Um 1300 sprach die Theologie Latein. Wer kein Latein konnte, bekam Bilder, Beispiele und die Anweisung zu gehorchen. In den Städten am Rhein aber lebten Tausende von Frauen, denen das nicht reichte: Beginen in halbklösterlichen Häusern, Dominikanerinnen in ihren Konventen — ohne Universität, ohne Weihe, ohne Latein, und mit Fragen, auf die kein Beispiel eine Antwort gab. Die Seelsorge dieser Häuser lag beim Dominikanerorden. Der Orden musste jemanden schicken.
Er schickte seinen besten Mann. Eckhart hielt den Pariser Lehrstuhl für die auswärtigen Magister zweimal, 1302 und noch einmal ab 1311; vor ihm war das nur Thomas von Aquin gelungen. Daher der Name: „Meister“ ist kein Ehrentitel der Nachwelt, sondern der Pariser Grad. 1303 wurde er erster Provinzial der neu gegründeten Ordensprovinz Saxonia — siebenundvierzig Klöster zwischen den Niederlanden und Lettland, dazu Visitationen, Kapitel, Reisen.
Dieser Mann trat in Straßburg und Köln vor Zuhörer ohne Latein und sagte ihnen nicht die einfache Fassung, sondern das Schwerste, was er hatte. Die Wörter dafür gab es nicht; er baute sie. Abegescheidenheit, gelâzenheit, das vünkelîn der sêle, durchbruch — heute Abgeschiedenheit, Gelassenheit, Seelenfünklein, Durchbruch. Sechsundachtzig deutsche Predigten gelten der kritischen Ausgabe als echt, und mit ihnen beginnt das Deutsche als eine Sprache, in der sich über das Sein streiten lässt.
Alles kreist um einen Satz, der in gewöhnlichen Worten so lautet: Im tiefsten Grund seiner Seele ist der Mensch nicht geschaffen. Dort gebiert Gott seinen Sohn — nicht einmal vor zweitausend Jahren in Bethlehem, sondern jetzt, in jedem, und in derselben Weise, in der er ihn ewig gebiert. Leisten muss der Mensch dafür nichts. Er muss nur aufhören, sich festzuhalten. Abgeschiedenheit meint kein Fasten und keine Weltflucht, sondern das Loslassen des eigenen Willens, des eigenen Wissens und zuletzt der eigenen Vorstellung von Gott.
Denn selbst „Gott“ ist nicht das Letzte. Hinter dem dreieinigen Schöpfer liegt die eigenschaftslose Gottheit, und durch den Schöpfer hindurch soll man zu ihr durchbrechen. Wer so lebt, handelt ohne Warum, wie Gott ohne Warum wirkt. Folgerichtig stellte Eckhart in seiner Auslegung von Martha und Maria die geschäftige Martha über die andächtig sitzende Maria.
1325 zeigten ihn zwei Ordensbrüder beim Kölner Erzbischof Heinrich von Virneburg an. Die Ankläger waren aktenkundig disziplinlos, der Erzbischof für seine Härte bekannt — er ließ ermitteln. Rund hundertfünfzig verdächtige Sätze kamen zusammen: aus den lateinischen Werken, aus den Predigten, aus dem Buch der göttlichen Tröstung, das Eckhart für die verwitwete Königin Agnes von Ungarn geschrieben hatte.
Eckhart bestritt die Zuständigkeit des Verfahrens und appellierte im Januar 1327 an den Papst. Im Februar ließ er in der Kölner Dominikanerkirche einen Widerruf verlesen, der jeden nachgewiesenen Irrtum zurücknahm und keine einzige seiner Thesen preisgab. Dann reiste er nach Avignon. Dort starb er vor Ende April 1328, während das Verfahren noch lief. Die Bulle In agro dominico vom 27. März 1329 erklärte siebzehn Sätze für häretisch und elf für verdächtig; veröffentlicht werden musste sie nur in der Kölner Kirchenprovinz.
Das reichte, um den Namen zu tilgen, nicht aber die Texte. Die Handschriften wurden weiter abgeschrieben, oft anonym oder unter fremdem Namen. Was er gesagt hatte, lief über Johannes Tauler und Heinrich Seuse in die Frömmigkeit des ganzen deutschen und niederländischen Raums, über Nikolaus von Kues in die Philosophie, später zu Hegel, Schopenhauer, Heidegger. Ob dabei ein Mystiker zu lesen ist oder ein strenger Denker, der aus Aristoteles und dem Neuplatonismus einen Vorrang des Erkennens vor dem Sein ableitet, ist bis heute umstritten. Beide Lager berufen sich auf dieselben Predigten.