Fremdes Fühlen: gesehen, nie selbst erlebt
Woher weiß ein Mensch, was ein anderer fühlt? Wäre es Raten oder Nachahmen, träfe niemand je auf fremdes Seelenleben, immer nur auf das eigene.
Die Trauer ist nach Stein in der Miene so unmittelbar zu sehen wie deren Farbe, hier und jetzt gegenwärtig, und wird doch vom Sehenden nie selbst erlebt. Gegen Theodor Lipps bestreitet sie, dass der Zuschauer mit dem Akrobaten eins wird. Gegen die Schule Mills bestreitet sie, dass fremdes Seelenleben per Analogie erschlossen wird, gegen Scheler, dass man es innerlich wahrnimmt wie das eigene. Einfühlung wird so zu einer Erfahrung eigener Art, die irren kann und nur durch neue Einfühlung zu berichtigen ist.
- Empathie
- Andere Geister
- Wahrnehmung
- Emotion
- Ausdruck
- Bewusstsein
- Intersubjektivität
- Phänomenologie
- Intentionalität
Ins Gespräch kommen
- Wer einem Akrobaten zusieht, ist Ihnen zufolge nur „bei“ ihm und nie eins mit ihm. Warum entscheidet dieses kleine Wort darüber, was Einfühlung ist?
- Jemand versichert uns im herzlichsten Ton seiner Teilnahme und mustert uns dabei kalt. Woran erkennt die Einfühlung, dass der Ausdruck nicht echt ist?
- Fremdes Seelenleben, so scheint es, lässt sich von außen nur erraten. Weshalb halten Sie daran fest, dass die Scham im Erröten selbst zu sehen ist?
- Am verletzten Hund lässt sich der Schmerz noch einfühlen, und der Gärtner sieht seinen Pflanzen Frische oder Siechtum an. Wo endet für Sie die Einfühlung?
- Leicht schreibt man einem gelangweilten Hörer den eigenen Genuss an einer Beethoven-Symphonie zu. Wenn Einfühlung so irren kann, warum ihr mehr trauen als dem sorgfältigen Schluss?