Die Aufklärung ist nicht die ganze Bildung
Ist aufgeklärt zu werden dasselbe wie gebildet zu werden? Mendelssohn zieht die beiden auseinander: Wissen und die praktischen Künste des Lebens sind getrennte Stränge, und sie können unterschiedlich schnell wachsen.
Mendelssohns kurzer Aufsatz zieht eine Unterscheidung, die Kants berühmte Antwort nicht kennt. Die Aufklärung, die Pflege von Vernunft und theoretischem Wissen, ist nur ein Strang der Bildung eines Volkes; die Kultur, die praktischen und geselligen Künste, ist ein anderer. Die beiden müssen nicht zusammen voranschreiten – eine Nation kann gelehrt und doch ungeschliffen sein, oder geschickt und doch unbedacht. Diese Verfeinerung widersteht der Idee eines einzigen Maßes des Fortschritts und macht die Bildung zu einem Gleichgewicht zweier Dinge statt zur schlichten Ausbreitung der Vernunft. Es ist der analytische Kern seines Beitrags – er unterscheidet, wo Kant eint –, und darum wird der Aufsatz heute neben Kants nach eigenem Maß gelesen.
- Aufklärung
- Kultur
- Erziehung
- Staatsbürgerschaft
- Sprache
- Menschennatur
- Pflichtenkonflikt
Ins Gespräch kommen
- Was bedeutet es für die eigene Bildung eines Menschen, die Aufklärung, das Wachsen des Wissens, von der Kultur, den Künsten des Lebens, zu trennen?
- Ist die Aufklärung von der Kultur zu trennen nicht ein künstlicher Schnitt – wachsen Wissen und Handeln nicht in jedem wirklichen Leben zusammen?
- Wie unterscheidet sich die Aufklärung, wie du das Wort gebrauchst, von der Kultur, und warum braucht ein Volk beide?
- Um zuzugeben, dass eine Nation aufgeklärt sein kann, ohne gebildet zu sein, oder umgekehrt: Welches saubere Bild vom Fortschritt muss ein Leser fallen lassen?
- Für jemanden, der weithin gelehrt und doch ungeschickt in der praktischen Welt ist: Was sagt deine Unterscheidung, das er gewonnen hat und noch immer entbehrt?