Manche Katholiken ihrer Zeit brachten sich der Gerechtigkeit Gottes als Opfer dar: Sie baten darum, die Strafen, die den Sündern bestimmt waren, auf sich zu ziehen, damit die Sünder verschont blieben. Eine junge Nonne im Karmel von Lisieux, dem Kloster der Unbeschuhten Karmelitinnen in der Normandie, dachte 1895 über diese Menschen nach. Sie fand ihre Hingabe groß und großherzig – und spürte in sich doch keinen Wunsch danach. Sollte denn, fragte sie, allein die Gerechtigkeit in Gott solche Opfer empfangen? Am 9. Juni 1895 brachte sie sich stattdessen seiner barmherzigen Liebe dar.
In dieser Entscheidung steckt der Gedanke, für den man sich an Thérèse von Lisieux erinnert. Heiligkeit, so ihre Überzeugung, ist kein Gipfel, den man durch Anstrengung und Buße erreicht; sie wird jedem geschenkt, der zugibt, dass er nicht steigen kann, und darauf vertraut, dass Gott ihn trägt. In Geschichte einer Seele sind die Heiligen neben ihr ein Berg, sie selbst ist ein Sandkorn. Statt die raue Treppe der Vollkommenheit hinaufzusteigen, suchte sie nach einem Aufzug – und fand ihn in den Armen Christi. Sie nannte das ihren kleinen Weg; er verlangt nur eines: klein zu bleiben. In der Weihe an die barmherzige Liebe, dem Gebet, das sie für jenen Junitag schrieb, sagte sie Gott, sie werde am Ende ihres Lebens mit leeren Händen vor ihn treten, und bat ihn, ihre Werke nicht zu zählen.
Der Gedanke wuchs aus dem, was sie aus eigener Kraft nicht vermochte. Ihre Mutter Zélie Martin starb im August 1877, da war Thérèse viereinhalb Jahre alt. Als ihre Schwester Pauline 1882 in den Karmel von Lisieux ging, brach der Verlust wieder auf. Nach ihrer eigenen Schilderung war sie bis in die frühen Jugendjahre so empfindsam, dass keine Vernunft dagegen ankam. In der Weihnachtsnacht 1886, als sie von der Mitternachtsmesse heimkam, hörte ihr ständiges Weinen weitgehend auf. Es habe, schrieb sie, eines kleinen Wunders bedurft, um sie in einem Augenblick erwachsen werden zu lassen, und Gott habe es gewirkt. Jene Nacht nannte sie ihre vollständige Bekehrung. In ihrer Erzählung kam die Wende von außen, und nach diesem Muster ist alles gebaut, was sie sonst lehrte.
Im Sommer darauf erprobte sie dasselbe Vertrauen an einem Fremden. Henri Pranzini war wegen Mordes an zwei Frauen und einem Kind zum Tod verurteilt worden und ging unbußfertig der Guillotine entgegen. Sie wusste, dass sie aus sich heraus nichts tun konnte; so opferte sie die Verdienste Christi für ihn auf und bat nur um ein Zeichen. Am Tag nach der Hinrichtung las sie in der katholischen Zeitung La Croix: Pranzini hatte nicht gebeichtet, sich aber auf dem Schafott umgewandt und dreimal das Kruzifix geküsst. Sie nannte ihn ihr erstes Kind. Im April 1888 trat sie mit fünfzehn Jahren selbst in den Karmel ein.
In der Nacht vor Karfreitag 1896 hustete sie Blut – das erste Zeichen der Tuberkulose, an der sie sterben sollte. Seit ihrer Kindheit war der Gedanke an den Himmel ihr Glück gewesen; in der folgenden Osterzeit wurde er zu dem, was sie einen Gegenstand des Kampfes und der Qual nannte, und dabei blieb es. Bis dahin hatte sie angenommen, wer eine andere Welt leugne, tue das wider die eigene Überzeugung. In ihrem letzten Heft, das sie im Sommer 1897 schrieb, sah sie sich am Tisch der Bitternis sitzen, an dem die Sünder essen: Dort bat sie um Vergebung für ihre ungläubigen Brüder und war bereit zu bleiben, solange Gott es wollte. Sie starb am 30. September 1897, vierundzwanzig Jahre alt.
Pauline, inzwischen Mutter Agnès von Jesus, gab die Hefte als Geschichte einer Seele heraus. Im Oktober 1898 schickte das Kloster das Buch an 121 Karmelklöster in Frankreich und 18 im Ausland, anstelle des üblichen Rundschreibens, das den Tod einer Schwester anzeigte. Papst Pius XI. sprach sie 1925 heilig und ernannte sie zwei Jahre später zur Patronin der Missionen, gleichrangig neben Franz Xaver, dem Jesuiten, der im 16. Jahrhundert in Asien missioniert hatte.
Das süßliche Bild, das um das Buch herum entstand, rief Widerspruch hervor. 1944 veröffentlichte Ida Görres, eine in Böhmen geborene katholische Schriftstellerin, Das verborgene Antlitz, ein Porträt, das Thérèses Menschlichkeit betonte. 1956 erschienen auf Wunsch Pius’ XII. die Handschriften im Faksimile; nun konnten die Leser sehen, wie viel vom vertrauten Text von Pauline stammte. Am 19. Oktober 1997, ein Jahrhundert nach ihrem Tod, erklärte Johannes Paul II. sie zur dreiunddreißigsten und jüngsten Kirchenlehrerin – ein Titel für Heilige, deren Lehre die Kirche allen Gläubigen empfiehlt.