Das Schöne und das Geschmacksurteil
Nennen wir ein Ding schön, so erwarten wir die Zustimmung aller — und berichten doch nur von einer Lust, nicht von einer Tatsache am Gegenstand. Was für ein sonderbarer Anspruch ist das?
Ein Geschmacksurteil verlangt allgemeine Zustimmung und ruht doch auf einer empfundenen Lust, einer Lust an der reinen Form, gleichgültig, ob das Ding existiert oder wozu es taugt — Zweckmäßigkeit ohne Zweck. Kant rückt diese Paradoxie ins Zentrum der Ästhetik: Schönheit ist weder Eigenschaft der Gegenstände noch bloße Laune, sondern das freie Spiel von Einbildungskraft und Verstand, für jeden gültig und doch im Gefühl gegründet. Das Erhabene dehnt die Darstellung auf das aus, was die Sinne überwältigt und uns auf die Vernunft zurückwirft. Die moderne Ästhetik beginnt noch immer hier.
- Ästhetik
- Geschmack
- das Erhabene
- Subjektivität
- Urteil
- Einbildungskraft
- Kreativität
Ins Gespräch kommen
- Gefragt, ob ein Palast schön sei, antwortet der eine, er verschwende die Arbeit des Volkes, ein anderer, ihm seien Garküchen lieber. Warum trifft beides die Schönheitsfrage nicht?
- Ein geordneter Krieg hat etwas Erhabenes, langer Frieden dagegen erzeugt Feigheit, und ein Feldherr wird mehr bewundert als ein Staatsmann. Verherrlicht das nicht den Krieg?
- Ein Gast sieht Bier aus der Flasche schäumen und staunt nicht, dass es herauskommt, sondern wie es hineinkam. Warum ist Lachen eine Erwartung, die sich in nichts auflöst?
- Man könnte ein Gebäude viel gefälliger schmücken, sagen Sie, wäre es nur keine Kirche. Wann verdirbt das Wissen um den Zweck einer Sache ihre Schönheit?
- Das Gesetz der Juden verbietet jedes Bildnis von Gott, vielleicht seine erhabenste Stelle, finden Sie. Warum weckt ein Bilderverbot mehr Ehrfurcht als ein Bild?