Die Gewissheit der Geometrie und die der Metaphysik
Lassen sich die Wahrheiten der Metaphysik so genau machen wie die eines Geometers? Die Preisfrage der Berliner Akademie, hier mit einem festen Nein beantwortet und mit einem Grund, der alles Folgende treiben sollte.
Die Mathematik macht ihre Gegenstände selbst — erkläre ein Dreieck, und die Erklärung ist ganz —, sodass sie von Definitionen abwärts mit vollkommener Deutlichkeit baut. Die Metaphysik erbt ihre Gegenstände bereits in die Erfahrung verstrickt und muss den umgekehrten Weg gehen: gegebene Begriffe darauf zergliedern, was in ihnen gewiss ist, die Methode, die Kant Newton vor Euklid zuschreibt. Der Essay verlor den Preis von 1763 an Mendelssohn; sein Urteil — dass die Philosophie versagt hatte, weil sie sich die Methode der Mathematik ohne deren Vorteile borgte — ist die schärfste vorkritische Fassung des Problems, das die erste Kritik endlich lösen sollte.
- Vernunft
- Notwendigkeit
- Widerspruch
- Urteil
- Metaphysik
- Erkenntnistheorie
- Gewissheit
- Mathematik
Ins Gespräch kommen
- Eine Studentin verzweifelt, dass die Philosophie nie die Gewissheit eines Geometers erreicht — was soll sie stattdessen von ihr erwarten?
- Du sagst, die Metaphysik müsse gegebene Begriffe zergliedern, nie aus Definitionen bauen — verdammt sie das nicht dazu, weniger sicher zu sein als die Geometrie?
- Wie unterscheidet sich die Macht des Geometers, seinen Gegenstand selbst zu machen, von dem, wozu der Metaphysiker verurteilt ist?
- Die Methode der Mathematik zu borgen, brachte die Philosophie nirgends hin — was muss ein Denker aufgeben, wenn seine Gegenstände schon in Erfahrung verstrickt ankommen?