Abgeschiedenheit über der Liebe selbst
Welche Tugend steht am höchsten? Nicht die Liebe, nicht die Demut, argumentiert Eckhart, sondern die Abgeschiedenheit, weil das von jedem geschaffenen Ding entleerte Herz jenes ist, in das Gott nicht anders kann als eintreten.
In Von abegescheidenheit führt Eckhart in voller Ausdehnung den Fall, dass die Abgeschiedenheit noch über Liebe und Demut steht. Seine Begründung ist genau: Die Liebe strebt zu Gott hin, doch die Abgeschiedenheit entleert die Seele einfach jedes geschaffenen Dinges und jedes Wollens, und das gänzlich leere Herz ist jenes, in das Gott notwendig eintritt, hineingezogen wie in ein Vakuum. Es ist weniger ein Gefühl als eine Subtraktion, das Entfernen alles Anhaftens, bis nichts vom geschaffenen Selbst bleibt. Als Argument dargelegt statt gepredigt, lässt die Lehre sich wägen, und sie ist schonungslos: Das Höchste, was ein Mensch tun kann, ist, gar nichts zu wollen.
- Loslösung
- Transzendenz
- Selbsttranszendenz
- Empfänglichkeit
- Askese
- Göttliche Vereinigung
- Mystik
Ins Gespräch kommen
- Ein Mensch hat sich jahrelang bemüht, Gott zu lieben, und fühlt nichts. Würdest du ihm wirklich raten, statt auf Liebe auf Abgeschiedenheit zu zielen?
- Die Abgeschiedenheit über die Liebe zu stellen klingt kalt, geradezu unmenschlich. Wie ist das Entleeren des Herzens nicht einfach die Weigerung zu fühlen?
- Wie unterscheidet sich die Abgeschiedenheit von Liebe und Demut, die die meisten höher stellen würden?
- Wenn das Herz von jedem geschaffenen Ding leer sein muss, welche Bindungen, die ein Mensch gut nennt, müssen mit allem übrigen gehen?
- Du sagst, Gott trete notwendig in das leere Herz ein, wie in ein Vakuum. Macht das die Gnade nicht zu etwas, das eine Technik erzwänge?