Das Faktum der Vernunft
Kants ganze Ethik ruhte auf einer Freiheit, die sich, wie er zugab, nie beweisen ließ — was also, wenn die Sittlichkeit gar nicht auf der Freiheit aufbaut, sondern der Beweis für sie ist?
Die Ordnung der Entdeckung kehrt sich um. Wir kennen das Sittengesetz unmittelbar — das schlichte Bewusstsein, dass man handeln soll, gleichgültig, was man will, ist ein bloß Gegebenes, ein Faktum der Vernunft, das kein Argument einsetzt und keines beseitigt —, und weil dieses Gesetz gebietet, muss die Freiheit, die es voraussetzt, wirklich sein. Die Sittlichkeit wird zum Beweis der Freiheit statt zu ihrer Folge. Es ist Kants Antwort an die Kritiker, die geradewegs auf den schwächsten Punkt der Grundlegung zielten, und es erlaubt ihm, das eine, worauf sein System nicht verzichten konnte, nicht länger beweisen zu müssen.
- praktische Vernunft
- Moralität
- Pflicht
- moralische Handlungsfähigkeit
- Wille
- Freiheit
- Freier Wille
- Vernunft
- Autonomie
- Kausalität
Ins Gespräch kommen
- Du hast einst versucht, die Freiheit zu beweisen, und aufgegeben — jetzt nennst du sie ein Faktum der Vernunft; ist das nicht bloß ein neuer Name fürs Scheitern?
- Ich weiß einfach, dass ich recht handeln soll, was immer ich will — sagst du mir, dieser schlichte Sinn sei mein Beweis der Freiheit?
- Machst du die Sittlichkeit zum Beweis der Freiheit statt zu ihrer Folge — welche Forderung nach Beweis muss ein Philosoph endlich fahren lassen?
- Zwischen einem Faktum der Vernunft und einer gewöhnlichen Tatsache, die ich in der Welt beobachten könnte — worin liegt der Unterschied?