WerkRabindranath Tagore

Der Weg zur Vollendung

Vorträge über die Upanishaden, zuerst auf Bengali vor Schuljungen im ländlichen Bengalen gehalten, dann auf Englisch in Harvard gelesen.

von Rabindranath Tagore141 Passagen vorhanden

  • Englisch, die Originalsprache
Originaltitel
Sadhana: The Realisation of Life
Erstveröffentlichung
(mit 52 Jahren)
Originalsprache
Englisch

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Überblick

Manche europäischen Philosophen verdankten den Upanishaden, den alten indischen Schriften, viel und waren zu dem Schluss gekommen, Indiens Gott sei eine Abstraktion, erreichbar nur durch Abkehr von der Welt; westliche Gelehrte, so klagte Rabindranath Tagore, behandelten dieselben Schriften wie Museumsstücke. In seiner Familie gehörten sie zur täglichen Andacht, und dieses Buch ist seine Antwort. Dem Unendlichen, so sein Argument, begegnet man mitten in der endlichen Welt, und die Seele erreicht es durch Natur, Liebe, Arbeit und Schönheit, nicht indem sie ihnen entsagt. Er beginnt mit einem Gegensatz zwischen dem alten Griechenland, das innerhalb von Stadtmauern aufwuchs, und Indiens Waldeinsiedeleien, die der lebendigen Welt offenstanden; das Böse nimmt er als wirklich, aber nie als endgültig; und die Lehre des Buddha liest er als Ausweitung der Liebe. Als Vorbild nennt er seinen Vater Debendranath Tagore, der Gott nahe lebte, ohne seine weltlichen Pflichten aufzugeben. Am Anfang standen Ansprachen auf Bengali an die Schüler seiner Schule in Bolpur im ländlichen Bengalen; Freunde halfen, einige davon ins Englische zu bringen, und die letzte, über das Handeln, ist die Übersetzung einer solchen Ansprache über karma. Tagore brachte sie im Winter 1912 in die Vereinigten Staaten mit, als er nach Urbana in Illinois reiste, wo sein Sohn Rathindranath Landwirtschaft studiert hatte. James H. Woods, ein Harvard-Gelehrter der indischen Philosophie, ermutigte ihn, die Reihe zu vollenden, und Tagore las den größten Teil davon in Harvard. Macmillan veröffentlichte das Buch in London in dem Jahr, in dem Tagore als erster Asiate den Nobelpreis für Literatur erhielt, und 1921 lag es auf Deutsch vor, übersetzt von Helene Meyer-Franck für den Münchner Verlag Kurt Wolff, als Der Weg zur Vollendung.

Schlüsselbegriffe

Was meint das Buch mit Verwirklichung?

Eine Wahrheit in der eigenen Lebensweise zu eigen zu machen, statt sie nur zu wissen. Tagore nimmt das Wort aus den Upanishaden: Das Unendliche in diesem Leben zu erkennen heißt, wahr zu sein, und erkannt wird es, indem man es in allem und jedem verwirklicht. Darum führen die Kapitel von der Verwirklichung in der Liebe zur Verwirklichung im Handeln und in der Schönheit. Eine Wahrheit, die man nur als Gedanken besitzt, ist so gesehen noch gar nicht verwirklicht.

Worin unterscheiden sich hier Selbst und Seele?

Das Selbst ist der Teil des Menschen, der an seiner Getrenntheit festhält; die Seele ist der Teil, der alles umfasst. Tagores große Lehrer sind jene, die das Selbst aus Liebe zur Menschheit aufgeben und so das Leben der Seele führen. Die Größe des Menschen liege nicht im Plündern, Erwerben oder Erfinden, sondern in diesem Umfassen, und sie stirbt, wenn die Seele sich in eine tote Schale der Gewohnheit hüllt.

Leugnet das Buch, dass das Böse wirklich ist?

Nein. Es leugnet, dass das Böse von Dauer ist. Tagore räumt ein, dass die Summe von Tod und Verfall auf der Erde in jedem Augenblick jeden entsetzen würde, der sie zählte. Doch das Böse, argumentiert er, bleibt in Bewegung: Es passt nicht zum Ganzen, und so berichtigt das Ganze es von Augenblick zu Augenblick, wie ein Irrtum im Denken berichtigt wird. Endgültig wirkt es nur, wenn man es sich als Stillstand vorstellt, obwohl es stets vergeht.

Warum ist die Freude in diesem Buch so wichtig?

Weil Tagore die Freude als Quelle der Schöpfung selbst versteht. Er zitiert die Upanishad: Aus Freude entspringt diese ganze Schöpfung, durch Freude wird sie erhalten, zur Freude hin bewegt sie sich, und in die Freude geht sie ein. Die Schöpfung kommt also aus der Fülle, nicht aus dem Mangel, und für den Menschen gilt dasselbe: Was er aus Freude schafft, ist frei und beständig, was er nur unter Zwang schafft, ein Notbehelf.

Themen des Buches

Worauf dieses Buch immer wieder zurückkommt, zu Themen gebündelt und danach geordnet, wie viel des Textes jedes einnimmt.

Das Unendliche im Endlichen

Muss man die Welt verlassen, um zu Gott zu gelangen, wie Europa es für Indiens Lehre hielt? Tagores Antwort kehrt den Ruf einer ganzen Überlieferung um.

Tagore beginnt damit, wo eine Kultur aufwuchs. Griechenland, innerhalb von Stadtmauern groß geworden, lernte zu teilen und zu herrschen und den Menschen gegen die Natur zu stellen; Indiens Waldeinsiedeleien lehrten es, Welt und Selbst als eine große Wahrheit zu fassen. So gelesen rufen die Upanishaden die Seele nicht aus der Welt heraus, sondern tiefer in sie hinein: Das Unendliche erkennt man, indem man es in allem und jedem verwirklicht, in der Natur, der Familie, der Gesellschaft und dem Staat. Er schrieb gegen europäische Bewunderer, die Indiens Brahma zur bloßen Abstraktion erklärten.

  • Spiritualität
  • Einheit
  • Unendlichkeit
  • Mensch-Natur-Beziehung
  • Harmonie
  • Bewusstsein
  • Wissen
  • Endlichkeit
  • Wissenschaft
  • Zivilisation
  • Wahrheit

Die Lampe und ihr Öl

Das Selbst hortet, und das Selbst leidet. Ob es zerstört oder seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt werden soll, daran scheidet sich Tagore von einer verbreiteten Lesart des Buddha.

Tagore behandelt das Böse und das Selbst zusammen. Der Schmerz ist wirklich, aber nie endgültig: Das Böse bleibt in Bewegung und wird vom Ganzen fortwährend berichtigt, so wie die Stürze eines Kindes dem Gehen weichen. Ebenso soll das Selbst nicht ausgelöscht, sondern verausgabt werden, wie eine Lampe ihr Öl hergibt, um Licht zu spenden, und das Nirwana erreicht man in seiner Lesart durch die Liebe. Die grenzenlose Liebe des Buddha, in jeder Haltung des Tages bewahrt, ist sein Bild eines verschenkten Selbst.

  • Selbstheit
  • Liebe
  • Verlangen
  • Selbstlosigkeit
  • Selbstverwirklichung
  • Selbsttranszendenz
  • Individualität
  • Seele
  • Freiheit
  • Leiden
  • Menschennatur

Arbeit und Schönheit aus Freude

Ist Arbeit eine den Menschen auferlegte Last und Schönheit ein Luxus daneben? Die letzten Vorträge zeigen beide als die Weise, in der sich das Unendliche im Endlichen zeigt.

Die Schöpfung, sagt die Upanishad, entspringt der Freude, nicht der Not, und Tagore zieht daraus die menschliche Folgerung: Arbeit, die nur aus Zwang getan wird, ist ein Notbehelf, der verfällt, sobald die Not weiterzieht; Arbeit aus Freude dagegen ist die Freiheit eines Menschen. Mit der Schönheit verhält es sich ebenso. Sie steht auf dem Gesetz wie auf einem Sockel, und eine Blume, die der Natur wie eine Magd dient, erreicht das Herz wie ein Bote. Einem Buddhismus bloßer Entsagung hält er den Buddha selbst entgegen: Verworfen werden nur Taten, die zum Bösen führen.

  • Freude
  • Handlung
  • Erwerbsarbeit
  • Schönheit
  • Kunst
  • Ästhetik
  • Ethik
  • Religion

In diesem Werk

Passagen vorhanden
141
eigenständige Begriffe
238
nach vorhandenen Passagen, korpusweit
Nr. 432

Was dieses Buch zusammen denkt

Das Rad nimmt die führenden Begriffe dieses Buches und zeigt, wie oft sie gemeinsam zur Sprache kommen. Je breiter das Band zwischen zweien, desto mehr seiner Passagen sprechen von beiden. Unter ihnen am häufigsten zusammen: „Liebe“ und „Selbstheit“.
Konzept-Kookkurrenz, stärkste zuerst 8 Konzepte, verbunden durch 26 Paarungen. 84 Paarungen reichen über diese Konzepte hinaus und werden nicht gezeichnet.
KonzeptVerbundenes KonzeptGemeinsame Passagen
LiebeSelbstheit12
FreiheitLiebe9
FreiheitSelbstheit6
FreudeSpiritualität6
EinheitLiebe5
EinheitSpiritualität5
FreiheitFreude5
FreiheitSpiritualität4
FreudeLiebe4
LiebeSpiritualität4
SpiritualitätUnendlichkeit4
SpiritualitätVerlangen4
EinheitSelbstheit3
UnendlichkeitVerlangen3
EinheitFreude2
FreiheitUnendlichkeit2
FreudeSelbstheit2
LiebeUnendlichkeit2
SelbstheitUnendlichkeit2
SelbstheitVerlangen2
EinheitVerlangen1
FreiheitVerlangen1
FreudeUnendlichkeit1
FreudeVerlangen1
LiebeVerlangen1
SelbstheitSpiritualität1

Vorhandene Werke

Das Gesamtwerk der Reihe nach, dieses Buch an seinem Platz markiert. Zuerst der Titel in deiner Sprache, darunter das Original, wo beide sich unterscheiden; die Chips am Rand zeigen, welche Volltexte vorhanden sind.

  1. 1913 Der Weg zur Vollendung (Sadhana: The Realisation of Life) du bist hier EN
  2. 1916 Der Geist Japans (The Spirit of Japan)

    Ein einzelner Vortrag, in Tokio als Broschüre gedruckt; zusammen mit „The Message of India to Japan“, wenige Wochen zuvor gehalten, bildet er das Japan-Kapitel von Nationalismus.

    EN
  3. 1917 Nationalismus (Nationalism)

    Geschrieben für eine Vortragsreise durch die Vereinigten Staaten 1916/17, ergänzt um seine beiden Ansprachen in Tokio; in kürzerer Form kehrt das Argument im Essay „The Nation“ in Creative Unity wieder.

    EN
  4. 1922 Creative Unity

    Wo Nationalismus den Nationalstaat angreift, stellt diese spätere Sammlung ihm entgegen, was Tagore stattdessen gebaut sehen wollte, von der Dorfreligion Bengalens bis zu der Universität, die er gründete.

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