Der Advaita, der von Śaṅkara gelehrte Nichtdualismus, hält nur eines für letztlich wirklich: das Brahman, reines Bewusstsein ohne Eigenschaften. Das Selbst ist mit ihm identisch, und die Welt der vielen Personen und Dinge ist ein Schein, den die Unwissenheit hervorbringt. So liest der Advaita die Upanishaden, den Schlussteil der Veden. Rāmānuja, ein brahmanischer Lehrer aus dem tamilischen Süden Indiens, lebte einige Jahrhunderte nach Śaṅkara und bestritt diese Lesart in jedem seiner drei großen Werke. Für ihn ist das Brahman ein persönlicher Gott, Vishnu, mit guten Eigenschaften ohne Zahl. Die Selbste und die materielle Welt sind wirklich, und sie gehören Gott, wie ein Leib dem Selbst gehört, das in ihm wohnt. Den Menschen befreit die liebende Hingabe an diesen Gott, der sie mit seiner Gnade beantwortet.
Über sein Leben lässt sich fast nichts überprüfen. Als Quelle bleiben seine eigenen Schriften; alles Übrige stammt aus Lebensbeschreibungen, die seine Anhänger in den Generationen nach seinem Tod verfassten. Sie verlegen seine Geburt nach Śrīperumbūdūr nahe dem heutigen Chennai ins Jahr 1017 und seinen Tod nach Śrīraṅgam ins Jahr 1137 – ein Leben von 120 Jahren. Historiker setzen ihn später an, auf etwa 1077 bis 1157. Der Überlieferung zufolge studierte er in Kāñcīpuram bei Yādavaprakāśa, einem Lehrer des Vedānta, der auf den Upanishaden aufbauenden Philosophie. Der Schüler habe sich mit seinem Lehrer über den Sinn der Schrift zerstritten, heißt es, und ihn verlassen. Yāmuna, der in Śrīraṅgam die Śrīvaiṣṇava-Gemeinschaft der Vishnu-Verehrer leitete, habe auf ihn als Nachfolger gehofft, sei aber gestorben, kurz bevor Rāmānuja bei ihm eintraf; an seiner Stelle hätten ihn fünf von Yāmunas Schülern unterrichtet. Einer der fünf, so die Überlieferung, ließ ihn Schweigen schwören, ehe er ihm die geheime Formel der Gemeinschaft anvertraute; Rāmānuja rief sie daraufhin vom Balkon des Tempels den Gläubigen unten zu und nahm für sich selbst die Hölle in Kauf, wenn nur sie gerettet würden. Die Überlieferung erzählt auch, wie er seinen Hausstand aufgab, um ein Entsagender zu werden, wie er den Gottesdienst im großen Tempel von Śrīraṅgam neu ordnete und wie er Jahre im Reich der Hoysala verbrachte, in der Gegend von Mysore, nachdem er vor einem Shiva ergebenen Chola-König geflohen war.
Drei Werke stammen gesichert von ihm: der Vedārthasaṃgraha, eine Abhandlung, deren Titel „Zusammenfassung des Sinns der Veden“ bedeutet und die wahrscheinlich sein frühestes Werk ist; das Śrībhāṣya, sein Hauptwerk, ein Kommentar zum Brahma Sūtra, den Lehrsätzen, in denen der Vedānta die Upanishaden zusammenfasst; und das Bhagavadgītā-bhāṣya, ein Kommentar, der die Bhagavadgītā Vers für Vers erklärt. Der Abhandlung und dem Gītā-Kommentar ist jeweils ein Huldigungsvers an Yāmuna vorangestellt. Die Abhandlung antwortet auf drei konkurrierende Lesarten der Upanishaden und nennt keinen ihrer Urheber. Eine davon, nach der das Brahman von den Selbsten zugleich verschieden und nicht verschieden ist, schreibt die Forschung meist Yādavaprakāśa zu. Yādavaprakāśas Schriften zum Vedānta sind verloren, und das meiste, was man über seine Ansichten weiß, stammt von Rāmānuja, der sie widerlegte.
Gegen den Advaita wandte Rāmānuja ein, die Lehre hebe sich selbst auf. Wenn jedes Erkenntnismittel vom Irrtum befallen ist, dann auch die Schrift und ebenso die Erkenntnis, dass alles Irrtum sei. Erkenntnis, so seine Auffassung, hat immer etwas Wirkliches zum Gegenstand und immer ein Ding mit Eigenschaften. Wahrnehmung und Schlussfolgerung reichen nicht bis zu Gott; deshalb gilt ihm die Schrift als eigenständige Erkenntnisquelle. Die Upanishaden sagen zu einem Schüler „das bist du“, und der Advaita versteht den Satz als schlichte Identität. Rāmānuja las ihn vom Leib her: Ein Wort für einen Leib reicht hindurch bis zu dem Selbst darin; „du“ benennt also Gott als das innere Selbst des Angesprochenen. Die Schule, die ihm darin folgt, heißt Viśiṣṭādvaita, meist übersetzt als qualifizierter Nichtdualismus: Das Brahman ist eines, und die Vielen sind wirklich als sein Leib.
In den Generationen nach seinem Tod begannen seine Anhänger, die Selbstübergabe an Gott, prapatti, als eigenen Weg zu lehren. Ob die Selbstübergabe eine menschliche Anstrengung verlangt, gehörte zu den Streitfragen, an denen sich die Gemeinschaft in eine nördliche und eine südliche Schule spaltete. Bis heute ist in der Forschung umstritten, ob seine drei großen Werke die Selbstübergabe überhaupt als eigenen Weg lehren. Madhva, der im dreizehnten Jahrhundert die dualistische Schule des Vedānta begründete, verwarf selbst die qualifizierte Identität von Selbst und Gott, an der Rāmānuja festgehalten hatte. In den Tempeln und Häusern der Śrīvaiṣṇavas folgt der Gottesdienst noch immer der Ordnung, die Rāmānuja zugeschrieben wird.