Eine Landkarte der Gefühle
Was trennt das Gefühl, das uns bezaubert, von dem, das uns in Ehrfurcht versetzt — und kann eine solche Sortierung von Temperamenten, Geschlechtern und ganzen Völkern bestehen, sobald man die Vorurteile des Beobachters mitrechnet?
Das Gefühl teile sich in zwei Familien, schlägt der junge Kant vor — das Erhabene, das uns ergreift, und das Schöne, das uns bezaubert —, und von dort läuft die Beobachtung nach außen: zum Temperament, zu den Geschlechtern, zum Charakter der Nationen. Es ist die Methode des Essayisten, näher an Shaftesbury und Burke als an einem System, und sie gewann ihm eine breite Leserschaft. Der vierte Abschnitt ist der Grund, warum das Buch bis heute umstritten ist: Indem es außereuropäische Völker und Frauen nach ihrem ästhetischen Charakter einstuft, hinterließ es Sätze, die seine heutigen Leser genau ins Zentrum des Streits um Kant und die Rasse rücken.
- Ästhetik
- Schönheit
- Moralpsychologie
- Erhabene
- Gender
- Nationalcharakter
- Religion
Ins Gespräch kommen
- Eine Freundin von mir weint vor einer verfallenen Abtei, gähnt aber im Rosengarten — was sagt dir dieser Zwiespalt über sie?
- Ein schlichter, pflichttreuer Mensch bewegt mich mehr als ein brillanter — gibt mir dein Buch das Recht, sie so hoch zu schätzen?
- Du ordnest ganze Nationen und Rassen nach ihrem Sinn für Schönheit — wie ist das nicht das eigene Vorurteil des Beobachters, als Befund verkleidet?
- Wenn du Schönheit und Erhabenheit als zwei Familien auseinanderhältst, welches Vergnügen darf ein Kunstliebhaber nicht mehr auf einmal erhoffen?
- Was hält das Erhabene, das einen Menschen ergreift, getrennt vom Schönen, das ihn bloß bezaubert?