Zwei Bücher und ein Zitat bei einem späteren Philosophen – das ist nahezu alles, was überliefert ist. Ein Gedicht von rund 900 Versen, das Bodhicaryāvatāra, und eine Anthologie in Prosa, das Śikṣāsamuccaya, sind auf Sanskrit unter dem Namen Śāntideva erhalten. Śāntarakṣita, ein späterer indischer buddhistischer Philosoph, zitierte ihn in einem Text, der spätestens um 763 entstand. Yijing, ein chinesischer Pilger, der Indien 685 verließ, erwähnt ihn nicht. Historiker setzen ihn deshalb zwischen dem späten 7. und der Mitte des 8. Jahrhunderts an.
Er schrieb für das Mahāyāna, das Große Fahrzeug, dessen Ideal der Bodhisattva ist: jemand, der sich aufmacht, um aller anderen Wesen willen ein Buddha zu werden. Dieses Ideal verlangt, das Leiden eines Fremden so schwer zu gewichten wie das eigene. Śāntideva begründete es metaphysisch, aus einer Lehre darüber, was es gibt. Die Ethik so unmittelbar aus der Metaphysik herzuleiten, ist nach der Internet Encyclopedia of Philosophy im südasiatischen Buddhismus ungewöhnlich. Seine Metaphysik war die des Madhyamaka, der von Nāgārjuna begründeten Schule des Mittleren Weges: Nichts hat eine eigene Natur, das Selbst am allerwenigsten.
Die These, für die man ihn kennt, steht im achten Kapitel des Gedichts. Wenn Angst und Leid anderen ebenso zuwider sind wie mir, was ist dann das Besondere an mir, dass ich mein eigenes Leid abwehre und nicht ihres? Die gewöhnliche Antwort lautet: Mein Schmerz ist eben meiner. Śāntideva nimmt ihm den Besitzer. Das Kontinuum eines Lebens und die Ansammlung seiner Teile, so argumentiert er, sind unwirklich, wie eine Warteschlange oder ein Heer unwirklich ist: ein einziger Name für viele Dinge. Leid gehört deshalb niemandem, und zu verhindern ist es allein darum, weil es Leid ist. Das sechste Kapitel wendet dieselbe Überlegung auf den Zorn an. Wer einen verletzt, handelt aus Ursachen, die er nicht gewählt hat, wie die Galle, die großen Schmerz hervorruft – und niemand zürnt der Galle.
Das Śikṣāsamuccaya gelangt auf anderem Weg zum selben Ideal. Darin stehen Zitate aus mehr als hundert Mahāyāna-Sūtras, angeführt als Wort des Buddha und angeordnet um 27 kurze Verse von Śāntideva selbst; manche dieser Schriften sind auf Sanskrit nur durch seine Zitate erhalten. Das Gedicht hält seinen Leser an, die Anthologie immer wieder zu studieren, um das rechte Verhalten im Einzelnen zu lernen.
Alles Weitere, was man über den Menschen erzählt, stammt von den tibetischen Geschichtsschreibern Bu-ston und Tāranātha, deren Werke Jahrhunderte später entstanden. In ihren Biografien ist er ein Prinz aus Saurāṣṭra im heutigen Gujarat, der in Nālandā, der großen Klosteruniversität Nordindiens, Mönch wurde. Seine Mitmönche, heißt es, gaben ihm den Spitznamen Bhusuku. Als die Versammlung ihn aufforderte, etwas vorzutragen, rezitierte er das Gedicht; mitten im neunten Kapitel stieg er in die Luft empor und verschwand, während eine Stimme den Text zu Ende sprach. Die Überlieferung fügt hinzu, man habe das Śikṣāsamuccaya in seiner Kammer gefunden, neben einem Sūtrasamuccaya, das sich mit keinem erhaltenen Text gleichsetzen lässt.
Zu Beginn des 9. Jahrhunderts lag das Gedicht bereits auf Tibetisch vor. Tsongkhapa, der Gründer der Geluk-Schule, zitierte es ausführlich, und der heutige Dalai Lama hat es die höchste Inspiration für seine Ideale genannt. Der Gelehrte Luis Gómez hielt es für den wahrscheinlich dritthäufigst übersetzten Text des indischen Buddhismus im Westen. Philosophen stellen das Warteschlangen-Argument neben Derek Parfits Reasons and Persons von 1984. Der Buddhismusforscher Paul Williams wandte 1998 in Altruism and Reality ein, Leiden ergebe ohne jemanden, der leidet, wenig Sinn; Mark Siderits verteidigte Śāntideva im Jahr 2000 gegen ihn. Charles Goodman, der die Anthologie 2016 übersetzte, liest ihn als Konsequentialisten, als Ethiker also, der Handlungen nach ihren Folgen beurteilt. Andere Gelehrte bezweifeln, dass Anleitungen zur Praxis wie diese überhaupt eine ethische Theorie enthalten. Die Frage ist bis heute offen.