Vedischer WeiserIndien

Aṣṭāvakra

Lehrer einer Freiheit, die keine Übung erreicht

1 Werk · 38 Passagen verankert

Lebensdaten
~700–~800
Auch bekannt als
Ashtavakra

Der Geist

Osho, der indische spirituelle Lehrer, hielt einundneunzig Vorträge über die Aṣṭāvakra-Gītā und nannte sie die Mahāgītā, den großen Gesang. Schon vor ihm hatte der bengalische Mystiker Ramakrishna, so berichtet sein Orden, ein Exemplar in seinem Zimmer und ließ sich vom jungen Narendranath Datta, dem späteren Swami Vivekananda, daraus vorlesen. Narendranath hielt nach ein, zwei Versen inne und protestierte, es sei Sünde, einen Menschen Gott zu nennen. Sein Einwand galt der Kernthese des Buches, eines Dialogs in 298 Sanskritversen zwischen einem Lehrer und König Janaka von Videha: Freiheit wird durch keinerlei Übung erreicht, denn das Selbst ist schon reines Gewahrsein, der Zeuge von Körper und Welt, und schon frei.

Die erste Antwort, die der König erhält, klingt herkömmlich: Wenn er Freiheit wolle, solle er die Gegenstände der Sinne meiden wie Gift und Vergebung, Aufrichtigkeit, Mitgefühl, Genügsamkeit und Wahrheit zu sich nehmen wie Nektar. Vom nächsten Vers an wandelt sich die Lehre. Der König sei nicht Erde, Wasser oder Feuer, sagt der Lehrer, sondern ihr Zeuge, und wenn er im Gewahrsein ruhe, sei er jetzt frei. Selbst das Sitzen in Meditation sei für ihn eine Fessel, und wer sich für frei halte, sei frei. Die Welt ist ein Irrtum wie der, der im Perlmutt Silber sieht oder im Seil eine Schlange. Später sagt ihm der Lehrer, er möge noch so viele Schriften rezitieren oder sich vortragen lassen – zur Ruhe komme er doch erst, wenn er alles vergessen habe. Janaka antwortet in Versen des Staunens über sein eigenes grenzenloses Selbst, und Aṣṭāvakra prüft ihn: Wie kann ein Mensch, der dies weiß, noch Freude daran haben, Reichtum zu erwerben? Im letzten Kapitel spricht der Schüler: Janaka fragt, wo es für einen, der ohne Grenzen und in Frieden ist, noch Unterweisung gebe, wo Schrift, Schüler oder Lehrer.

Der Name des Lehrers und seine Verbindung zu Janaka stammen aus dem Mahābhārata, dem großen Sanskrit-Epos, in dem der Weise Lomaśa den Pāṇḍava-Brüdern, den Helden des Epos, während ihres Exils im Wald Aṣṭāvakras Geschichte erzählt. Aṣṭāvakra, dessen Name „an acht Stellen gekrümmt“ bedeutet, kam mit verkrümmtem Körper zur Welt, weil er noch im Mutterleib die Veda-Rezitation seines Vaters Kahoḍa berichtigt und der Vater ihn dafür verflucht hatte. Als Knabe ging er an Janakas Hof und besiegte Vandin, einen Disputanten, der die Männer, die er besiegte, hatte ertränken lassen – unter ihnen Kahoḍa. Der Vater kehrte zurück, und als der Junge im Fluss Samaṅgā badete, wurden seine Glieder gerade. Das Rāmāyaṇa, das andere große Epos, erinnert sich seiner als des Sohnes, der Kahoḍa erlöste. Die Aṣṭāvakra-Gītā übernimmt das Paar aus dieser Geschichte: Der Knabe, der den Disputanten des Königs zum Schweigen brachte, wird zum Lehrer des Königs.

Das Buch selbst ist anonym, und nur die Zuschreibung der Überlieferung verbindet es mit dem Weisen. Über seine Datierung ist sich die Forschung alles andere als einig. J. L. Brockington, Sanskritist in Edinburgh, bietet zwei Daten an: das achte Jahrhundert nach Christus, im Kreis der Anhänger Śaṅkaras, des Gründungslehrers des Advaita Vedānta, der nichtdualistischen Schule; oder das vierzehnte, während einer Wiederbelebung seiner Lehre. Radhakamal Mukerjee, ein indischer Gelehrter, der es übersetzte, setzte es vor die Zeitenwende. Gleich wann es entstand: Es lehrt die Advaita-Lehre, dass allein das eine Selbst wirklich ist, in ungewöhnlich radikaler Form. Der Weise des Epos hat überhaupt kein historisches Datum; die Jahreszahlen auf dieser Seite folgen dem früheren der beiden Daten Brockingtons für das Buch und sind eine Schätzung zur Einordnung, keine Lebenszeit.

Schlüsselbegriffe

Was behauptet advaita, die Nichtzweiheit, in dieser Lehre?

Dass nur ein Selbst wirklich ist und Körper, Geist und Welt dieses Selbst sind, wie es erscheint. Die Verse fassen das in das Bild von Wellen, Schaum und Blasen, die nie etwas anderes sind als Wasser. Nichts muss dem Selbst hinzugefügt oder von ihm entfernt werden. Der einzige Irrtum besteht darin, die Wellen für etwas Getrenntes zu halten, und die so gesehene Welt nennt der Lehrer Einbildung.

Was heißen Bindung und Freiheit, wenn das Selbst immer frei ist?

Bindung ist eine Überzeugung, kein Zustand: der Glaube, man sei der Körper, der Handelnde und der Begehrende. Freiheit heißt, diesen Glauben fallen zu lassen, nicht, irgendwo neu anzukommen. Wer sich für frei hält, ist frei, sagt der Lehrer, und wer sich für gebunden hält, ist gebunden. Darum kann kein Ritus und keine Übung Freiheit hervorbringen; sie halten den falschen Glauben höchstens beschäftigt.

Was sind vāsanās, und warum sind sie hier so wichtig?

Vāsanās sind die Spuren früheren Begehrens: die übrig gebliebenen Neigungen, die den Geist zu einem Ding hin- und von einem anderen wegziehen, auch wenn gerade nichts getan wird. Die Verse setzen sie mit dem saṃsāra selbst gleich, dem Kreislauf von Geburt und Tod, und so ist ihr Aufgeben schon die ganze Befreiung. Der Standhafte kann einem König oder einer Geliebten begegnen und sie ehren, ohne dass sich eine solche Neigung im Herzen regt.

Was ist ein jīvanmukta, ein zu Lebzeiten Befreiter?

Ein Mensch, der das Selbst erkannt hat und im Körper weiterlebt, ohne auf den Tod zu warten, um frei zu sein. Ihm bleibt nichts mehr zu tun, und keine Sehnsucht färbt sein Herz; er lebt, wie das Leben kommt, glücklich und unbeschwert, und handelt ohne Pläne wie ein Kind. Dann gehen die Verse noch einen Schritt weiter: Vom höchsten Standpunkt ist auch „zu Lebzeiten befreit“ nur ein weiteres Etikett, das abfallen muss.

Themen eines Geistes

Begriffe, die im hier vorliegenden Korpus gemeinsam wiederkehren, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Gesamtwerks jedes einnimmt.

Kein Weg zur Freiheit

Kann irgendetwas, das ein Mensch tut, ihn der Freiheit näherbringen? Weder Meditation noch Schrift, nicht einmal der Wunsch, frei zu sein: Allem wird entgegengehalten, dass es nirgendwohin zu gehen gibt.

Die meisten indischen Lehren von der Befreiung bieten einen Weg an: Zucht, Studium, das Stillstellen des Geistes. Die Verse versperren jeden davon. Sammlung und Bezähmung sind die Mühe der Toren, ein Lehrer kann keinen Frieden schenken, selbst wenn er ein Gott ist, und wer das Absolute werden will, wird gerade durch dieses Wollen davon ferngehalten. Was bleibt, ist eine Gewissheit, die wie Feuer durch einen Wald brennt: Das Selbst war nie gebunden. Die Gefahr, die der Text selbst benennt, ist der Stolz, frei zu sein, und er zählt ihn wieder zur Bindung.

  • Befreiung vom Leiden
  • spirituelle Praxis
  • Meditation
  • Bindung und Befreiung
  • Selbstverwirklichung
  • Unwissenheit
  • Wissen
  • Freiheit

Wellen eines Ozeans

Wenn die Welt im Gewahrsein aufsteigt wie Wellen im Meer, ist dann irgendetwas wirklich ein anderes als der, der sie sieht? Daran hängt, ob das Leid überhaupt eine Ursache außerhalb hat.

Wellen, Schaum und Blasen sind nichts anderes als Wasser, und die Welt, die aus dem Selbst hervorgeht, ist nichts anderes als das Selbst: Das Bild durchzieht den ganzen Dialog, und derselbe Raum füllt jeden Krug. Der Lehrer zieht die Folgerung, ohne sie abzumildern. All dies ist Einbildung, und Leid entsteht aus dem Denken und aus nichts sonst. Verdienst und Schuld berühren den Wissenden so wenig, wie Rauch den Himmel befleckt. Was danach von Recht und Unrecht, und von den anderen Menschen, übrig bleibt, muss der Leser selbst entscheiden.

  • Nichtzweiheit
  • Bewusstsein
  • Selbsterkenntnis
  • Erscheinung und Wirklichkeit
  • Welt und Erscheinung
  • Zeugenbewusstsein
  • geistige Konstruktion
  • Leiden

Nichts wollen

Was hält einen Menschen im Kreislauf von Geburt und Tod fest, wenn nicht seine Taten? Das nachwirkende Begehren, antworten die Verse, und mit ihm die Überzeugung, selbst der Handelnde zu sein.

Die Bindung hat hier eine einzige Wurzel: die übrig gebliebenen Wünsche, die den Geist weiter greifen lassen. Darum soll der König Lust und Reichtum aufgeben und selbst den dharma, die Pflicht, aus der beide hervorgehen. Heraus tritt die Gestalt des Standhaften, des dhīra, der Priester, Gott und König ehrt, ohne etwas zurückzuwollen, Schmerz und Lust mit demselben Gleichmut begegnet und weiterlebt, weil das Leben weitergeht. Die Verse bestehen darauf, dass er glücklich ist und nicht abgestumpft. Ob das Nichtswollen noch einen Grund zum Handeln lässt, bleibt bei ihnen offen.

  • Verlangen
  • Gleichmut
  • Nichtanhaften
  • Wunschlosigkeit
  • Entsagung
  • Loslösung
  • Handlung
  • Nicht-Tätersein
  • latente Neigungen
  • Ego

In Zahlen

Werke im Bestand
1
erfasste Passagen
38
erfasste Konzepte
49
thematische Cluster
5

Konzepte, die zusammen auftreten

Das Rad nimmt die führenden Konzepte dieser Schriften und zeigt, wie oft sie gemeinsam zur Sprache kommen. Je breiter das Band zwischen zweien, desto mehr Passagen sprechen von beiden. Unter ihnen am häufigsten zusammen: „Befreiung vom Leiden“ und „Nichtzweiheit“.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 8 Konzepte, verbunden durch 25 Paarungen. 37 Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
Befreiung vom LeidenNichtzweiheit13
Befreiung vom LeidenGleichmut11
NichtzweiheitSelbsterkenntnis11
GleichmutNichtzweiheit10
BewusstseinNichtzweiheit9
GleichmutNichtanhaften8
Befreiung vom LeidenVerlangen7
Befreiung vom LeidenNichtanhaften6
Befreiung vom LeidenSelbsterkenntnis5
GleichmutSelbsterkenntnis5
GleichmutVerlangen5
NichtanhaftenVerlangen5
NichtzweiheitVerlangen5
Befreiung vom LeidenBewusstsein4
Befreiung vom Leidenspirituelle Praxis4
BewusstseinSelbsterkenntnis4
Nichtzweiheitspirituelle Praxis4
SelbsterkenntnisVerlangen4
Selbsterkenntnisspirituelle Praxis3
BewusstseinGleichmut2
Bewusstseinspirituelle Praxis2
BewusstseinVerlangen2
BewusstseinNichtanhaften1
NichtanhaftenNichtzweiheit1
Verlangenspirituelle Praxis1

Der Bogen eines Werks

Das Gewicht einer Zelle ist der Anteil des Konzepts an den Passagen des Werks; eine Spalte lässt sich daher ebenso von oben nach unten lesen wie eine Zeile von links nach rechts. Am dichtesten: Befreiung vom Leiden in Die Aṣṭāvakra-Gītā, 57,9 %.

Dichte 0 % 57,9 %

Konzeptdichte je Werk, chronologisch Ein einzelnes Werk. 8 Konzeptspalten, nach Gesamtgewicht geordnet. 2 weitere Konzepte liegen außerhalb der gezeigten Spalten.
WerkJahrBefreiung vom LeidenNichtzweiheitGleichmutSelbsterkenntnisVerlangenBewusstseinNichtanhaftenspirituelle Praxis
Die Aṣṭāvakra-Gītā57,9 %57,9 %47,4 %36,8 %31,6 %26,3 %23,7 %18,4 %

Werke im Bestand

Titel in deiner Sprache, darunter das Original in Klammern; „dt. etwa“ markiert unsere eigene Übersetzung, wo es keine deutsche Ausgabe gibt. Die seitlichen Marken zeigen, welche Volltexte vorliegen.

  1. Die Aṣṭāvakra-Gītā (Aṣṭāvakra Gītā)

    Ein anonymer Versdialog in zwanzig Kapiteln, Jahrhunderte jünger als die Legende, die er sich borgt: Der Weise spricht, König Janaka von Videha fragt, staunt und wird geprüft.

    SA
Einen Dialog mit Aṣṭāvakra beginnen

— oder zieh weiter zu einem anderen Geist

Zwei Geister gegeneinander antreten lassen

Jede dieser Fragen beantworten die beiden verschieden. Wähle eine, und sie tragen sie aus, beide gestützt auf die hier vorliegenden Texte.