WerkÉmilie du Châtelet

Rede vom Glück

Zu Lebzeiten ungedruckt: ein Plädoyer dafür, an den eigenen Leidenschaften und Illusionen festzuhalten – und für das Studium als das Vergnügen, das von niemandem sonst abhängt.

von Émilie du Châtelet35 Passagen vorhanden

  • Französisch, die Originalsprache
Originaltitel
Discours sur le bonheur
Erstveröffentlichung
(mit 40 Jahren)
Originalsprache
Französisch

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Überblick

Dreißig Jahre nach dem Tod Émilie du Châtelets druckte eine Verlagsgesellschaft in Bouillon 1779 ihren kurzen Essay über das Glück in einem Sammelband. Geschrieben hatte sie ihn Mitte der 1740er Jahre, gegen die Moralisten ihrer Zeit, die lehrten, wer glücklich sein wolle, müsse seine Leidenschaften beherrschen. Sie hält das Gegenteil für richtig: Glück entsteht aus befriedigten Leidenschaften und aus den Illusionen, ohne die die meisten Vergnügen gar nicht möglich wären. Die Vernunft soll deshalb wählen, welche Leidenschaften sie nährt, statt den Dingen den Firnis abzukratzen. Sie schreibe, sagt sie, nur für Menschen in gesicherten Verhältnissen, und ihre Ratschläge sind praktisch: gesund bleiben, Vorurteile ablegen, für die Zeit nachlassender Leidenschaften Neigungen pflegen, keine Zeit mit Reue vergeuden. Und tugendhaft sein, denn niemand kann zugleich lasterhaft und glücklich sein; auch die Prediger und der römische Satiriker Juvenal meinen ihrer Lesart nach nichts anderes, wenn sie verlangen, die Tugend um ihrer selbst willen zu lieben. Dann wendet sich der Essay ihrem eigenen Leben zu. Das Glücksspiel, gesteht sie, habe sie darüber getröstet, nicht reich zu sein. Über jede andere Leidenschaft stellt sie die Liebe zum Studium, denn diese Leidenschaft macht das Glück allein von einem selbst abhängig. Für Frauen zähle sie mehr als für Männer, weil den Frauen jeder andere Weg zum Ruhm versperrt sei, vom Krieg bis zur Regierung. Sie erzählt von zehn glücklichen Jahren mit einem Mann, den sie nicht nennt, und davon, wie sie für zwei liebte, als seine Liebe erkaltet war. Die letzten Seiten lehren eine Frau, wie sie eine Liebschaft beendet: stets einen Grad kühler bleiben als der Liebhaber und einen klaren Schnitt machen. Eine Pariser Sammlung von 1796 druckte den Text als Réflexions sur le bonheur nach. 1961 legte der Literaturwissenschaftler Robert Mauzi eine kritische Ausgabe unter dem Titel Discours sur le bonheur vor, und 1999 erschien in Berlin eine deutsche Übersetzung, zusammen mit ihren Briefen an den Dichter Saint-Lambert, ihren letzten Geliebten.

Schlüsselbegriffe

Worin unterscheidet sich in der Rede vom Glück eine Illusion von einem Irrtum?

Ein Irrtum heißt, etwas Falsches zu glauben, und der Essay nennt ihn immer schädlich, am meisten in Fragen der Lebensführung. Eine Illusion zeigt die Dinge nicht, wie sie sind, sondern wie sie sein müssen, um uns angenehme Gefühle zu geben, so wie die Täuschungen der Optik das Gesehene unserer Natur anpassen. Im Theater lässt sie längst Verstorbene in Versen sprechen. Herstellen kann man sie nicht, nur bewahren, indem man nicht hinter die Kulissen geht.

Was unterscheidet im Essay eine Leidenschaft von einer Neigung?

Beide sind Quellen der Freude, und die Neigung ist die geringere von beiden. Glücklich macht nur, was als Leidenschaft oder Neigung befriedigt wird, und nicht jeder hat das Glück, Leidenschaften zu haben, also begnügt man sich, wo sie fehlen, mit Neigungen. Daraus folgt ein Lebensplan: die Leidenschaften nutzen, solange sie währen, und sie dann durch Neigungen ersetzen. Die Hilfsmittel des Alters sind Spiel, Studium, gutes Essen und die Achtung anderer.

Warum muss ein glücklicher Mensch laut der Rede vom Glück tugendhaft sein?

Weil niemand zugleich lasterhaft und glücklich sein kann. Tugend heißt hier alles, was zum Glück der Gesellschaft beiträgt und damit zu unserem eigenen, weil wir zu ihr gehören. Gemeint sind die Laster, die kein Gesetz bestraft, etwa Falschheit, Verleumdung und Undankbarkeit. Das Gewissen lässt sie nie durchgehen, und die Verachtung anständiger Menschen ist eine härtere Strafe als jede richterliche, weil sie andauert und keine Hoffnung lässt.

Wie trennt der Essay Vorurteile von den Regeln des Anstands?

Ein Vorurteil ist eine Meinung, die ungeprüft übernommen wurde, weil sie keiner Prüfung standhielte, und der Essay will jedes Vorurteil abgelegt sehen, den Aberglauben vor allem. Die Regeln des Anstands sind die Konventionen schicklichen Verhaltens, die je nach Stand, Alter und Umständen wechseln. Ihre Wahrheit ist bloß eine vereinbarte, doch das genügt: Ein wohlerzogener Mensch weicht nie von ihnen ab, und sie genau zu beachten, gilt als Tugend.

Wer ist nach der Bestimmung des Essays am glücklichsten?

Wer am wenigsten wünscht, seinen Stand zu ändern. Die Natur gibt Wünsche nur Schritt für Schritt, darum möchte ein Infanteriehauptmann Oberst werden und ist nicht unglücklich, keine Armeen zu befehligen. Das Nachdenken soll diese natürliche Mäßigung stärken: nur wünschen, was ohne allzu viel Mühe erreichbar ist, lieben, was man hat, und es verbessern. Ihr Feind ist die Unruhe, eine Krankheit der menschlichen Gattung, die jeden Genuss verdirbt.

Themen des Buches

Worauf dieses Buch immer wieder zurückkommt, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Textes jedes einnimmt.

Die Leidenschaften nähren, den Firnis bewahren

Muss man seine Begierden zähmen, um glücklich zu sein, oder wählen, welche man nährt? Und ist eine Illusion ein Irrtum, den man heilen sollte, oder der Firnis auf den meisten Freuden des Lebens?

Gegen die Moralisten, die das Glück im Unterdrücken der Leidenschaften suchen, hält du Châtelet fest, dass nur befriedigte Leidenschaften und Neigungen glücklich machen. Die Vernunft soll rechnen, nicht unterdrücken: Wer für ein Festessen mit einem Gichtanfall bezahlt, hat schlicht falsch gerechnet. Die Illusion ist kein Irrtum, denn sie zeigt die Dinge so, wie sie sein müssen, um uns zu erfreuen, im Puppenspiel wie in der Oper, und die ganze Kunst besteht darin, nicht hinter die Kulissen zu gehen und die Maschinen anzusehen. Gesundheit, Freiheit von Vorurteilen und Tugend vervollständigen die Liste, denn niemand ist zugleich lasterhaft und glücklich.

  • Glück
  • Leidenschaften
  • Illusion
  • Lust
  • Verlangen
  • Vernunft
  • Tugend
  • Gewissen
  • Laster
  • Gesundheit
  • Voreingenommenheit
  • Bedauern
  • Tod
  • Selbstmeisterung
  • Selbstregulierung
  • praktische Ethik

Ein Glück, das von niemandem abhängt

Welche Leidenschaft legt das eigene Glück am wenigsten in fremde Hände? Die Antwort des Essays ist das Studium, und am meisten zählt sie für die Hälfte der Menschheit, der jeder andere Weg zum Ruhm versperrt ist.

Der Ehrgeiz wird ausgesperrt, nicht weil er keine Freuden hätte, sondern weil er das Glück stärker als jede andere Leidenschaft von anderen abhängig macht, und je weniger ein Glück von anderen abhängt, desto sicherer ist es. Das Studium ist das Gegenteil: eine Freude, die immer erreichbar ist, und eine Zuflucht im Unglück. In ihm steckt auch die Ruhmesliebe, die du Châtelet eine Illusion nennt, die man behalten sollte, weil die Hoffnung auf Nachruhm die Gegenwart bereichert. Frauen, durch ihren Stand von Krieg, Regierung und Verhandlung ausgeschlossen, bleibt kein anderer Ruhm. Es folgt ihr eigener Fall: das Glücksspiel, ein bescheidenes Vermögen und die Freude, wenig zu wollen.

  • Studium
  • Herrlichkeit
  • Ehrgeiz
  • Geschlecht und Bildung
  • Selbstbildung
  • Zufriedenheit
  • Alterung
  • Zeit
  • Lust
  • Glück

Die Liebe, die das eigene Glück aus der Hand gibt

Die Leidenschaft, die am glücklichsten machen kann, legt das eigene Glück ganz in fremde Hände. Kann ein zärtliches Herz lieben, ohne daran zugrunde zu gehen?

Die Liebe sei vielleicht die einzige Leidenschaft, die uns leben wollen lässt, schreibt du Châtelet, und eine Liebe, die auf beiden Seiten gleich, erwidert und beständig ist, sei so selten, dass selbst die Gottheit sie beneiden würde. Dann spricht sie von ihrem eigenen Leben: zehn glückliche Jahre mit einem Mann, den sie nicht nennt, ein Erkalten, das sie lange nicht bemerkte, eine Zeit, in der sie für zwei liebte, und ein langsamer Übergang zu Freundschaft und Studium. Der Rat, der folgt, ist nüchtern. Den Charakter des anderen kennen, bevor man nachgibt, einem erkaltenden Herzen nie nachlaufen, stets um einen Grad kühler bleiben als der Geliebte und am Ende sauber brechen.

  • Liebe
  • Glück
  • Illusion
  • Verlangen
  • Furcht
  • Alterung
  • Klugheit
  • Selbstregulierung
  • Vernunft

In diesem Werk

Passagen vorhanden
35
eigenständige Begriffe
74
nach vorhandenen Passagen, korpusweit
Nr. 706

Was dieses Buch zusammen denkt

Das Rad nimmt die führenden Begriffe dieses Buches und zeigt, wie oft sie gemeinsam zur Sprache kommen. Je breiter das Band zwischen zweien, desto mehr seiner Passagen sprechen von beiden. Unter ihnen am häufigsten zusammen: „Glück“ und „Lust“.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 7 Konzepte, verbunden durch 15 Paarungen. 17 Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
GlückLust6
GlückLiebe5
GlückTugend5
GlückStudium4
GlückIllusion3
GlückLeidenschaften3
LeidenschaftenLiebe2
LeidenschaftenLust2
IllusionLiebe1
IllusionLust1
IllusionTugend1
LiebeLust1
LiebeStudium1
LustStudium1
StudiumTugend1

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