WerkCandrakīrti

Prasannapadā

Nāgārjunas Verse, einer nach dem anderen gelesen – und am Anfang ein Streit darüber, ob ein buddhistischer Philosoph überhaupt etwas Eigenes beweisen darf.

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Sanskrit

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Überblick

Bhāviveka, ein früherer Kommentator von Nāgārjunas Mūlamadhyamakakārikā, hatte an einem noch älteren Kommentator Anstoß genommen. Buddhapālita, so lautete sein Vorwurf, zeige nur, dass die Position eines Gegners zu absurden Folgerungen führe, und beweise nie eine eigene Position in einem regelrecht gebildeten Schluss. Candrakīrti, ein indischer buddhistischer Mönch (um 600–650 n. Chr.), antwortete mit einem Kommentar zu denselben Versen und stellte diesen Streit an den Anfang. Die Prasannapadā geht Nāgārjunas 27 Kapitel Vers für Vers durch; ihr Titel bedeutet „klare Worte“, und ihre Eingangsverse versprechen eben diese Klarheit. Das erste Kapitel verteidigt Buddhapālita ausführlich. Ein Anhänger des Madhyamaka, der Schule des Mittleren Weges, die auf diesen Versen gründet, hat nach Candrakīrti keine These zu beweisen; Nāgārjuna und sein Schüler Āryadeva hätten das selbst gesagt. Ein solcher Philosoph leitet aus der Behauptung eines Gegners so lange die Folgen ab, bis dieser nichts mehr zu sagen hat. Dasselbe Kapitel nimmt sich auch die Schule Dignāgas vor, des buddhistischen Logikers. Diese Schule zählte zwei Erkenntnismittel; Candrakīrti fragt, worauf sie ihrerseits gründen. Keines seiner Werke wurde ins Chinesische übersetzt; nach Tibet aber brachten tibetische Übersetzer sie im elften und zwölften Jahrhundert, und die Gelehrten dort erklärten ihn zum Begründer einer Schule, die sie Prāsaṅgika nannten, nach prasaṅga, „Folgerung“ – eine Bezeichnung, die kein indischer Denker gebrauchte. Louis de La Vallée Poussin, ein europäischer Buddhismusforscher, gab den Sanskrittext zwischen 1903 und 1913 nach drei Handschriften heraus. Seither sind ältere Handschriften aufgetaucht, und Anne MacDonald stützte darauf 2015 eine neue Edition des ersten Kapitels.

Schlüsselbegriffe

Was ist ein prasaṅga, ein Argument aus der Folgerung?

Ein prasaṅga zieht aus der eigenen Behauptung des Gegners eine unwillkommene Folge, ohne dass der Argumentierende an ihre Stelle etwas behauptet. Die Sāṃkhya-Schule sagt, Dinge entstünden aus sich selbst; dann, erwidert Candrakīrti, würde schon Vorhandenes immer wieder ohne Ende hervorgebracht, was auch die Sāṃkhya nicht annimmt. Die unerwünschte Folge gehört allein dem Gegner, und so hat der Argumentierende keine eigene Position zu verteidigen.

Auf welche vier Weisen könnte ein Ding entstehen?

Aus sich selbst, aus anderem, aus beidem oder ganz ohne Ursache. Nāgārjunas erster Vers verneint alle vier, und der Kommentar prüft jede an ihren Verteidigern: an der Sāṃkhya-Schule, für die die Wirkung schon in der Ursache steckt, und an buddhistischen Mitbrüdern, die auf die vier Arten von Bedingungen verweisen, die der Buddha als Erzeuger von Wirkungen nannte. Hält keine der vier, entsteht nichts mit eigenem Wesen.

Was bedeuten Eternalismus und Annihilationismus hier?

Es sind die beiden Extreme, zwischen denen der Mittlere Weg verläuft. Der Eternalismus schreibt den Dingen ein dauerhaftes Eigensein zu. Der Annihilationismus erkennt zuerst an, dass etwas wirklich besteht, und erklärt es dann für vergangen oder nie gewesen, wie der Nihilist, der leugnet, dass Taten Früchte tragen. Der Mittelweg des Kommentars: Keine Person wandert von einem Leben ins nächste, und doch geht keine Tat verloren, ihre Frucht kommt.

Was ist prapañca, das Wuchern der Begriffe?

Prapañca ist die über anfanglose Leben gewachsene Gewohnheit des Geistes, die Welt in Unterscheidungen zu zerspinnen: Erkennender und Erkanntes, Täter und Tat, Gegenstand und Erleben. Candrakīrti verfolgt das Leid durch sie zurück: Wer Gegenstände für wirklich hält, nährt das Wuchern, dieses das Haften an „ich“ und „mein“, dann Leidenschaften, Taten und Wiedergeburt. Die Einsicht, dass die Dinge kein Eigensein haben, bricht die Kette am ersten Glied.

Warum heißt die höchste Wahrheit Schweigen?

Weil sie jenseits von Sprache und Denken liegt und keine Aussage sie fassen kann. Selbst die Verneinung, dass Dinge auf eine der vier Weisen entstehen, gehört nach Candrakīrti zum gewöhnlichen Denken, nicht zum Schauen der Weisen. Lehrer führen deshalb über die vertrauten Begriffe der Welt, wie ein Arzt die Arznei der Krankheit anpasst, und erreicht wird die Wahrheit nur, indem man sie verwirklicht, so wie kranke Augen geheilt werden, nicht belehrt.

Themen des Buches

Worauf dieses Buch immer wieder zurückkommt, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Textes jedes einnimmt.

Argumentieren ohne These

Kann überhaupt argumentieren, wer bestreitet, dass irgendetwas ein Eigensein hat, ohne selbst eine Position aufzustellen, die er verteidigen müsste? Das erste Kapitel des Kommentars setzt alles auf die Antwort.

Buddhapālita, ein früherer Kommentator, hatte die Behauptung, Dinge brächten sich selbst hervor, mit der bloßen Frage widerlegt, warum etwas schon Vorhandenes noch einmal entstehen müsse. Ein späterer Kritiker nannte das keinen Beweis. Candrakīrti stellt sich auf Buddhapālitas Seite: Wer dem Mittleren Weg folgt, stellt keine These auf, sondern zeigt, worauf die eigene Behauptung den Gegner festlegt, und zwar mit Prämissen, die dieser selbst anerkennt. Dann nimmt er sich die Erkenntnismittel der Logiker vor, Wahrnehmung und Schlussfolgerung, und fragt, was sie begründen könnte, ohne selbst wieder Begründung zu brauchen.

  • Madhyamaka
  • Erkenntnistheorie
  • Wahrnehmung
  • Schriftautorität
  • Verursachung
  • Kausalität
  • konventionelle Wahrheit

Kein Leugnen wie das der Nihilisten

Wenn nichts ein Eigensein hat, klingt der Mittlere Weg leicht wie die alte Leugnung, dass Taten Früchte tragen und es Wiedergeburt gibt. Zu zeigen ist, wo beide sich trennen, obwohl ihre Worte ähnlich klingen können.

Candrakīrti begegnet dem Vorwurf immer wieder. Der Nihilist hält die Dinge zuerst für wirklich und leugnet sie dann; der Mittlere Weg spricht ihnen nie ein Wesen zu, das zu leugnen wäre, so wenig wie ein Klarsichtiger die Haare leugnet, die ein Augenkranker schweben sieht. Beide können sogar denselben Satz sagen, wie ein Mutmaßender und ein Augenzeuge dieselbe Anschuldigung erheben, ohne gleichermaßen recht zu haben. Auch die Leerheit, warnt er, darf nicht zu einer weiteren Ansicht erstarren, wie eine Arznei, die nach der Krankheit im Körper bleibt.

  • Leerheit
  • Entstehen in Abhängigkeit
  • abhängiges Entstehen
  • Eigennatur
  • Mittlerer Weg
  • Eternalismus
  • Existenz
  • Karma
  • Handlung
  • Handlungsmacht
  • Reinkarnation
  • Samsara
  • Kleshas
  • Unwissenheit
  • Leiden
  • Erlöschen
  • Nirwana
  • Befreiung vom Leiden
  • Selbst
  • Personale Identität
  • Aggregate
  • Zeit
  • Vergänglichkeit

In diesem Werk

Passagen vorhanden
700
eigenständige Begriffe
385
nach vorhandenen Passagen, korpusweit
Nr. 99

Was dieses Buch zusammen denkt

Das Rad nimmt die führenden Begriffe dieses Buches und zeigt, wie oft sie gemeinsam zur Sprache kommen. Je breiter das Band zwischen zweien, desto mehr seiner Passagen sprechen von beiden. Unter ihnen am häufigsten zusammen: „Entstehen in Abhängigkeit“ und „Leerheit“.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 8 Konzepte, verbunden durch 25 Paarungen. 80 Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
Entstehen in AbhängigkeitLeerheit62
Entstehen in AbhängigkeitVerursachung50
LeerheitVerursachung44
EigennaturLeerheit35
LeerheitNirwana29
KarmaReinkarnation28
KarmaVerursachung25
EigennaturVerursachung22
Entstehen in AbhängigkeitKausalität22
EigennaturEntstehen in Abhängigkeit20
KarmaLeerheit17
Entstehen in AbhängigkeitReinkarnation16
ReinkarnationVerursachung14
KarmaKausalität13
KausalitätLeerheit12
Entstehen in AbhängigkeitKarma11
EigennaturKarma9
EigennaturKausalität8
KausalitätReinkarnation8
LeerheitReinkarnation7
EigennaturNirwana4
EigennaturReinkarnation2
KarmaNirwana2
NirwanaReinkarnation2
NirwanaVerursachung1

Vorhandene Werke

Das Gesamtwerk der Reihe nach, dieses Buch an seinem Platz markiert. Zuerst der Titel in deiner Sprache, darunter das Original, wo beide sich unterscheiden; die Chips am Rand zeigen, welche Volltexte vorhanden sind.

  1. Bodhisattvayogācāracatuḥśatakaṭīkā (Catuḥśataka-ṭīkā)

    Candrakīrtis Kommentar zu Āryadeva statt zu Nāgārjuna: Hier argumentiert er nicht nur mit Beweisen, sondern auch mit Geschichten.

    SA
  2. Prasannapadā du bist hier SA
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