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Moses Mendelssohn

Philosoph der jüdischen Aufklärung zur Religionsfreiheit

3 Werke · 716 Passagen verankert

Lebensdaten
1729–1786
Wikipedia

Der Geist

Preußen zählte seine Juden. Das revidierte Generalprivileg von 1750 teilte sie in Klassen und band das Wohnrecht an einen königlichen Schutzbrief; wer keinen hatte, war geduldet und sonst nichts. In denselben Jahren stritten die Berliner Gelehrten über Toleranz — und meinten damit fast immer eine Milde, die die Mehrheit gewährt und jederzeit wieder einziehen kann. Wer ihnen widersprach, führte tagsüber die Bücher einer Seidenmanufaktur. Sein Einwand ließ sich in einen Satz fassen: Kein Gewissen darf gezwungen werden, weder vom Staat noch von der Kirche, und die eigene Gemeinde ist ausdrücklich mitgemeint.

Nach Berlin kam er 1743, vierzehnjährig, seinem Dessauer Lehrer David Fränkel hinterher, den die Stadt zum Oberrabbiner berufen hatte. Deutsch, Latein, Französisch und Englisch brachte er sich selbst bei, Locke, Leibniz und Wolff dazu. Zu leben hatte er von der Seidenmanufaktur des Isaak Bernhard: 1750 als Hauslehrer, 1754 als Buchhalter, 1761 als Geschäftsführer, nach Bernhards Tod 1768 als Teilhaber. Philosophiert wurde abends. 1763 gewann er den Preis der Berliner Akademie mit der Abhandlung über die Evidenz in den metaphysischen Wissenschaften; Kant hatte ebenfalls eingereicht und unterlag. Im selben Jahr gewährte ihm Friedrich II. ein Schutzprivileg — auf seine Kinder ging es nicht über. 1767 beantwortete der Phädon die Frage, ob die Seele unsterblich sei; das Buch wurde ein Erfolg und in zehn Sprachen übersetzt.

Zwei Jahre darauf widmete ihm der Zürcher Pfarrer Johann Caspar Lavater öffentlich eine Übersetzung und forderte ihn auf, die Beweise des Naturforschers Charles Bonnet für das Christentum zu widerlegen oder selbst Christ zu werden. Die Falle war sauber gestellt: Wer schwieg, räumte ein; wer angriff, griff die Religion an, von deren Duldung er lebte. Mendelssohn prüfte das Christentum mit keinem Wort und beharrte darauf, dass niemand einen anderen über dessen Glauben verhören dürfe. 1771 brach er zusammen; die Metaphysik musste auf ärztliche Anweisung jahrelang ruhen. In dieselbe Zeit fiel seine Wahl in die Akademie — der König bestätigte sie nicht.

Danach verschob sich sein Thema. Es ging nicht mehr um die Unsterblichkeit der Seele, sondern darum, unter welchen Bedingungen ein Mensch überhaupt öffentlich denken darf. 1780 baten ihn elsässische Juden um eine Eingabe gegen die Sonderabgaben, die sie trafen. Er gab den Auftrag an den preußischen Beamten Christian Konrad Wilhelm Dohm weiter, dessen Über die bürgerliche Verbesserung der Juden 1781 erschien, und schrieb 1782 die Vorrede zu Menasse ben Israels Rettung der Juden. Ein anonymer Gegner hielt ihm daraufhin vor, er säge am eigenen Ast: Sein Judentum beruhe doch selbst auf Bann und Zwang.

Die Antwort erschien 1783 als Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum und trennt zwei Dinge, die das Jahrhundert zusammendachte. Der Staat regelt Handlungen und verfügt deshalb über Zwang; die Religion zielt auf Überzeugungen, und Überzeugungen lassen sich nicht befehlen. Also steht keiner Gemeinde ein Bannrecht zu, der jüdischen so wenig wie irgendeiner anderen. Und das Judentum, so das zweite Argument, sei gar keine geoffenbarte Religion, sondern eine geoffenbarte Gesetzgebung: Es verpflichte zu Handlungen, nicht zu Glaubenssätzen, denn was über Gott zu wissen ist, steht jedem Menschen durch die Vernunft offen. Ein Jude konnte damit Bürger sein, ohne das Gesetz preiszugeben. Beide Seiten hörten die Hälfte, die ihnen missfiel.

Praktisch wurde derselbe Gedanke in der Bibelübersetzung von 1780 bis 1783: der Pentateuch auf Deutsch, in hebräischen Lettern neben den Urtext gedruckt, dazu der hebräische Kommentar Bi'ur. Am vertrauten Text sollten die Leser die fremde Sprache lernen. Rabbiner verboten das Buch. Aus dem Kreis um Mendelssohn wuchs trotzdem die Haskala, die jüdische Aufklärung.

Die letzten Monate verbrauchte der Streit um den toten Lessing, den Friedrich Heinrich Jacobi zum Spinozisten erklärt hatte. Die Erwiderung An die Freunde Lessings trug Mendelssohn am Abend des 31. Dezember 1785 selbst zur Druckerei; vier Tage später war er tot. Seine Metaphysik überholte Kant binnen weniger Jahre. Ob Jerusalem ein modernes Judentum begründet oder eine Linie gezogen hat, die keine spätere Generation halten konnte, ist bis heute nicht entschieden.

Schlüsselbegriffe

Wie unterscheidet Mendelssohn die Aufklärung von der Kultur?

Die Aufklärung entwickelt das theoretische Verständnis, während die Kultur praktische Fähigkeiten dafür ausbildet, gut zu leben und zu handeln. Mendelssohn begreift beide als miteinander verbundene Formen menschlicher Bildung, nicht als rivalisierende Errungenschaften: Das Verständnis soll das Handeln leiten, und das Handeln soll dem Verständnis gesellschaftliche Wirklichkeit verleihen. Keine der beiden kann die andere ersetzen.

Über die Frage: Was heißt aufklären?

Warum bezeichnet Mendelssohn das Judentum als geoffenbarte Gesetzgebung?

Das Judentum gibt eine geoffenbarte Gesetzgebung, nicht ein System geoffenbarter Dogmen. Diese Unterscheidung erlaubt es Mendelssohn, die besonderen Praktiken des Judentums zu verteidigen, ohne religiöse Überzeugung von der erzwungenen Zustimmung zu Lehrsätzen abhängig zu machen. Der Glaube bleibt innerlich, während das Gesetz das öffentlich sichtbare Handeln regelt.

Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum

Was bedeutet Vollkommenheit in Mendelssohns Philosophie?

Vollkommenheit bezeichnet die umfassendere Verwirklichung der Fähigkeiten eines Wesens, nicht einen Zustand fehlerloser Vollendung. Daher versteht Mendelssohn die Vervollkommnung des Menschen als einen allmählichen Prozess: Verständnis, Tugend und Glück können zunehmen, ohne die menschliche Begrenztheit aufzuheben. Der Begriff verbindet Metaphysik und Ethik, denn was ein Mensch werden kann, trägt dazu bei zu erklären, wonach er streben soll.

Wie kann Sprache private Gedanken in gemeinsames Wissen verwandeln?

Zeichen machen private Vorstellungen mitteilbar, indem sie in gemeinsamen Sprachpraktiken für Gegenstände, Gedanken oder Verhältnisse stehen. Mendelssohns Erkenntnistheorie kann das Denken daher nicht als etwas begreifen, das in einem individuellen Geist eingeschlossen bleibt: Sprache klärt, bewahrt und prüft Gedanken unter Menschen. Kommunikation gehört zur Erkenntnis.

Was macht ein Gesetz zu einem Naturgesetz und nicht bloß zu positivem Recht?

Das Naturrecht gründet die Verpflichtung in der menschlichen Natur und der Vernunft, nicht im Gebot eines Herrschers oder in der Sitte einer Gemeinschaft. Es liefert einen Maßstab, an dem das positive Recht beurteilt werden kann, besonders wenn politische Macht in Religion und Gewissen eingreift. Das Recht kann Pflichten zum Ausdruck bringen, ohne jede Pflicht erst zu begründen.

Themen eines Geistes

Begriffe, die im hier vorliegenden Korpus gemeinsam wiederkehren, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Gesamtwerks jedes einnimmt.

Vernunft, Natur und die Seele

Kann die Vernunft bestimmen, was die Seele ist und ob sie den Körper überdauert, wie Mendelssohn in Phädon (1767) argumentiert? Die Antwort entscheidet darüber, ob die Metaphysik die Menschenwürde verteidigen kann, ohne sich allein auf die Offenbarung zu stützen.

Mendelssohn behandelte die Metaphysik als geregelte Untersuchung dessen, was die Vernunft über Natur, Ursache und Seele feststellen kann, und nicht als Freibrief für eine Spekulation, die dem Beweis davonläuft. In Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele (1767) verteidigte er das Fortbestehen der Seele nach dem Tod des Leibes und wandte sich gegen materialistische Lehren, die das Denken auf Materie zurückführten. Seine teleologische Sicht band die Kräfte der Seele an eine vernünftige Ordnung. So entstand eine Verteidigung der Unsterblichkeit aus philosophischen Gründen, nicht aus geoffenbarter Autorität.

  • Metaphysik
  • Logik
  • Seele
  • Kausalität
  • Teleologie
  • Natur

Erkenntnis und Wahrheit

Wie kann menschliche Erkenntnis von Wahrnehmung und privatem Bewusstsein zu einer Wahrheit vordringen, die die Vernunft mit anderen teilen kann? Mendelssohns Antwort, die in seiner Darstellung der Aufklärung von 1784 sichtbar wird, macht geistige Unabhängigkeit zur Voraussetzung eines stichhaltigen Urteils.

Erkenntnis beginnt mit der Tätigkeit des Geistes, doch machte Mendelssohn das eigene Bewusstsein nicht zur letzten Instanz der Wahrheit. Seine aufklärerische Methode verband Beobachtung, Begriffsanalyse und Vernunft: Das Erkennen musste sich an Grundsätzen prüfen lassen, die mehr beanspruchen konnten als persönliche Überzeugung. Der Unterschied wog schwer in einer Zeit, in der Skepsis und dogmatische Metaphysik das Fragen von zwei Seiten bedrohten. Vernünftigkeit war für Mendelssohn deshalb eine öffentliche Disziplin: Wahrheit hing an Gründen, die andere Denker prüfen konnten.

  • Erkenntnistheorie
  • Philosophie des Geistes
  • Vernunft
  • Wahrheit
  • Kognition
  • Rationalität
  • Bewusstsein
  • Methodologie

Gewissen und Tugend

Was verleiht der Pflicht ihre Autorität, wenn weder Zwang noch Sitte einen Menschen gut machen können? Mendelssohn verbindet das Gewissen mit menschlicher Vervollkommnung und macht die Tugend zu einer Praxis, die Urteil und Handeln im Lauf eines ganzen Lebens formt.

Das sittliche Urteil wartete für Mendelssohn weder auf politischen Befehl noch auf kirchliche Erlaubnis: Das Gewissen erfasste Pflichten, die die Vernunft klären konnte, und die Tugend übte sie in Handlung ein. Er band die Natur des Menschen an dessen Fähigkeit, sich zu bilden und zu vervollkommnen, und verstand Weisheit als praktisch, nicht als Zierde. Diese Haltung wehrte willkürlicher Obrigkeit ebenso wie einer auf Gehorsam verkürzten Moral. In Jerusalem (1783) gab die Unterscheidung von bürgerlicher Handlung und innerer Überzeugung der sittlichen Verantwortung Raum, den Zwang zu überdauern.

  • Ethik
  • Tugend
  • Gewissen
  • Weisheit
  • Menschennatur
  • Pflicht

Religionsfreiheit und Autorität

Wo muss die politische Macht Halt machen, sobald sie an den Glauben rührt? Jerusalem (1783) macht die Grenze zwischen rechtmäßigem Handeln und innerer Überzeugung entscheidend für Gerechtigkeit, Toleranz und die Legitimität religiöser Autorität.

Die staatliche Gewalt darf Handlungen regeln, die das Zusammenleben verlangt; das Gewissen aber, das die Religion erst bedeutsam macht, darf sie nicht ergreifen. Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum (1783) hält diese Grenze gegen Kirchen wie Staaten fest und weist den Zwang als Weg zum Glauben zurück. Mendelssohns Berufung auf Gerechtigkeit und Naturrecht schützt so die religiöse Vielfalt, ohne das öffentliche Recht preiszugeben. Das Argument macht die Toleranz zur Frage der Autorität: Wer darf Handlungen gebieten, und wer darf über Überzeugungen richten?

  • politische Philosophie
  • Theologie
  • Gerechtigkeit
  • Autorität
  • Zwang
  • Naturrecht

Tod und Unsterblichkeit

Kann moralischer Sinn fortbestehen, wenn der Tod der handelnden und leidenden Person ein Ende setzt? Phädon (1767) behandelt die Unsterblichkeit als philosophische These mit Konsequenzen für Gerechtigkeit, Tugend und den Wert, der dem menschlichen Leben beigemessen wird.

Der Tod stellte die Vernunft und ihre Rede vom Wert des Menschen auf die Probe: Vergeht die Seele mit dem Leib, so brauchen Gerechtigkeit und sittlicher Fortschritt einen anderen Grund. Phädon (1767) antwortet mit der Verteidigung der Unsterblichkeit und eines künftigen Lebens und zeigt die Seele als mehr denn eine zeitweilige Verrichtung der leiblichen Natur. Mendelssohn wandte sich gegen die Zurückführung der Person auf Materie, machte die Sache aber philosophisch statt bloß bekenntnishaft. Die Unsterblichkeit trägt darum sittliches Gewicht: Sie bewahrt die Aussicht, dass der Tod die Tugend nicht endgültig durchstreicht.

  • Tod
  • Unsterblichkeit
  • Jenseits

In Zahlen

Werke im Bestand
3
erfasste Passagen
716
erfasste Konzepte
826
thematische Cluster
5

Konzepte, die zusammen auftreten

Jeder Bogen am Rad ist ein Konzept. Ein Band verbindet zwei, die immer wieder in derselben Passage auftauchen; seine Breite zeigt, wie viele Passagen sie teilen. Am stärksten: Metaphysik mit Natur.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 8 Konzepte, verbunden durch 11 Paarungen. 65 gemeinsame Passagen insgesamt. 89 schwächere Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
MetaphysikNatur10
MetaphysikSeele9
ErkenntnistheorieMetaphysik8
MetaphysikPhilosophie des Geistes6
MetaphysikUnsterblichkeit6
LogikMetaphysik5
Philosophie des GeistesUnsterblichkeit5
SeeleUnsterblichkeit5
LogikNatur4
LogikSeele4
ErkenntnistheorieLogik3

Der Bogen eines Werks

Das Gewicht einer Zelle ist der Anteil des Konzepts an den Passagen des Werks; eine Spalte lässt sich daher ebenso von oben nach unten lesen wie eine Zeile von links nach rechts. Am dichtesten: Aufklärung in Über die Frage: was heißt aufklären?, 50 %.

Dichte 0 % 50 %

Konzeptdichte je Werk, chronologisch 3 Werke, in der Reihenfolge ihrer Entstehung. 8 Konzeptspalten, nach Gesamtgewicht geordnet. 82 weitere Konzepte liegen außerhalb der gezeigten Spalten.
WerkJahrAufklärungErkenntnistheorieErziehungpolitische PhilosophieEthikMetaphysikWahrheitMenschennatur
Phaedon oder über die Unsterblichkeit der Seele0,2 %10,5 %1 %0,5 %6,4 %14,5 %4,9 %2,9 %
Jerusalem oder über religiöse Macht und Judenthum0,3 %9,8 %1,7 %9,5 %10,1 %1,7 %2 %1,7 %
Über die Frage: was heißt aufklären?50 %0 %16,7 %8,3 %0 %0 %8,3 %8,3 %

Werke im Bestand

Titel in deiner Sprache, darunter das Original in Klammern. Die seitlichen Marken zeigen, welche Volltexte vorliegen.

  1. 1767 Phaedon oder über die Unsterblichkeit der Seele

    Der Bestseller, der Mendelssohn zum „deutschen Sokrates“ machte – eine rationale Verteidigung der Unsterblichkeit der Seele nach dem Vorbild Platons, die Kant später herausgriff, um sie zu widerlegen.

    DE
  2. 1783 Jerusalem oder über religiöse Macht und Judenthum

    Mendelssohns Antwort auf eine Streitschrift, die ihn herausforderte, seinen Liberalismus mit seinem Judentum in Einklang zu bringen – ein Plädoyer für die Gewissensfreiheit und die Trennung von Kirche und Staat, das Kant unwiderleglich nannte.

    DE
  3. 1784 Über die Frage: was heißt aufklären?

    Ein kurzer Gelegenheitsaufsatz für eine Berliner Diskussionsgesellschaft – der Zwilling und Vorläufer von Kants berühmterer Antwort auf dieselbe Frage, und derjenige, der zuerst in Druck ging.

    DE
Einen Dialog mit Moses Mendelssohn beginnen

— oder zieh weiter zu einem anderen Geist

Zwei Geister gegeneinander antreten lassen

Jede dieser Fragen beantworten die beiden verschieden. Wähle eine, und sie tragen sie aus, beide gestützt auf die hier vorliegenden Texte.