Wage zu wissen
Was hält einen erwachsenen Menschen davon ab, selbst zu denken — und wie kann ein Untertan im Druck radikal frei und im Amt, das er innehat, dennoch gebunden sein?
Aufklärung ist die Befreiung aus einer Unmündigkeit, die man sich selbst zugezogen hat: der Gewohnheit, ein Buch, einen Pfarrer oder einen Arzt an seiner Statt denken zu lassen, gebrochen durch den Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen — sapere aude. Der Angelpunkt des Aufsatzes ist eine Unterscheidung, die ihn zugleich kühn und klug macht: Der öffentliche Gebrauch der Vernunft, der eines Gelehrten vor der lesenden Welt, muss ohne Grenze frei sein, während der private Gebrauch, derselbe Mensch im Vollzug eines Amtes, gebunden sein darf. So trägt ein Pfarrer die Lehre seiner Kirche vor und darf dennoch seine Zweifel an ihr veröffentlichen. Diese wenigen Seiten wurden zum Schlagwort der Epoche.
- Autonomie
- geistige Freiheit
- öffentliche Vernunft
- Mut
- Gewissen
- Aufklärung
- Freiheit der Meinungsäußerung
- Gehorsam
- Politische Autorität
- Religion
- religiöse Freiheit
Ins Gespräch kommen
- Ich lasse immer wieder andere für mich entscheiden, weil es leichter ist — was, sagst du, hält einen erwachsenen Menschen in dieser Unmündigkeit?
- Du befreist den öffentlichen Vernunftgebrauch des Gelehrten ganz und bindest doch den privaten des Amtsträgers — ist das nicht bloß die Erlaubnis, zu gehorchen und zu murren?
- Sich des eigenen Verstandes zu bedienen — welche Bequemlichkeiten und Ausreden muss ein Mensch aufgeben, um es wirklich zu tun?
- Wie bleibt ein Pfarrer, der seine Zweifel veröffentlicht, frei, während derselbe Pfarrer, der die Lehre vorträgt, gebunden bleibt?
- Ein junger Mann fragt, ob er seine Einwände äußern und doch seinem Posten dienen darf — was würdest du ihm sagen?