WerkNāgārjuna

Die Philosophie der Leere

Rund 450 Verse, die zeigen wollen, dass nichts aus eigenem Wesen besteht, nicht einmal das Nirvana – der Gründungstext der buddhistischen Schule des Mittleren Weges.

von Nāgārjuna235 Passagen vorhanden

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Originaltitel
Mūlamadhyamakakārikā
Originalsprache
Sanskrit

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Überblick

Die Gelehrten des Abhidharma, jener Schulen, die die Lehre des Buddha zu einem System ausgebaut hatten, zerlegten die Welt in ihre kleinsten Bausteine, die dharmas, und sprachen jedem von ihnen svabhāva zu: ein eigenes Wesen, das ihn zu dem macht, was er ist, ganz gleich, was sonst existiert. In rund 450 knappen Versen bestreitet Nāgārjuna, dass irgendetwas ein solches Wesen hat. Ein Ding besteht nur in Abhängigkeit von seinen Ursachen, seinen Teilen und den Begriffen, die es herausgreifen, und eben diese Abhängigkeit nennt er Leerheit. Historiker setzen ihn ins zweite oder dritte Jahrhundert n. Chr. und vermuten ihn in Südindien. Die Verse nehmen sich einen Gegenstand nach dem anderen vor – Ursachen, Bewegung, die Sinne, das Selbst, die Zeit, den Buddha, schließlich das Nirvana selbst – und zeigen, dass jeder von ihnen, als für sich bestehend gedacht, in den Widerspruch führt. Das vierundzwanzigste Kapitel stellt sich dem naheliegenden Einwand, damit werde auch die Lehre des Buddha leer. Nāgārjuna antwortet, die Lehre wirke auf zwei Ebenen der Wahrheit, der alltäglichen und der höchsten, und die höchste lasse sich nicht ohne die alltägliche lehren. Das fünfundzwanzigste kommt zu dem Schluss, dass zwischen dem Nirvana und dem Kreislauf der Wiedergeburten nicht der geringste Unterschied besteht. Mit diesen Versen begann das Madhyamaka, die Schule des Mittleren Weges, und tausend Jahre lang wurde um sie gestritten. Der Mönch und Übersetzer Kumārajīva übertrug sie 409 ins Chinesische, wo sie zu einem Gründungstext der Drei-Abhandlungen-Schule wurden; in Tibet setzte sich die Deutung Candrakīrtis durch, eines Kommentators aus dem siebten Jahrhundert. Der deutsche Indologe Max Walleser übersetzte 1911 die tibetische Fassung. Sie überliefert die Verse eingebettet in die Akutobhayā, einen frühen Kommentar, den die tibetische Tradition Nāgārjuna selbst zuschreibt – viele Forscher bezweifeln das. Ein Jahr später übersetzte Walleser auch die chinesische Fassung.

Schlüsselbegriffe

Was ist svabhāva, das Eigensein?

Svabhāva ist das, was ein Ding hätte, wenn es ganz aus sich selbst wäre, was es ist, ohne Ursachen, Teilen oder Namen etwas zu verdanken. Die Gelehrten, gegen die Nāgārjuna schreibt, sprachen jedem kleinsten Element der Welt ein solches Eigensein zu. Er bestreitet, dass irgendetwas es hat, denn was nichts anderem etwas verdankt, könnte nie entstehen, sich wandeln oder enden, und alles, was uns begegnet, tut alle drei.

Heißt Leerheit, dass nichts existiert?

Nein. Leerheit bedeutet, kein Eigensein zu haben, nicht, nichts zu sein. Ein Ding ist leer, weil es nur in Abhängigkeit von anderem besteht, und die Verse behandeln Leersein und abhängiges Entstehen als ein und dieselbe Tatsache. Ihr Beispiel von Täter und Tat zeigt es: Niemand ist Täter ohne Tat, keine Tat geschieht ohne Täter, und doch sind beide wirklich genug, um danach zu handeln.

Was sind die zwei Wahrheiten?

Es sind zwei Ebenen, auf denen die Lehre des Buddha spricht. Die alltägliche oder verhüllte Wahrheit ist die Welt, wie Sprache und Gewohnheit sie zeigen: Dinge entstehen, Menschen handeln, ein Lehrer lehrt. Die höchste Wahrheit ist, dass nichts davon ein Eigensein hat. Wer den Unterschied nicht erkennt, so die Verse, verfehlt die Lehre, und die höchste Wahrheit wird nur über die alltägliche erreicht.

Warum fragt fast jedes Kapitel, ob zwei Dinge eins oder verschieden sind?

Weil diese Frage das Hauptwerkzeug der Verse ist. Nehmen Sie Feuer und Brennstoff: Wären sie eins, wären das Brennende und das Verbrannte dasselbe; wären sie zwei, könnte Feuer ohne Brennstoff brennen, was es nie tut. Hält keine der beiden Antworten, kann das Paar kein Eigensein haben, und es bleibt nur Abhängigkeit. Dieselbe Probe trifft Gehenden und Gehen, Selbst und Körper.

Was sind die skandhas, die Gruppen?

Die skandhas sind die fünf Gruppen, in die die buddhistische Analyse einen Menschen zerlegt: Körperform, Gefühl, Wahrnehmung, Gestaltungen und Bewusstsein. Die Verse prüfen an ihnen das Selbst. Ein Selbst, das mit diesen wechselnden Gruppen identisch wäre, entstünde und verginge mit ihnen, und ein Selbst außerhalb ihrer ließe sich nirgends finden, also steht weder das Selbst noch stehen die Gruppen für sich.

Themen des Buches

Worauf dieses Buch immer wieder zurückkommt, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Textes jedes einnimmt.

Nichts steht für sich

Was wir benennen, scheint aus sich heraus da zu sein, mit einem Wesen, das es zu dem macht, was es ist. Die Verse fragen, ob irgendetwas so bestehen könnte, und verneinen es.

Nāgārjunas Gegner waren buddhistische Gelehrte, die die Welt in kleinste Elemente zerlegt und jedem ein svabhāva zugeschrieben hatten, ein Eigensein, das es unabhängig von allem anderen zu dem macht, was es ist. Er nimmt ihre Begriffe einzeln vor, Ursachen, Bewegung, Sinne, Zeit, und fragt bei jedem Paar, Feuer und Brennstoff, Gehendem und Gehen, ob sie eins sind oder zwei. Beide Antworten führen in den Widerspruch. Übrig bleibt Abhängigkeit: Dinge entstehen aus Ursachen, Teilen und den Namen, die sie herausgreifen, und diese Abhängigkeit nennt er Leerheit. Abgeschafft wird nichts, nur seine Selbständigkeit.

  • Leerheit
  • Entstehen in Abhängigkeit
  • abhängiges Entstehen
  • Abhängigkeit
  • Svabhava
  • Eigenexistenz
  • Kausalität
  • Verursachung
  • Entstehen
  • Entstehen und Vergehen der Dinge
  • Erlöschen
  • Existenz
  • Identität
  • Differenz
  • Zeit
  • Vergänglichkeit
  • Wahrnehmung

Zwei Wahrheiten und das Nirvana

Wenn nichts ein Eigensein hat, scheint sich auch die Lehre des Buddha selbst zu entleeren. Auf dem Spiel steht, ob Leid, Taten und Befreiung noch etwas bedeuten, sobald die Leerheit zugestanden ist.

Nāgārjuna stellt sich dem Einwand direkt: Die Leerheit hebt die vier edlen Wahrheiten nicht auf, sie macht sie erst möglich, denn einen Weg mit festem Eigensein könnte niemand gehen. Die Lehre ruht auf zwei Ebenen der Wahrheit, der alltäglichen und der höchsten, und die höchste ist nur über die alltägliche zu erreichen. Taten tragen Frucht, wie der Spross dem Samen folgt, ohne einen unveränderlichen Täter dahinter. Und das Nirvana ist kein anderer Ort: Zwischen ihm und dem Kreislauf der Wiedergeburten besteht nicht der geringste Unterschied.

  • Nirwana
  • Befreiung vom Leiden
  • Leiden
  • Karma
  • Handlung
  • Reinkarnation
  • Selbst
  • Aggregate

In diesem Werk

Passagen vorhanden
235
eigenständige Begriffe
172
nach vorhandenen Passagen, korpusweit
Nr. 317

Was dieses Buch zusammen denkt

Das Rad nimmt die führenden Begriffe dieses Buches und zeigt, wie oft sie gemeinsam zur Sprache kommen. Je breiter das Band zwischen zweien, desto mehr seiner Passagen sprechen von beiden. Unter ihnen am häufigsten zusammen: „Entstehen in Abhängigkeit“ und „Leerheit“.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 8 Konzepte, verbunden durch 23 Paarungen. 84 Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
Entstehen in AbhängigkeitLeerheit21
Entstehen in AbhängigkeitKausalität16
KarmaKausalität13
IdentitätSelbst11
LeerheitSelbst11
Entstehen in AbhängigkeitSelbst10
LeerheitNirwana10
Entstehen in AbhängigkeitKarma9
KarmaLeerheit7
Entstehen in AbhängigkeitIdentität5
KausalitätLeerheit5
SelbstVerursachung5
IdentitätKausalität4
IdentitätLeerheit4
IdentitätVerursachung4
LeerheitVerursachung4
KarmaSelbst3
Entstehen in AbhängigkeitNirwana2
Entstehen in AbhängigkeitVerursachung2
KarmaNirwana1
KausalitätNirwana1
KausalitätSelbst1
NirwanaSelbst1

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    Das praktische Gegenstück zur Mūlamadhyamakakārikā: Wo jenes Werk argumentiert, rät dieses, und sein Leser ist ein Laie, der ein Königreich zu regieren hat.

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