An der Universität Breslau drückte der Psychologe Georg Moskiewicz einer jungen Psychologiestudentin Edmund Husserls Logische Untersuchungen in die Hand und erzählte ihr, in Göttingen, wo Husserl lehre, werde unter den Studenten Tag und Nacht philosophiert. Die Studentin war Edith Stein, und 1913, nach zwei Jahren in Breslau, ging sie nach Göttingen. Husserl war der Begründer der Phänomenologie, einer Methode, die Theorien über das Bewusstsein beiseitelässt und das Erleben genau so beschreibt, wie es erlebt wird. Die Methode hatte eine offenkundige Schwachstelle: Sie setzt beim Bewusstsein des Einzelnen an, so wie es sich von innen darstellt, und eine Philosophie, die dort ansetzt, muss erklären, wie sie überhaupt je zu einem anderen Menschen gelangt. Stein machte diese Frage zum Thema ihrer Doktorarbeit, unterbrach die Arbeit 1915, um in einem österreichischen Lazarett Kranke zu pflegen, und schloss sie im Sommer 1916 ab.
Ihre Antwort ist die These, mit der ihr Name verbunden bleibt. Wenn wir im Gesicht eines Menschen Schmerz sehen, erschließen wir ihn nicht aus dem, was wir von uns selbst kennen, und er steckt uns auch nicht an wie eine Stimmung. Wir sehen ihn, dort, als den Schmerz dieses Menschen – und haben ihn doch nie so, wie wir den eigenen Schmerz haben. Einfühlung, wie Stein das Wort gebraucht, ist der Name für diese Erfahrung: Wir begegnen dem Leben eines anderen unmittelbar, und es bleibt das seine. Auf dieser These ruht der Rest der Dissertation, Zum Problem der Einfühlung. Ein Mensch erfährt durch die anderen, die ihn sehen, was für ein Wesen er ist – ja sogar, dass sein Leib ein Körper unter anderen ist. Die Universität Freiburg, an der Husserl inzwischen einen Lehrstuhl innehatte, bewertete die Arbeit mit der höchsten Note.
Von Oktober 1916 an war Stein Husserls Assistentin; sechzehn Monate lang übertrug und bearbeitete sie seine Manuskripte, dann kündigte sie, im Februar 1918. Der nächste Schritt einer akademischen Laufbahn war die Habilitation, und die war Frauen verschlossen. Göttingen lehnte Steins Habilitation 1919 ab, und Husserls Empfehlungsschreiben half ihr kaum. Sie wandte sich mit einer Eingabe an das preußische Kultusministerium, das ihr im Februar 1920 im Grundsatz recht gab; an ihrem eigenen Fall änderte das nichts. Die Arbeit, die sie geschrieben hatte, erschien 1922 unter dem Titel Beiträge zur philosophischen Begründung der Psychologie und der Geisteswissenschaften. Darin weitet sie ihre Analyse von zwei Personen auf Masse und Gemeinschaft aus. 1925 folgte Eine Untersuchung über den Staat.
Die nächste Wende in ihrem Leben kam nicht aus der Philosophie. Stein stammte aus einer jüdischen Familie und hatte das Beten längst aufgegeben. Die Berichte über ihre Konversion zum Katholizismus verweisen alle auf ein einziges Buch: die Autobiografie der Teresa von Ávila, der spanischen Karmelitin des 16. Jahrhunderts. Stein las sie im Sommer 1921 im Haus der Phänomenologin Hedwig Conrad-Martius in Bergzabern. Am 1. Januar 1922 wurde sie getauft. Den größten Teil des folgenden Jahrzehnts unterrichtete sie an einer Schule der Dominikanerinnen in Speyer und studierte Thomas von Aquin, den dominikanischen Theologen des 13. Jahrhunderts.
Mit Thomas verschob sich der Punkt, an dem ihre Philosophie ansetzt. In Steins Lesart ist die Welt bei Husserl immer Welt für ein Subjekt, aufgebaut in den Akten dieses Subjekts. Sie warf ihm vor, die Objektivität von der Subjektivität aus sichern zu wollen; sie selbst wollte beim Sein beginnen. Ihr Aufsatz zu seinem siebzigsten Geburtstag 1929, „Husserls Phänomenologie und die Philosophie des hl. Thomas v. Aquino“, nennt seine Ausrichtung egozentrisch und die des Thomas theozentrisch.
1932 übernahm sie eine Dozentur am Deutschen Institut für wissenschaftliche Pädagogik in Münster; am 19. April 1933 wurde sie wegen ihrer jüdischen Abstammung entlassen. Im selben Monat schrieb sie an Papst Pius XI. und bat ihn, die Verfolgung der Juden zu verurteilen. Eine unmittelbare Antwort erhielt sie nicht. Im Oktober trat sie in den Kölner Karmel ein, das Kloster der Karmelitinnen. Dort nahm sie den Namen Teresia Benedicta vom Kreuz an und schrieb Endliches und ewiges Sein. Das Buch arbeitet sich von den endlichen Dingen zu einem ewigen Sein hinauf und antwortet damit Martin Heidegger, Husserls Nachfolger in Freiburg, der das Sein als endlich beschrieben hatte. In Deutschland konnte es nicht veröffentlicht werden; es erschien 1950.
Ende 1938 wechselte sie in den Karmel von Echt in den Niederlanden. Im Juli 1942 verurteilten die niederländischen Bischöfe die Verfolgung der Juden, und die deutschen Behörden antworteten, indem sie Katholiken jüdischer Abstammung verhafteten. Stein und ihre Schwester Rosa wurden am 2. August abgeholt und eine Woche später in Auschwitz-Birkenau ermordet. Papst Johannes Paul II. sprach Edith Stein 1998 heilig. Umstritten ist bis heute, ob sie als Märtyrerin für ihren Glauben starb oder als Jüdin ermordet wurde.
Die Philosophie kehrt heute am häufigsten zu ihrem ersten Buch zurück. Steins Darstellung der Einfühlung wird neben die Husserls gestellt und neben die Max Schelers, dessen Vorlesungen sie in Göttingen gehört hatte. Ihre Abhandlungen über die Gemeinschaft diskutiert die gegenwärtige Forschung, wenn sie fragt, wie Gruppen gemeinsam denken und handeln.