Mehr Richterin als Schülerin
Was darf eine Leserin tun, wenn ein heiliges Buch mit sich selbst nicht übereinstimmt? Für Heloisa ist die Schrift ohne Verstehen ein Spiegel vor blinden Augen, und das Heilmittel ist die Frage.
Ihr Vorbild ist Marcella, die Römerin, die nichts auf die Autorität des Hieronymus hin annahm und jede Antwort prüfte, bis er sich vor einer Richterin sah. Die Nonnen lasen, wie Abaelard es verlangte, und blieben am Text selbst hängen. Johannes kennt nur Maria Magdalena am Grab, die anderen mehrere Frauen. Der Hahn kräht in drei Evangelien einmal, bei Markus zweimal. Drei Tage und drei Nächte im Grab passen nicht zwischen Freitag und Sonntag. Markus schreibt Jesaja Worte Maleachis zu. Die Bücher Mose erzählen seinen Tod. Abaelard gleicht jedes Mal aus: eine Redeweise, eine Abkürzung, eine spätere Hand.
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Ins Gespräch kommen
- Die Schrift ohne Verstehen zu lesen sei ein Spiegel vor den Augen eines Blinden, lernten die Nonnen. Warum machte aufmerksames Lesen das Buch schwerer zu lieben?
- Ihr Vorbild ist Marcella, die jede Antwort ihres Lehrers Hieronymus prüfte, bis er sich vor einer Richterin sah. Warum sollte eine Schülerin dem Lehrer nicht aufs Wort glauben?
- Die Evangelien sind uneins, welche Frauen den Auferstandenen zuerst sahen. Wenn die Zeugen des wichtigsten Ereignisses voneinander abweichen, wie soll ein gläubiger Mensch sie lesen?
- Christus kündigte drei Tage und drei Nächte im Grab an, lag aber nur von Freitagabend bis Sonntag vor Tagesanbruch darin. Genügt „eine Redeweise“ als Antwort?
- In drei Evangelien verleugnet Petrus Christus, ehe der Hahn kräht, bei Markus, ehe er zweimal kräht. Wieso beunruhigt ein so kleiner Unterschied sorgfältige Leserinnen?