WerkPlutarch

Moralia

Ein Leben lang schrieb ein Apollonpriester Briefe, Vorträge und Dialoge, vom Gesicht im Mond bis zu Ratschlägen für die Ehe – zwölf Jahrhunderte später band man sie zu einem Buch.

von Plutarch5.136 Passagen vorhanden

  • Griechisch, die Originalsprache
Originaltitel
Ἠθικά
Erstveröffentlichung
(mit 54 Jahren)
Originalsprache
Griechisch

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Überblick

Zorn, Schulden, ein Streit unter Brüdern, die Angewohnheit, zu viel zu reden: Plutarch behandelte all das als Aufgabe der Philosophie, denn ein Platoniker, davon war er überzeugt, beweist seine Bildung im gewöhnlichen Leben oder gar nicht. Die Stücke entstanden einzeln, über eine lange Laufbahn verteilt – Briefe, Dialoge, Vorträge, Entgegnungen an rivalisierende Philosophen. Ein antikes Verzeichnis seiner Schriften, der Lamprias-Katalog, nennt 227 Titel, viele davon heute verloren. Als seine Tochter Timoxena mit zwei Jahren starb, schrieb Plutarch seiner Frau zum Trost; als Priester des Apollon in Delphi fragte er, warum die Pythia, die Prophetin des Gottes, ihre Antworten nicht mehr in Versen gab. Und er stritt. Kolotes, ein Schüler Epikurs, hatte in einem König Ptolemaios gewidmeten Buch behauptet, nach den Lehren der anderen Philosophen könne man nicht einmal leben. Mehr als drei Jahrhunderte später antwortete Plutarch darauf Punkt für Punkt und wies in einer zweiten Abhandlung nach, dass Epikurs eigene Lehre ein angenehmes Leben unmöglich mache. Den Stoikern erging es nicht anders: Chrysippos, dem dritten Schulhaupt, hielt er vor, sich selbst zu widersprechen. Die Sammlung selbst ist byzantinisch. Um 1300 fasste der Gelehrte Maximos Planudes die Abhandlungen zu einem Corpus zusammen, und der lateinische Name Moralia, der Fragen des Charakters meint, bezeichnete zunächst nur die ethischen Schriften am Anfang des Corpus. Nicht alles, was unter Plutarchs Namen überliefert ist, stammt von ihm: Die heutige Forschung bezweifelt oder verwirft Über die Kindererziehung, die Trostschrift an Apollonios, Über das Schicksal und Über Monarchie, Demokratie und Oligarchie, und über die Aussprüche von Königen und Feldherren wird noch gestritten. Aldus Manutius druckte den griechischen Text 1509 in Venedig. 1572 folgte die französische Übersetzung von Jacques Amyot, und Montaigne stellte Amyot über alle anderen Schriftsteller französischer Sprache.

Schlüsselbegriffe

Warum schreibt ein Platoniker über Schulden, Klatsch und Geschwätzigkeit?

Weil Plutarch überzeugt war, dass ein Platoniker, also ein Anhänger Platons, seine Bildung im gewöhnlichen Leben beweist oder gar nicht. Zorn, Schulden, ein Streit unter Brüdern und der Hang, zu viel zu reden, sind die Stellen, an denen sich Philosophie bewährt oder versagt. Darum behandelt er jedes davon als philosophisches Problem. Wer vom Guten reden kann, aber seine Zunge nicht hält, hat es nach diesem Maßstab noch nicht gelernt.

Was heißt es, eine Philosophie daran zu messen, ob man nach ihr leben kann?

Eine Lehre wird am Leben geprüft, nicht nur an der Logik: Kann niemand wirklich nach ihr leben, ist sie gescheitert. Kolotes, ein Schüler Epikurs, richtete diesen Maßstab gegen alle anderen Schulen und behauptete, nach ihren Lehren könne man nicht einmal leben. Plutarch antwortete Punkt für Punkt und drehte den Maßstab um: Gerade Epikurs eigene Lehre, so zeigte er, macht ein angenehmes Leben unmöglich.

Was bedeutet der Vorwurf, ein Philosoph widerspreche sich selbst?

Man zeigt, dass seine eigenen Aussagen nicht zugleich wahr sein können, sodass seine Position fällt, ohne dass man von außen etwas einwenden muss. Der Kritiker argumentiert nicht aus der eigenen Überzeugung, sondern stellt die Worte des Gegners gegeneinander. So verfuhr Plutarch mit den Stoikern: Chrysipp, dem dritten Haupt ihrer Schule, warf er Selbstwidersprüche vor, und die stoische Lehre hielt er gegen die allgemeinen Begriffe, die Menschen gewöhnlich haben.

Was ist eine Trostschrift, und warum schrieb Plutarch seiner Frau eine?

Eine Trostschrift ist ein Brief an einen trauernden Menschen, der Philosophie auf dessen besonderen Verlust anwendet. Als die gemeinsame Tochter Timoxena mit zwei Jahren starb, schrieb Plutarch eine solche an seine Frau. Es ist keine Abhandlung über die Trauer im Allgemeinen: Der Schreibende teilt den Verlust mit der Angeredeten. Neben ihr stehen in den Moralia Schriften über die Verbannung, über das Glück und über die Seelenruhe.

Themen des Buches

Worauf dieses Buch immer wieder zurückkommt, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Textes jedes einnimmt.

Zorn, Schulden und zu viel Gerede

Was taugt eine Philosophie im Hörsaal, wenn sie beim Familienstreit oder vor der Tür des Geldverleihers versagt? Plutarch setzt darauf, dass ein Platoniker seine Bildung im gewöhnlichen Leben beweist oder gar nicht.

Die kleinen Laster sind die eigentliche Prüfung. Also widmet Plutarch ganze Schriften der Beherrschung des Zorns, dem Schuldenmachen, der Neugier auf fremde Angelegenheiten, der Schwatzhaftigkeit, der falschen Scham, die nicht Nein sagen kann, und der Kunst, sich selbst zu loben, ohne Anstoß zu erregen. Daneben stehen Fragen des Lernens: wie junge Leute Dichtung hören sollen, wie man Vorträge hört, woran jemand merkt, dass er in der Tugend vorankommt. Die Themen sind mit Absicht häuslich. Wer gelehrt ist und doch weder Zunge noch Zorn im Zaum hält, hat nach diesem Maßstab noch nichts gelernt.

  • Zorn
  • Selbstkontrolle
  • Mäßigung
  • Reichtum
  • Tugend
  • Phronesis
  • Erziehung

Trauer, Verbannung und die Wechselfälle des Glücks

Was kann Philosophie einer Mutter sagen, deren zweijährige Tochter gestorben ist, oder einem Menschen, der seine Stadt verlassen musste? Plutarch schrieb Trost als Ehemann und Vater, nicht nur als Lehrer.

Als die gemeinsame Tochter Timoxena mit zwei Jahren starb, schrieb Plutarch seiner Frau einen Trostbrief, und er ist unter diesen Schriften erhalten. Um ihn herum stehen andere auf demselben Boden: über die Verbannung, über das Glück als Zufall, über die Seelenruhe, über die Frage, ob das Laster allein genügt, einen Menschen unglücklich zu machen. Trauer ist hier kein Übungsthema der Schule, sondern etwas, das der Schreibende mit der Angeredeten selbst durchlebte. Die Titel kreisen um eine Frage: Wie viel von einem guten Leben liegt in der eigenen Hand, und wie viel gehört dem Zufall?

  • Trauer
  • Tod
  • Fortuna
  • Glück

Freunde, Schmeichler, Brüder und Eheleute

Wer steht im Leben eines Menschen wirklich auf seiner Seite, und woran würde er es merken? Plutarch behandelt Ehe, Geschwisterschaft und Freundschaft als Orte, an denen sich der Charakter täglich bewährt.

Die engsten Bindungen erhalten die praktischsten Schriften: Ratschläge für Braut und Bräutigam, eine Schrift über die Bruderliebe für den Streit unter Brüdern, eine über die Liebe zu den eigenen Kindern und ein Dialog über die Liebe. Die Freundschaft nimmt Plutarch von drei Seiten zugleich in den Blick: wie man einen Schmeichler vom Freund unterscheidet, ob es klug ist, viele Freunde zu haben, und wie man sogar aus seinen Feinden Nutzen zieht. Zusammen gelesen ergeben die Titel ein doppeltes Rätsel: der Schmeichler, der wie ein Freund aussieht, und der Feind, der mehr nützen kann als mancher Freund.

  • Freundschaft
  • Ehe
  • Ansehen

Der Philosoph im Gespräch mit den Mächtigen

Soll ein Philosoph den Herrschenden fernbleiben oder ihre Nähe suchen? Plutarch schrieb Ratschläge für Staatsmänner und verlangte schon im Titel einer Schrift, der Philosoph solle mit den Mächtigen reden.

Die politischen Schriften neigen zum Engagement: Ratschläge zur Staatsführung, die Frage, ob ein alter Mann sich noch politisch betätigen soll, eine Mahnung an einen ungebildeten Herrscher und eine Schrift, deren Titel ausspricht, dass der Philosoph mit den Mächtigen sprechen müsse. Eine weitere fragt, ob „Lebe im Verborgenen“ überhaupt ein guter Rat ist. Neben den Ratschlägen steht eine Galerie von Beispielen: alte Bräuche und Aussprüche der Spartaner, Aussprüche spartanischer Frauen, die Tapferkeit der Frauen und die Frage, ob Alexander seinen Erfolg dem Glück oder der Tugend verdankte. Politik wird gelehrt wie Charakter: an dem, was bestimmte Menschen sagten und taten.

  • politische Macht
  • Führung
  • Rhetorik
  • Gerechtigkeit
  • Krieg
  • Mut

Götter, Orakel und das Gesicht im Mond

Was schuldet ein Priester Apollons der Wahrheit, wenn das Orakel seines Gottes sich verändert? Plutarch diente in Delphi und fragte trotzdem, warum die Pythia nicht mehr in Versen antwortete.

Als Priester Apollons in Delphi schrieb Plutarch über sein eigenes Heiligtum von innen: über das E in Delphi, über das Verstummen der Orakel, darüber, warum die Pythia, die Prophetin des Gottes, ihre Antworten nicht mehr in Versen gab. Dieselbe Fragelust richtet sich auf die Religion im Ganzen, in Schriften über den Aberglauben, über die späte Strafe der Götter, über das Zeichen des Sokrates, über Isis und Osiris. Und sie richtet sich nach draußen, auf die Natur: auf das Gesicht, das in der Mondscheibe erscheint, auf die Frage, ob Land- oder Meerestiere klüger sind, und ob Tiere Vernunft haben. Der Fragende ist hier der Priester selbst.

  • Religion
  • Göttliche Vorsehung
  • Kosmologie
  • Naturphilosophie
  • Verursachung
  • Seele
  • Dichtung

Streit mit Epikureern und Stoikern

Lässt sich eine Philosophie widerlegen, indem man zeigt, dass niemand nach ihr leben kann? Plutarch nahm den Vorwurf, den ein Epikureer gegen alle anderen Schulen erhoben hatte, und kehrte ihn gegen die Epikureer, dann gegen die Stoiker.

Kolotes, ein Schüler Epikurs, hatte König Ptolemaios ein Buch gewidmet, in dem er behauptete, nach den Lehren der anderen Philosophen könne man nicht einmal leben. Mehr als drei Jahrhunderte später antwortete Plutarch Punkt für Punkt und zeigte in einer zweiten Schrift, dass Epikurs eigene Lehre ein angenehmes Leben unmöglich macht. Den Stoikern erging es nicht besser: Chrysipp, dem dritten Schulhaupt, wirft Plutarch Selbstwidersprüche vor, und weitere Schriften halten die stoische Lehre gegen die allgemeinen Begriffe und gegen die Dichter. Die Polemik gehört zur Ethik: Eine Lehre muss sich leben lassen und mit sich selbst übereinstimmen.

  • Stoizismus
  • Lust
  • Vernunft

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Was dieses Buch zusammen denkt

Das Rad nimmt die führenden Begriffe dieses Buches und zeigt, wie oft sie gemeinsam zur Sprache kommen. Je breiter das Band zwischen zweien, desto mehr seiner Passagen sprechen von beiden. Unter ihnen am häufigsten zusammen: „Mut“ und „Tugend“.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 8 Konzepte, verbunden durch 23 Paarungen. 91 Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
MutTugend31
GerechtigkeitTugend29
FreundschaftTugend24
GerechtigkeitMut23
StoizismusTugend22
FreundschaftGerechtigkeit19
KosmologieStoizismus17
MutRhetorik17
MutSelbstkontrolle13
SelbstkontrolleTugend12
GerechtigkeitRhetorik11
RhetorikTugend11
FreundschaftMut6
GerechtigkeitSelbstkontrolle6
GerechtigkeitStoizismus6
FreundschaftRhetorik4
FreundschaftSelbstkontrolle3
RhetorikStoizismus3
KosmologieTugend2
SelbstkontrolleStoizismus2
GerechtigkeitKosmologie1
KosmologieRhetorik1
RhetorikSelbstkontrolle1

Vorhandene Werke

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  1. 90 Tischgespräche (Συμποσιακῶν προβλημάτων βιβλία)

    Plutarch schickte diese Aufzeichnung von Tischgesprächen an den römischen Konsul Sosius Senecio, dem er auch mehrere der Parallelbiographien widmete. Die Überlieferung zählt sie zu den Moralia.

    EL
  2. 100 Moralia (Ἠθικά) du bist hier EL
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