PhilosophIndien

Nāgārjuna

Der Mönch, der zeigte, dass nichts aus sich selbst besteht

2 Werke · 254 Passagen verankert

Lebensdaten
~150–~250
Schule
Madhyamaka
Wikipedia

Der Geist

Wenn nichts ein eigenes Wesen hat, so wandten seine Kritiker ein, dann steht die Lehre des Buddha auf nichts: kein Leiden, das zu beenden wäre, kein Weg hinaus, kein Nirvana am Ende des Weges. Nāgārjuna schrieb diesen Einwand in seine eigenen Verse, um ihn zu beantworten. Der Vorwurf, er habe die Welt ins Nichts entleert, wurde schon im alten Indien erhoben, und seine Antwort darauf ist der Gedanke, für den man ihn kennt. Die Dinge sind leer, so argumentierte er, weil sie nur in Abhängigkeit von ihren Ursachen, ihren Teilen und den Namen bestehen, die sie herausgreifen – und gerade diese Abhängigkeit lässt sie entstehen, sich wandeln und vergehen. Eine Welt von Dingen, die durch ein eigenes Wesen, svabhāva, festgelegt wären, könnte nichts davon.

Seine ersten Gegner waren Buddhisten wie er. Die Schulen des Abhidharma – Gelehrte, die die Lehre des Buddha zu einem System ausgebaut hatten – zerlegten die Erfahrung in ihre kleinsten Bausteine und sprachen jedem von ihnen ein eigenes Wesen zu; die Internet Encyclopedia of Philosophy nennt den Sarvāstivāda und den Sautrāntika unter den Schulen, gegen die er sich wandte. Hinter ihm standen die Sūtras der Vollkommenheit der Weisheit, ein Korpus von Mahāyāna-Schriften, das alle Dinge für leer erklärte. Nāgārjuna lieferte dieser Behauptung die Argumente: Er nahm sich Kausalität, Bewegung, das Selbst, die Zeit und das Nirvana einzeln vor und zeigte, dass jedes von ihnen, als für sich bestehend gedacht, in den Widerspruch führt. In der Vigrahavyāvartanī, siebzig Versen mit seinem eigenen Prosakommentar, antwortete er auf Einwände anderer Buddhisten und des Nyāya, der hinduistischen Schule der Logik.

Über den Menschen selbst ist wenig sicher. Historiker setzen ihn zwischen etwa 150 und 250 n. Chr. an und sehen in ihm einen Mönch, der vor allem in Südindien lebte; der Buddhismushistoriker Joseph Walser vertritt die These, dass er einen König der Sātavāhana-Dynastie beriet. Zwei Briefe mit Ratschlägen an einen König werden ihm zugeschrieben, die Ratnāvalī und die Suhṛllekha, deren Name „freundschaftlicher Brief“ bedeutet. Welche weiteren Werke von ihm stammen, ist in der Forschung umstritten, auch weil mehr als ein Autor diesen Namen trug. Die Überlieferung weiß mehr. Eine Lebensbeschreibung, die Kumārajīva um 405 ins Chinesische übertrug, macht ihn zum gebürtigen Brahmanen und zum größten Bodhisattva seit dem Buddha. Spätere tibetische Berichte erzählen, die nāgas, Schlangenwesen, die unter den Gewässern leben, hätten ihm die Sūtras der Vollkommenheit der Weisheit aus ihrem Reich übergeben, er habe sechshundert Jahre gelebt und einem Prinzen seinen Kopf geschenkt.

Seine Verse, die Mūlamadhyamakakārikā, auf Deutsch Die Philosophie der Leere, begründeten das Madhyamaka, die Schule des Mittleren Weges. Die Stanford Encyclopedia of Philosophy hält fest, dass er einhellig als der bedeutendste buddhistische Philosoph nach dem Buddha gilt. Kumārajīva übertrug die Verse 409 ins Chinesische. In Tibet, wo man ihn den zweiten Buddha nennt, wurde das Prāsaṅgika-Madhyamaka, eine Deutung seines Denkens, zur offiziellen philosophischen Position des tibetischen Buddhismus.

Schlüsselbegriffe

Was ist das abhängige Entstehen?

Es ist die Darstellung des Buddha, wie Leid Glied um Glied zustande kommt, und Nāgārjuna stellt sie in die Mitte seines eigenen Denkens. Eine Kette von zwölf Bedingungen läuft vom Nichtwissen über Begehren und Ergreifen bis zu Geburt, Alter und Tod. Jedes Glied besteht nur, weil das vorige besteht, also lässt sich die Kette brechen: Ist das Nichtwissen zerstört, sagen die Verse, entstehen auch die übrigen nicht mehr.

Was ist das Nirvana, wenn es weder Ort noch Ding ist?

Das Nirvana ist das Ende des Leids, und die Verse beschreiben es fast nur durch das, was es nicht ist: nicht aufgegeben, nicht erreicht, nicht abgeschnitten, nicht ewig, nicht zerstört, nicht entstanden. Es ist weder etwas Seiendes noch ein Nichts. Das ist kein Ausweichen: Was ein Eigensein hätte, ließe sich gewinnen oder verlieren, und das Nirvana ist gerade das Ende dieses ganzen Haushalts von Gewinnen und Verlieren.

Was ist prapañca, die Entfaltung des Geistes?

Prapañca ist die Gewohnheit des Geistes, Begriffe, Namen und Unterscheidungen so lange auszuspinnen, bis sie wie die Welt selbst erscheinen. Die Verse verfolgen eine Kette: Taten und die Trübungen dahinter kommen aus gedanklichen Vorstellungen, diese aus der Entfaltung, die an der Alltagsrede haftet, als beschriebe sie feste Dinge. Die Leerheit bringt sie zur Ruhe, und die Verse beginnen mit dem Lob des Buddha, der diese Beruhigung lehrte.

Wer ist ein Einzelbuddha?

Ein Einzelbuddha, ein pratyekabuddha, ist jemand, der ohne Lehrer erwacht, zu einer Zeit, in der kein Buddha erschienen ist und die Schüler früherer Buddhas verschwunden sind. Die Verse zeigen an dieser Gestalt, dass die Wahrheit nicht davon abhängt, dass jemand sie weiterreicht: Die Erkenntnis entsteht von selbst, aus Abgeschiedenheit und früherem Bemühen, unabhängig von anderen.

Themen eines Geistes

Begriffe, die im hier vorliegenden Korpus gemeinsam wiederkehren, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Gesamtwerks jedes einnimmt.

Weder Sein noch Nichts

Zu sagen, ein Ding existiere wirklich, und zu sagen, es existiere nicht, sind die beiden Arten, sich zu irren. Gefragt wird, wie man von einer Welt spricht, die wirklich genug ist, um in ihr zu handeln, und doch auf nichts Eigenem steht.

Seine Gegner waren buddhistische Mitbrüder, die die Erfahrung in kleinste Elemente zerlegt hatten, jedes durch ein Eigensein festgelegt, und sein Vorwurf lautet, solches Eigensein würde die Welt erstarren lassen: Was schon aus sich selbst ist, was es ist, könnte nie entstehen, sich wandeln oder enden. Dagegen setzt er nicht das Nichts, das ihm als der entgegengesetzte Irrtum gilt, sondern die Abhängigkeit. Ursachen, Zeit, die Person und selbst der Buddha bestehen nur in Beziehung, und das genügt, damit sie wirken.

  • Leerheit
  • Entstehen in Abhängigkeit
  • abhängiges Entstehen
  • Abhängigkeit
  • Svabhava
  • Eigenexistenz
  • Existenz
  • Kausalität
  • Verursachung
  • Entstehen
  • Entstehen und Vergehen der Dinge
  • Identität
  • Differenz
  • Zeit
  • Selbst
  • Aggregate

Den Griff lockern

Das Haften an Ansichten, an einem Selbst und an Besitz hält den Kreislauf der Wiedergeburten in Gang. Gefragt wird, wie das Loslassen aussieht, für einen Denker in seinen Versen und für einen König auf seinem Thron.

Leid nährt sich für Nāgārjuna vom Ergreifen, und das feinste Ergreifen ist ein gedankliches: festzuhalten, dass die Dinge sind, oder dass sie nicht sind, oder selbst die Befreiung wie einen Preis festzuhalten. Seine Verse bestreiten, dass irgendwer wirklich gebunden oder wirklich befreit sei, und doch behandelt er das Handeln nie als beliebig. In seinem Brief an einen König wird dieselbe Lehre zur Praxis: Reichtum verschenken, solange er währt, Wein und fremde Ehefrauen meiden, den Körper als hohl ansehen und der Höllen gedenken, die auf die Vergesslichen warten.

  • Nirwana
  • Befreiung vom Leiden
  • Leiden
  • Erlöschen
  • Karma
  • Handlung
  • Reinkarnation
  • Vergänglichkeit
  • Wahrnehmung
  • Ethik
  • buddhistische Ethik
  • Verdienst
  • Verlangen
  • Begierde
  • Zorn
  • Achtsamkeit
  • Meditation
  • Weisheit
  • Hölle
  • Seelenfrieden

In Zahlen

Werke im Bestand
2
erfasste Passagen
254
erfasste Konzepte
205
thematische Cluster
5

Konzepte, die zusammen auftreten

Das Rad nimmt die führenden Konzepte dieser Schriften und zeigt, wie oft sie gemeinsam zur Sprache kommen. Je breiter das Band zwischen zweien, desto mehr Passagen sprechen von beiden. Unter ihnen am häufigsten zusammen: „Entstehen in Abhängigkeit“ und „Leerheit“.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 8 Konzepte, verbunden durch 23 Paarungen. 91 Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
Entstehen in AbhängigkeitLeerheit21
KarmaReinkarnation10
LeerheitNirwana10
Befreiung vom LeidenEntstehen in Abhängigkeit9
Entstehen in AbhängigkeitKarma9
KarmaLeerheit7
ReinkarnationVergänglichkeit6
Entstehen in AbhängigkeitVergänglichkeit5
KarmaVergänglichkeit5
Befreiung vom LeidenKarma3
Befreiung vom LeidenLeerheit3
Befreiung vom LeidenNirwana3
Entstehen in AbhängigkeitReinkarnation3
KarmaNirwana3
LeerheitVergänglichkeit3
Befreiung vom LeidenReinkarnation2
Befreiung vom LeidenVergänglichkeit2
Entstehen in AbhängigkeitNirwana2
EthikKarma2
NirwanaReinkarnation2
NirwanaVergänglichkeit2
EthikReinkarnation1
EthikVergänglichkeit1

Der Bogen eines Werks

Das Gewicht einer Zelle ist der Anteil des Konzepts an den Passagen des Werks; eine Spalte lässt sich daher ebenso von oben nach unten lesen wie eine Zeile von links nach rechts. Am dichtesten: Karma in Letter to a Friend, 47,4 %.

Dichte 0 % 47,4 %

Konzeptdichte je Werk, chronologisch 2 Werke, in der Reihenfolge ihrer Entstehung. 8 Konzeptspalten, nach Gesamtgewicht geordnet. 52 weitere Konzepte liegen außerhalb der gezeigten Spalten.
WerkJahrKarmaEntstehen in AbhängigkeitReinkarnationNirwanaVergänglichkeitLeerheitBefreiung vom LeidenEthik
Die Philosophie der Leere12,8 %28,5 %5,5 %8,5 %8,1 %28,9 %6,8 %0,4 %
Letter to a Friend47,4 %10,5 %31,6 %21,1 %21,1 %0 %21,1 %21,1 %

Werke im Bestand

Titel in deiner Sprache, darunter das Original in Klammern; „dt. etwa“ markiert unsere eigene Übersetzung, wo es keine deutsche Ausgabe gibt. Die seitlichen Marken zeigen, welche Volltexte vorliegen.

  1. Die Philosophie der Leere (Mūlamadhyamakakārikā)

    Nāgārjunas philosophisches Hauptwerk: Verse, zum Auswendiglernen verdichtet und dazu bestimmt, von einem Lehrer entfaltet zu werden – so überliefert sie auch diese deutsche Fassung, eingebettet in einen Kommentar.

    DE
  2. dt. etwa Brief an einen Freund Letter to a Friend (Suhṛllekha)

    Das praktische Gegenstück zur Mūlamadhyamakakārikā: Wo jenes Werk argumentiert, rät dieses, und sein Leser ist ein Laie, der ein Königreich zu regieren hat.

    EN
Einen Dialog mit Nāgārjuna beginnen

— oder zieh weiter zu einem anderen Geist

Zwei Geister gegeneinander antreten lassen

Jede dieser Fragen beantworten die beiden verschieden. Wähle eine, und sie tragen sie aus, beide gestützt auf die hier vorliegenden Texte.