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Meister Eckhart

Mystiker der Abgeschiedenheit und göttlichen Einheit

3 Werke · 326 Passagen verankert

Lebensdaten
1260–1328
Schule
Scholastik
Wikipedia

Der Geist

Um 1300 sprach die Theologie Latein. Wer kein Latein konnte, bekam Bilder, Beispiele und die Anweisung zu gehorchen. In den Städten am Rhein aber lebten Tausende von Frauen, denen das nicht reichte: Beginen in halbklösterlichen Häusern, Dominikanerinnen in ihren Konventen — ohne Universität, ohne Weihe, ohne Latein, und mit Fragen, auf die kein Beispiel eine Antwort gab. Die Seelsorge dieser Häuser lag beim Dominikanerorden. Der Orden musste jemanden schicken.

Er schickte seinen besten Mann. Eckhart hielt den Pariser Lehrstuhl für die auswärtigen Magister zweimal, 1302 und noch einmal ab 1311; vor ihm war das nur Thomas von Aquin gelungen. Daher der Name: „Meister“ ist kein Ehrentitel der Nachwelt, sondern der Pariser Grad. 1303 wurde er erster Provinzial der neu gegründeten Ordensprovinz Saxonia — siebenundvierzig Klöster zwischen den Niederlanden und Lettland, dazu Visitationen, Kapitel, Reisen.

Dieser Mann trat in Straßburg und Köln vor Zuhörer ohne Latein und sagte ihnen nicht die einfache Fassung, sondern das Schwerste, was er hatte. Die Wörter dafür gab es nicht; er baute sie. Abegescheidenheit, gelâzenheit, das vünkelîn der sêle, durchbruch — heute Abgeschiedenheit, Gelassenheit, Seelenfünklein, Durchbruch. Sechsundachtzig deutsche Predigten gelten der kritischen Ausgabe als echt, und mit ihnen beginnt das Deutsche als eine Sprache, in der sich über das Sein streiten lässt.

Alles kreist um einen Satz, der in gewöhnlichen Worten so lautet: Im tiefsten Grund seiner Seele ist der Mensch nicht geschaffen. Dort gebiert Gott seinen Sohn — nicht einmal vor zweitausend Jahren in Bethlehem, sondern jetzt, in jedem, und in derselben Weise, in der er ihn ewig gebiert. Leisten muss der Mensch dafür nichts. Er muss nur aufhören, sich festzuhalten. Abgeschiedenheit meint kein Fasten und keine Weltflucht, sondern das Loslassen des eigenen Willens, des eigenen Wissens und zuletzt der eigenen Vorstellung von Gott.

Denn selbst „Gott“ ist nicht das Letzte. Hinter dem dreieinigen Schöpfer liegt die eigenschaftslose Gottheit, und durch den Schöpfer hindurch soll man zu ihr durchbrechen. Wer so lebt, handelt ohne Warum, wie Gott ohne Warum wirkt. Folgerichtig stellte Eckhart in seiner Auslegung von Martha und Maria die geschäftige Martha über die andächtig sitzende Maria.

1325 zeigten ihn zwei Ordensbrüder beim Kölner Erzbischof Heinrich von Virneburg an. Die Ankläger waren aktenkundig disziplinlos, der Erzbischof für seine Härte bekannt — er ließ ermitteln. Rund hundertfünfzig verdächtige Sätze kamen zusammen: aus den lateinischen Werken, aus den Predigten, aus dem Buch der göttlichen Tröstung, das Eckhart für die verwitwete Königin Agnes von Ungarn geschrieben hatte.

Eckhart bestritt die Zuständigkeit des Verfahrens und appellierte im Januar 1327 an den Papst. Im Februar ließ er in der Kölner Dominikanerkirche einen Widerruf verlesen, der jeden nachgewiesenen Irrtum zurücknahm und keine einzige seiner Thesen preisgab. Dann reiste er nach Avignon. Dort starb er vor Ende April 1328, während das Verfahren noch lief. Die Bulle In agro dominico vom 27. März 1329 erklärte siebzehn Sätze für häretisch und elf für verdächtig; veröffentlicht werden musste sie nur in der Kölner Kirchenprovinz.

Das reichte, um den Namen zu tilgen, nicht aber die Texte. Die Handschriften wurden weiter abgeschrieben, oft anonym oder unter fremdem Namen. Was er gesagt hatte, lief über Johannes Tauler und Heinrich Seuse in die Frömmigkeit des ganzen deutschen und niederländischen Raums, über Nikolaus von Kues in die Philosophie, später zu Hegel, Schopenhauer, Heidegger. Ob dabei ein Mystiker zu lesen ist oder ein strenger Denker, der aus Aristoteles und dem Neuplatonismus einen Vorrang des Erkennens vor dem Sein ableitet, ist bis heute umstritten. Beide Lager berufen sich auf dieselben Predigten.

Schlüsselbegriffe

Was ist der Unterschied zwischen Gott und der Gottheit?

Die Gottheit bezeichnet die göttliche Wirklichkeit jenseits jeder bestimmten Rede von Gott. Eckhart unterscheidet den lebendigen Gott, der durch Werke und Beziehungen erkannt wird, von der Gottheit als schlechthin ungeteiltem Grund; seine deutschen Predigten treiben diese Unterscheidung so weit, dass selbst Sein und Güte sie nicht mehr angemessen bestimmen. Die Unterscheidung setzt nicht zwei Götter. Sie bezeichnet zwei Weisen des Zugangs.

Was meint Eckhart mit dem Grund der Seele?

Der Grund der Seele ist ihre tiefste Fähigkeit zur göttlichen Gegenwart, nicht ein verborgenes psychologisches Objekt, das sich durch Introspektion betrachten ließe. Eckhart versteht diesen Grund als den Ort, an dem die Seele das Göttliche empfangen kann, ohne dass Bilder, Besitz oder private Vorhaben vermitteln; er bezeichnet daher ebenso sehr eine Tätigkeit des Empfangens wie einen Ort im Menschen. Der Grund ist kein anderes Selbst.

Was bedeutet es, dass Gott in der Seele geboren wird?

Die Geburt Gottes in der Seele bezeichnet die gegenwärtige Verwirklichung des göttlichen Lebens im Menschen, nicht ein Ereignis, das auf Bethlehem beschränkt wäre. Eckhart verwendet die Sprache der Geburt, um christliche Lehre mit innerer Verwandlung zu verbinden: Die Seele wird für das Wort empfänglich, wenn ihr geschaffener Wille nicht länger die Bedingungen der Beziehung vorgibt. Diese Geburt verändert das Handeln, nicht bloß den Wortschatz. Sie muss jetzt geschehen.

Was meint Eckhart mit dem Durchbruch?

Der Durchbruch bezeichnet den Übergang der Seele über ihr gewöhnliches Verhältnis zu Gott hinaus zum ungeteilten Grund der Gottheit. In dieser Bewegung erlangt die Seele kein höheres Objekt, als stünde Gott ihr gegenüber; sie gibt den Standpunkt auf, der Gott zu einem Seienden unter anderen macht. Eckharts Begriff beschreibt daher eine Umkehrung des Erkennens und Wollens. Der Erkennende verliert die Kontrolle.

Themen eines Geistes

Begriffe, die im hier vorliegenden Korpus gemeinsam wiederkehren, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Gesamtwerks jedes einnimmt.

Nichtduale Gottheit

Besteht die Unterscheidung zwischen Gott und der Seele am Ende fort, oder hebt die göttliche Wirklichkeit diese Trennung auf? Die Antwort entscheidet darüber, ob die Schöpfung außerhalb Gottes steht oder an einer tieferen Einheit teilhat.

Eckhart denkt Gott weniger als ein Seiendes unter anderen denn als die Einheit, aus der alles Sein seinen Sinn empfängt. Seine Predigten und Traktate treiben über den gewohnten Gegensatz von Schöpfer und Geschöpf hinaus, ohne die Welt einfach mit Gott gleichzusetzen. Die Seele erreicht ihre tiefste Wahrheit, wenn sie sich von der abgesonderten Ichheit abkehrt und dem göttlichen Wesen zuwendet, das in ihrem Grunde gegenwärtig ist. Einheit verändert darum die Metaphysik ebenso wie das Verständnis des Menschen.

  • Metaphysik
  • Göttliche Natur
  • Einheit
  • Wesen
  • Immanenz
  • Seele
  • Schöpfung

Jenseits der Gottesbilder

Was bleibt, wenn Sprache, Begriffe und innere Vorstellungen das Göttliche nicht mehr fassen können? Die Frage prüft, ob Transzendenz eine ferne Abwesenheit bedeutet oder eine Wirklichkeit ist, der man gerade dann begegnet, wenn vertraute Beschreibungen wegfallen.

Eckhart nutzt die negative Theologie, um jedes endliche Gottesbild zu erschüttern, auch die Bilder, die religiöse Rede selbst hervorbringt. Transzendenz setzt Gott nicht bloß über die Welt; sie bezeichnet das Scheitern des Verstandes, Gott zu einem Gegenstand zu machen, den er besitzen könnte. Mystisches Erkennen verlangt darum ein gezügeltes Schweigen darüber, was Gott ist, und eben dieses Schweigen öffnet den Weg zu einem unmittelbareren Verhältnis zur göttlichen Wirklichkeit.

  • Transzendenz
  • Mystik
  • Apophatische Theologie

Loslösung und Hingabe

Wie kann ein Mensch handeln, ohne von Besitz, Angst oder dem Verlangen des Egos nach Kontrolle beherrscht zu werden? Auf dem Spiel steht eine Freiheit, die göttliche Gegenwart empfangen kann, ohne sie dem eigenen Willen dienstbar machen zu wollen.

Die Abgeschiedenheit verlangt von der Seele, ihren Anspruch auf Dinge, auf Erfolge und selbst auf geistliche Errungenschaften fahren zu lassen. Eckhart versteht diese Hingabe nicht als Untätigkeit: Das Handeln bleibt, es geht nur nicht mehr vom Beharren des Ich darauf aus, das Seine zu besitzen. Gelassenheit ist wichtig, weil Leid und Gelingen die Seele gleichermaßen an Vergängliches binden können. Empfänglichkeit wird so zu einer Form der Stärke, die das Handeln geschehen lässt, ohne es an seinen Lohn zu hängen.

  • Loslösung
  • Selbsttranszendenz
  • Ergebung
  • Gleichmut
  • Empfänglichkeit
  • Leiden
  • Handlungsmacht
  • Wissen

Innere Erkenntnis

Kann das Bewusstsein seine tiefste Identität entdecken, indem es die Erfahrung untersucht, oder muss es über das Selbst hinausgehen, dem es zunächst begegnet? Entscheidend ist, ob Selbsterkenntnis ein individuelles Subjekt bestätigt oder eine innere Offenheit für das Göttliche enthüllt.

Eckhart lenkt die Aufmerksamkeit nach innen, ohne die Innerlichkeit als private Seelenkammer zu behandeln. Wahrnehmung, Identität und Subjektivität geraten ins Wanken, sobald die Seele fragt, was Erkenntnis überhaupt möglich macht. Selbsterkenntnis nimmt dem Ich darum den Anspruch, sich selbst zu genügen, und legt ein Vermögen frei, zu empfangen, was es nicht hervorbringen kann. Die Wendung nach innen verwandelt also: Sie verändert den Erkennenden, statt bloß sein Wissen über sich zu mehren.

  • Bewusstsein
  • Identität
  • Wahrnehmung
  • Erkenntnistheorie
  • Selbsterkenntnis
  • negative Theologie
  • Dreifaltigkeit

Vereinigung durch Verwandlung

Wie kann die Vereinigung mit dem Göttlichen mehr werden als eine Vorstellung von Gott? Die Antwort betrifft eine Verwandlung des Lebens, in der die göttliche Gegenwart verändert, was die Seele liebt und erstrebt und wozu sie werden kann.

Eckhart findet die Einung mit Gott in der Verwandlung der Seele, nicht im Besitz außerordentlicher Erfahrungen. Die Liebe zieht den Menschen aus einer in sich verschlossenen Ichheit heraus, während die göttliche Gegenwart in einer veränderten Ausrichtung des Lebens spürbar wird. Geistliches Leben hat darum eine harte Folge: Die Seele muss neu werden, nicht bloß unterrichtet. In seiner Predigt benennt die Einung beides, den Ursprung dieser Verwandlung und das Ziel, auf das sie zugeht.

  • Spiritualität
  • Göttliche Vereinigung
  • Transformation
  • Göttliche Gegenwart
  • Liebe

In Zahlen

Werke im Bestand
3
erfasste Passagen
326
erfasste Konzepte
265
thematische Cluster
5

Konzepte, die zusammen auftreten

Jeder Bogen am Rad ist ein Konzept. Ein Band verbindet zwei, die immer wieder in derselben Passage auftauchen; seine Breite zeigt, wie viele Passagen sie teilen. Am stärksten: Mystik mit non-duality.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 8 Konzepte, verbunden durch 26 Paarungen. 698 gemeinsame Passagen insgesamt. 74 schwächere Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
Mystiknon-duality68
MystikTranszendenz54
BewusstseinMystik51
LoslösungSpiritualität42
LoslösungMystik37
Transzendenznon-duality34
Metaphysiknon-duality33
MystikSelbsttranszendenz32
Bewusstseinnon-duality30
BewusstseinTranszendenz30
MetaphysikTranszendenz30
MetaphysikMystik26
BewusstseinLoslösung25
BewusstseinSpiritualität24
Selbsttranszendenznon-duality24
BewusstseinMetaphysik22
MystikSpiritualität22
Loslösungnon-duality19
LoslösungTranszendenz19
BewusstseinSelbsttranszendenz15
SpiritualitätTranszendenz15
LoslösungSelbsttranszendenz12
Spiritualitätnon-duality11
MetaphysikSelbsttranszendenz9
MetaphysikSpiritualität8
LoslösungMetaphysik6

Der Bogen eines Werks

Das Gewicht einer Zelle ist der Anteil des Konzepts an den Passagen des Werks; eine Spalte lässt sich daher ebenso von oben nach unten lesen wie eine Zeile von links nach rechts. Am dichtesten: Mystik in Traktate, 50,7 %.

Dichte 0 % 50,7 %

Konzeptdichte je Werk, chronologisch 3 Werke, in der Reihenfolge ihrer Entstehung. 8 Konzeptspalten, nach Gesamtgewicht geordnet. 55 weitere Konzepte liegen außerhalb der gezeigten Spalten.
WerkJahrMystiknon-dualityTranszendenzMetaphysikLoslösungBewusstseinSpiritualitätSelbsttranszendenz
Deutsche Predigten42,9 %30,7 %27,5 %21,2 %28,6 %33,3 %25,4 %13,2 %
Fragmente und Sprüche24,2 %25,8 %19,4 %33,9 %17,7 %17,7 %19,4 %12,9 %
Traktate50,7 %33,3 %36 %26,7 %32 %26,7 %25,3 %14,7 %

Werke im Bestand

Titel in deiner Sprache, darunter das Original in Klammern. Die seitlichen Marken zeigen, welche Volltexte vorliegen.

  1. Deutsche Predigten

    Eine moderne Sammlung von Eckharts volkssprachlicher Predigt, kein von ihm herausgegebenes Buch; diese deutschen Predigten sind der meistgelesene Teil seines Werks und die Hauptquelle der 1329 verurteilten Sätze.

    GMHDE
  2. Fragmente und Sprüche (Fragmente Und Sprueche)

    Kurze Sprüche und Predigtfragmente unter Eckharts Namen, von unsicherem Datum und teils unsicherer Echtheit; die Marginalien eines Werks, das nicht durch Druck, sondern durch Sprechen und Erinnern lebte.

    GMHDE
  3. Traktate

    Die Prosatraktate, im Gegensatz zu den Predigten — darunter die frühen Reden der Unterweisung, Von abegescheidenheit und das Buch der göttlichen Tröstung, dessen an Laien gerichtete Lehre den Kölner Prozess von 1325 mit auslöste.

    GMHDE
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Zwei Geister gegeneinander antreten lassen

Jede dieser Fragen beantworten die beiden verschieden. Wähle eine, und sie tragen sie aus, beide gestützt auf die hier vorliegenden Texte.