WerkMoses Mendelssohn

Jerusalem oder über religiöse Macht und Judenthum

Keine Kirche und kein Staat darf den Glauben erzwingen, und das Judentum ist Gesetz und nicht Dogma: Mendelssohns Antwort auf die Forderung, seinen Glauben mit seinem Liberalismus zu versöhnen.

von Moses Mendelssohn296 Passagen vorhanden

  • Deutsch, die Originalsprache, und deine Sprache
Erstveröffentlichung
(mit 54 Jahren)
Originalsprache
Deutsch

Rechtsverletzung melden

Überblick

Eine anonyme Streitschrift stellte Mendelssohn 1782 in die Ecke. Ihr Verfasser – höchstwahrscheinlich der Schriftsteller August Cranz – hielt ihm einen Widerspruch vor: Da war ein Jude, der für die Gewissensfreiheit eintrat und jeder Kirche das Recht absprach, den Glauben zu erzwingen, und der doch einer Religion treu blieb, die von göttlichem Gesetz, Bann und Ausschluss lebte. Gib das eine oder das andere auf, hieß es. Mendelssohn antwortete im Jahr darauf mit Jerusalem, und er antwortete, ohne etwas preiszugeben. Sein erster Teil legt dar, dass weder Staat noch Kirche je erzwingen darf, was ein Mensch glaubt, oder bürgerlichen Lohn und bürgerliche Strafe daran knüpfen darf; das Gewissen liegt außerhalb der Reichweite jeder Einrichtung, weil der Glaube gar nicht erst ins Dasein gezwungen werden kann. Sein zweiter Teil deutet das Judentum passend um: Es ist keine Sammlung von Lehren, die Zustimmung verlangen, argumentiert Mendelssohn, sondern geoffenbarte Gesetzgebung – eine Weise des Handelns, kein Bekenntnis –, die die Vernunft gänzlich frei lässt und einen Juden zum vollen Bürger eines weltlichen Staates werden lässt, ohne aufzuhören, ein Jude zu sein. Kant las es sogleich und schrieb ihm, es sei ein unwiderlegliches Buch, der Herold einer langsamen und kommenden Reform, die über Mendelssohns eigenes Volk hinausreichen werde. Das Buch rückte in den Mittelpunkt der nachfolgenden Auseinandersetzung um die jüdische Emanzipation.

Schlüsselbegriffe

Warum sagt Mendelssohn, der Glaube könne nicht erzwungen werden?

Weil die Überzeugung von Gründen und Einsicht hervorgebracht wird, nicht von Wille oder Befehl. Man kann einen Menschen zwingen, Worte zu sprechen oder Handlungen zu vollziehen, aber man kann ihn nicht auf Verlangen glauben machen; der Glaube gehorcht keinen Drohungen. Daraus schließt Mendelssohn, den Glauben zu erzwingen sei nicht bloß unrecht, sondern unmöglich, weshalb das Gewissen dauerhaft außerhalb der Reichweite von Kirche wie Staat liegt.

Was bedeutet „geoffenbarte Gesetzgebung“?

Es ist Mendelssohns Umdeutung des Judentums. Das Judentum, argumentiert er, ist kein Lehrgebäude, das geistige Zustimmung verlangt, sondern ein System göttlich gegebenen Gesetzes – Gebote darüber, wie zu handeln ist, keine Sätze, die man glauben muss. Seine Vernunftwahrheiten stehen jedem durch die Vernunft selbst offen; was die Offenbarung hinzufügt, ist Gesetzgebung, eine Weise zu leben. Das lässt das Judentum das Handeln binden, während es Glaube und Vernunft gänzlich frei lässt.

Wie trennt Mendelssohn Kirche und Staat?

Er weist ihnen verschiedene Gegenstände zu. Der Staat regiert das äußere Handeln um des Gemeinwohls willen und darf Zwang anwenden; die Kirche wendet sich an die innere Überzeugung, die niemand erzwingen darf. Keiner darf bürgerliche Rechte oder Strafen an den Glauben knüpfen. Diese Teilung schützt Bürger jedes Glaubens, da der Stand im Staat vom Handeln und Gesetz abhängt und nicht vom Bekenntnis, und sie verbietet dem Staat, zum Werkzeug religiösen Zwangs zu werden.

Auf welche Herausforderung antwortete das Buch?

Eine anonyme Streitschrift von 1782, wahrscheinlich von August Cranz, hielt Mendelssohn einen Widerspruch vor: Er trat für die Gewissensfreiheit ein und sprach den Kirchen das Recht auf Zwang ab, blieb aber einer Religion treu, die von göttlichem Gesetz, Bann und Ausschluss lebte. Gib das eine oder das andere auf, verlangte sie. Jerusalem ist seine Antwort, und sie gibt nichts preis – sie verteidigt die Gewissensfreiheit und deutet das Judentum so, dass die beiden zusammenhalten.

Warum nannte Kant das Buch unwiderleglich?

Kant las Jerusalem sogleich und schrieb Mendelssohn, es sei ein unwiderlegliches Buch, der Herold einer langsamen und kommenden Reform, die über sein eigenes Volk hinausreichen werde. In seiner Trennung des Gewissens von der Zwangsgewalt erkannte er einen Grundsatz, an dem er nichts auszusetzen fand. Das Buch wurde in der Folge zu einem Gründungstext der jüdischen Emanzipation und des liberalen Judentums, seine Mauer zwischen Gewissen und Staat wird noch heute angeführt.

Themen des Buches

Worauf dieses Buch immer wieder zurückkommt, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Textes jedes einnimmt.

Das Gewissen außerhalb der Reichweite jeder Einrichtung

Darf irgendeine Macht mit Recht erzwingen, was ein Mensch glaubt? Mendelssohn antwortet mit Nein und gründet die Antwort auf etwas Tieferes als Rechte: Der Glaube kann überhaupt nicht ins Dasein gezwungen werden.

Der erste Teil legt dar, dass weder Staat noch Kirche je erzwingen darf, was ein Mensch glaubt, oder bürgerlichen Lohn und bürgerliche Strafe daran knüpfen darf. Der Grund ist nicht bloß, dass Zwang ungerecht ist, sondern dass er unmöglich ist: Die Überzeugung folgt der Einsicht und Vernunft, nicht dem Befehl, also kann der Glaube gar nicht erst ins Dasein gezwungen werden. Das Gewissen liegt daher außerhalb der Reichweite jeder Einrichtung. Das macht die Gewissensfreiheit aus einem Zugeständnis, das ein duldsamer Herrscher gewährt, zu einer Grenze, die in dem liegt, was Glaube ist – eine Grenze, die keine Obrigkeit überschreiten kann, selbst wenn sie es versucht.

  • Gewissen
  • Zwang
  • Autorität
  • Rechtsansprüche
  • Vernunft
  • Erkenntnistheorie
  • Naturrecht
  • Pflicht
  • Religiöse Autorität

Eine Mauer zwischen Gewissen und Staatsgewalt

Sollte der Stand eines Menschen als Bürger je davon abhängen, was er glaubt? Mendelssohn zieht eine feste Linie: Der Staat regiert Handlungen, nie die innere Überzeugung, und kein Glaube darf Bedingung der Zugehörigkeit sein.

Mendelssohn scheidet die Bereiche von Staat und Kirche, sodass keiner den Glauben erzwingen oder den bürgerlichen Stand daran binden darf. Sache des Staates sind das äußere Handeln und das Gemeinwohl; die Überzeugung steht niemandem zu befehlen. Das lässt einen Menschen jedes Glaubens voller Bürger sein, ohne vorzugeben, das Bekenntnis der Mehrheit zu teilen. Seine Mauer zwischen Gewissen und Staatsgewalt wurde zu einem Gründungstext der religiösen Freiheit, noch immer zitiert in Auseinandersetzungen, denen sie um ein Menschenleben vorausging. Sie begegnet der Furcht, ein gegen den Glauben gleichgültiger Staat verliere seinen Zusammenhalt, indem sie die Einheit im geteilten Handeln und Gesetz verortet, nicht im erzwungenen Einverständnis.

  • politische Philosophie
  • Autorität
  • Zwang
  • Theokratie
  • Gesellschaftsvertrag
  • Rechtsansprüche
  • Naturrecht
  • Gewissensfreiheit
  • Kirche und Staat

Das Judentum als geoffenbartes Gesetz, kein Bekenntnis

Wie kann eine Religion des göttlichen Gesetzes die Vernunft frei lassen? Mendelssohn deutet das Judentum als Gesetzgebung statt Lehre um – eine Weise des Handelns, die keine Zustimmung zu Sätzen verlangt.

Eine anonyme Streitschrift hatte einen Widerspruch vorgehalten: ein Jude, der jeder Kirche das Recht absprach, den Glauben zu erzwingen, und der doch einer Religion des göttlichen Gesetzes, des Bannes und des Ausschlusses treu blieb. Mendelssohn antwortete, indem er das Judentum selbst umdeutete. Es ist keine Sammlung von Lehren, die Zustimmung verlangen, argumentiert er, sondern geoffenbarte Gesetzgebung – eine Weise des Handelns, kein Bekenntnis –, die die Vernunft gänzlich frei lässt, die Wahrheit aus sich selbst zu erreichen. Ein Jude kann daher voller Bürger eines weltlichen Staates sein, ohne aufzuhören, ein Jude zu sein. Der Schritt machte das Buch zu einem Grundstein der jüdischen Emanzipation und des liberalen Judentums.

  • Offenbarung
  • Theologie
  • Religion
  • Recht
  • Hermeneutik
  • Semiotik
  • Symbolismus
  • Götzendienst
  • Ethik

In diesem Werk

Passagen vorhanden
296
eigenständige Begriffe
475
nach vorhandenen Passagen, korpusweit
Nr. 104

Was dieses Buch zusammen denkt

Jeder Bogen am Rad ist ein Begriff dieses Buches. Ein Band verbindet zwei, nach denen der Text gemeinsam greift; seine Breite zeigt, wie viele seiner Passagen beide enthalten. Am stärksten: Autorität mit Erkenntnistheorie.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 8 Konzepte, verbunden durch 13 Paarungen. 38 gemeinsame Passagen insgesamt. 87 schwächere Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
AutoritätErkenntnistheorie5
ErkenntnistheorieSemiotik5
Zwangpolitische Philosophie4
AutoritätVernunft3
EthikGewissen3
Ethikpolitische Philosophie3
Gewissenpolitische Philosophie3
AutoritätZwang2
ErkenntnistheorieEthik2
ErkenntnistheorieGewissen2
ErkenntnistheorieVernunft2
GewissenZwang2
VernunftZwang2

Vorhandene Werke

Das Gesamtwerk der Reihe nach, dieses Buch an seinem Platz markiert. Zuerst der Titel in deiner Sprache, darunter das Original, wo beide sich unterscheiden; die Chips am Rand zeigen, welche Volltexte vorhanden sind.

  1. 1767 Phaedon oder über die Unsterblichkeit der Seele

    Der Bestseller, der Mendelssohn zum „deutschen Sokrates“ machte – eine rationale Verteidigung der Unsterblichkeit der Seele nach dem Vorbild Platons, die Kant später herausgriff, um sie zu widerlegen.

    DE
  2. 1783 Jerusalem oder über religiöse Macht und Judenthum du bist hier DE
  3. 1784 Über die Frage: was heißt aufklären?

    Ein kurzer Gelegenheitsaufsatz für eine Berliner Diskussionsgesellschaft – der Zwilling und Vorläufer von Kants berühmterer Antwort auf dieselbe Frage, und derjenige, der zuerst in Druck ging.

    DE
Anmelden oder abonnieren, um dieses Werk zu besprechen

— oder öffne ein anderes Werk aus dieser Feder