Der Mensch meines Herzens
Ist Religion eine Lehre, die man empfängt, oder ein Leben, in das man hineinwächst? Tagore sucht die Antwort bei Dichtern und Dorfsängern statt bei Theologen.
Tagores Religion des Dichters ist kein Bekenntnis, sondern eine Art zu sehen: Der Glaube sieht das Drama als eine Aufführung, die Logik dagegen verirrt sich hinter die Bühne und findet dort nur Seile und Räder. Denselben Glauben findet er bei den Bauls in Bengalen, umherziehenden Sängern ohne Metaphysik und ohne gesellschaftliches Ansehen, deren Lieder den „Menschen meines Herzens“ suchen, das Göttliche, dem man im Innern begegnet. Eines dieser Lieder stammt von Gagan, einem Dorfpostboten, der als Halbwüchsiger starb. Tagore stellt sie neben den Buddhismus: Beide suchen Erfüllung in der Befreiung vom Selbst durch die Liebe.
- Spiritualität
- Religion
- Liebe
- Dichtung
- Literatur
- Buddhismus
- Schönheit
- Emotion
- Realität
- Wissen
- Leiden
Ins Gespräch kommen
- Gagan, ein fast analphabetischer Dorfpostbote, der als Halbwüchsiger starb, schrieb eines der Baul-Lieder, die Sie am meisten bewundern. Was konnte er sehen, das Bildung vielleicht verdeckt hätte?
- Sie stellen die ungebildeten Bauls neben den Buddhismus, obwohl ihr Glaube ohne jede Metaphysik auskommt. Was kann eine Dorfsekte mit einer großen Philosophie gemeinsam haben?
- Die Logik lockt uns hinter die Bühne, schreiben Sie, wo es Technik gibt, aber kein Drama. Warum der Aufführung mehr trauen als den Seilen und Rädern?
- Shelleys Religion wuchs mit seinem Leben und wurde ihm nie als feste Lehre übergeben. Kann ein Glaube, der unterwegs entsteht, noch eine Religion sein?
- Jemand meint, Glauben müsse man erst aus Büchern und von Lehrern lernen, bevor man ihn haben kann. Was sagen die Baul-Lieder diesem Menschen?