Osho, der indische spirituelle Lehrer, hielt einundneunzig Vorträge über die Aṣṭāvakra-Gītā und nannte sie die Mahāgītā, den großen Gesang. Schon vor ihm hatte der bengalische Mystiker Ramakrishna, so berichtet sein Orden, ein Exemplar in seinem Zimmer und ließ sich vom jungen Narendranath Datta, dem späteren Swami Vivekananda, daraus vorlesen. Narendranath hielt nach ein, zwei Versen inne und protestierte, es sei Sünde, einen Menschen Gott zu nennen. Sein Einwand galt der Kernthese des Buches, eines Dialogs in 298 Sanskritversen zwischen einem Lehrer und König Janaka von Videha: Freiheit wird durch keinerlei Übung erreicht, denn das Selbst ist schon reines Gewahrsein, der Zeuge von Körper und Welt, und schon frei.
Die erste Antwort, die der König erhält, klingt herkömmlich: Wenn er Freiheit wolle, solle er die Gegenstände der Sinne meiden wie Gift und Vergebung, Aufrichtigkeit, Mitgefühl, Genügsamkeit und Wahrheit zu sich nehmen wie Nektar. Vom nächsten Vers an wandelt sich die Lehre. Der König sei nicht Erde, Wasser oder Feuer, sagt der Lehrer, sondern ihr Zeuge, und wenn er im Gewahrsein ruhe, sei er jetzt frei. Selbst das Sitzen in Meditation sei für ihn eine Fessel, und wer sich für frei halte, sei frei. Die Welt ist ein Irrtum wie der, der im Perlmutt Silber sieht oder im Seil eine Schlange. Später sagt ihm der Lehrer, er möge noch so viele Schriften rezitieren oder sich vortragen lassen – zur Ruhe komme er doch erst, wenn er alles vergessen habe. Janaka antwortet in Versen des Staunens über sein eigenes grenzenloses Selbst, und Aṣṭāvakra prüft ihn: Wie kann ein Mensch, der dies weiß, noch Freude daran haben, Reichtum zu erwerben? Im letzten Kapitel spricht der Schüler: Janaka fragt, wo es für einen, der ohne Grenzen und in Frieden ist, noch Unterweisung gebe, wo Schrift, Schüler oder Lehrer.
Der Name des Lehrers und seine Verbindung zu Janaka stammen aus dem Mahābhārata, dem großen Sanskrit-Epos, in dem der Weise Lomaśa den Pāṇḍava-Brüdern, den Helden des Epos, während ihres Exils im Wald Aṣṭāvakras Geschichte erzählt. Aṣṭāvakra, dessen Name „an acht Stellen gekrümmt“ bedeutet, kam mit verkrümmtem Körper zur Welt, weil er noch im Mutterleib die Veda-Rezitation seines Vaters Kahoḍa berichtigt und der Vater ihn dafür verflucht hatte. Als Knabe ging er an Janakas Hof und besiegte Vandin, einen Disputanten, der die Männer, die er besiegte, hatte ertränken lassen – unter ihnen Kahoḍa. Der Vater kehrte zurück, und als der Junge im Fluss Samaṅgā badete, wurden seine Glieder gerade. Das Rāmāyaṇa, das andere große Epos, erinnert sich seiner als des Sohnes, der Kahoḍa erlöste. Die Aṣṭāvakra-Gītā übernimmt das Paar aus dieser Geschichte: Der Knabe, der den Disputanten des Königs zum Schweigen brachte, wird zum Lehrer des Königs.
Das Buch selbst ist anonym, und nur die Zuschreibung der Überlieferung verbindet es mit dem Weisen. Über seine Datierung ist sich die Forschung alles andere als einig. J. L. Brockington, Sanskritist in Edinburgh, bietet zwei Daten an: das achte Jahrhundert nach Christus, im Kreis der Anhänger Śaṅkaras, des Gründungslehrers des Advaita Vedānta, der nichtdualistischen Schule; oder das vierzehnte, während einer Wiederbelebung seiner Lehre. Radhakamal Mukerjee, ein indischer Gelehrter, der es übersetzte, setzte es vor die Zeitenwende. Gleich wann es entstand: Es lehrt die Advaita-Lehre, dass allein das eine Selbst wirklich ist, in ungewöhnlich radikaler Form. Der Weise des Epos hat überhaupt kein historisches Datum; die Jahreszahlen auf dieser Seite folgen dem früheren der beiden Daten Brockingtons für das Buch und sind eine Schätzung zur Einordnung, keine Lebenszeit.