Wolffs Schulphilosophie leitete das alles aus bloßen Begriffen ab — und David Hume zeigte, dass sie damit nichts ableitete. Wer sagt, der Stoß treibe die Kugel, hat nur oft genug gesehen, wie das eine dem anderen folgte; die Notwendigkeit steckt in der Gewohnheit, nicht in den Dingen. Auf dem Spiel stand keine Lehrmeinung, sondern die Frage, ob die Naturwissenschaft überhaupt weiß, was sie zu wissen glaubt.
In Königsberg unterrichtete zu dieser Zeit ein Magister, der von den Groschen seiner Hörer lebte. Immanuel Kant las seit 1755 als Privatdozent über Logik, Metaphysik und Mathematik, dazu über Erdbeben und physische Geographie — bezahlt wurde nach Köpfen im Saal. 1759 ging der Lehrstuhl für Logik und Metaphysik an einen anderen, den für Dichtkunst lehnte er 1764 ab, die Rufe nach Erlangen und Jena ebenso. Seine erste feste Anstellung war ab 1766 die eines Unterbibliothekars an der Schlossbibliothek. Professor wurde er mit sechsundvierzig.
Den Anstoß gab Hume: Die Erinnerung an den Schotten, hat Kant später gesagt, habe seinen dogmatischen Schlummer unterbrochen. Was folgte, war kein Buch, sondern Schweigen. Zwischen der Antrittsschrift von 1770 und der Kritik der reinen Vernunft liegen elf Jahre, in denen er zur Sache fast nichts veröffentlichte. Niedergeschrieben hat er das Ergebnis dann in vier bis fünf Monaten.
Der Gedanke, den diese elf Jahre kosteten, lässt sich in einem Satz sagen. Bislang hatte sich die Erkenntnis nach den Gegenständen zu richten; Kant kehrte das Verhältnis um und ließ die Gegenstände sich nach der Erkenntnis richten. Raum und Zeit sind demnach keine Behälter, in denen die Welt liegt, sondern die Formen, in denen überhaupt etwas angeschaut werden kann; Ursache und Wirkung sind kein Fund der Erfahrung, sondern ihre Bedingung.
Den Preis hat Kant offen benannt: Erkennbar sind Erscheinungen, das Ding an sich bleibt verschlossen. Dafür steht die Naturwissenschaft wieder auf festem Grund, und die alte Metaphysik, die über Gott und Seele Beweise führte, ist als Wissenschaft erledigt. Genau darauf war es abgesehen — das Wissen musste in die Schranken, damit der Glaube Platz bekam.
Das Buch erschien 1781, sein Verfasser war siebenundfünfzig, und es fiel durch. Man hielt es für dunkel. Im Januar 1782 erklärte eine Rezension in der Zugabe zu den Göttingischen Anzeigen von gelehrten Sachen, hier werde lediglich Berkeleys Idealismus aufgewärmt; gegen dieses Missverständnis schrieb Kant 1783 die Prolegomena und formulierte für die zweite Auflage von 1787 ganze Abschnitte neu. Berühmt machte ihn ein anderer: Karl Leonhard Reinhold erklärte ab 1786 im Teutschen Merkur einem Lesepublikum, was auf dem Spiel stand. Binnen weniger Jahre war Königsberg die Adresse der deutschen Philosophie.
Bei der Erkenntnis blieb die Umkehrung nicht. Gibt die Vernunft der Natur ihre Gesetze, so gibt sie auch dem Handeln das seine: Die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten von 1785 bindet die Moral an keine Autorität, keine Offenbarung, keinen Nutzen, sondern allein an die Frage, ob die eigene Regel als Gesetz für alle taugen würde. Der Mensch als Zweck, niemals bloß als Mittel.
Der preußische Staat verstand sehr genau, was daran unbequem war. Nach der Religionsschrift von 1793 untersagte eine Kabinettsordre vom 1. Oktober 1794 Kant jede weitere Äußerung über Religion. Er fügte sich, formulierte sein Versprechen aber als getreuester Untertan Seiner Majestät — und hielt sich nach dem Tod Friedrich Wilhelms II. für entbunden. 1798 erschien Der Streit der Fakultäten, samt der Erklärung, warum der Satz so gebaut war.
Angreifbar war das System vom ersten Tag an. Friedrich Heinrich Jacobi hielt Kant vor, ohne das Ding an sich komme man in die Kritik nicht hinein und mit ihm nicht darin zurecht; aus diesem Riss ist der gesamte deutsche Idealismus hervorgegangen. Die Kategorientafel verteidigt heute niemand mehr. Die Frage darunter steht unverändert: Wie viel von dem, was als Welt erscheint, gehört dem Betrachter? Und der kategorische Imperativ ist aus der Philosophie längst ausgewandert — er steht, in anderen Worten, im ersten Artikel des Grundgesetzes.