Die Kirche im England des vierzehnten Jahrhunderts lehrte jeden Christen, dass die Sünde Tadel verdient, dass sie Gott erzürnt und dass viele Seelen auf ewig zur Hölle verdammt werden. Juliana von Norwich schrieb, sie glaube das alles – und sie habe in einer Folge von Visionen in Gott nach Zorn gesucht und keinen gefunden. Aufgeben wollte sie keinen der beiden Sätze, und so fragte sie etwa zwanzig Jahre lang, wie beide wahr sein können.
Die Visionen kamen im Mai 1373, als sie dreißigeinhalb Jahre alt war und so krank, dass man ihren Pfarrer an ihr Sterbebett rief. Er hielt ihr ein Kreuz vors Gesicht, und ihre Mutter stand am Bett. Juliana sah die Gestalt am Kreuz bluten und empfing in den Stunden danach sechzehn Schauungen, so ihr eigenes Wort. Dann kehrten die Schmerzen zurück. Ein Ordensmann kam und fragte, wie es ihr gehe, und sie sagte ihm, sie habe an diesem Tag im Fieberwahn geredet. Er lachte, wurde aber ernst, als sie hinzufügte, das Kreuz habe zu bluten geschienen. Sie schreibt, sie habe sich geschämt, das Gesehene abgetan zu haben.
Sonst ist wenig über sie bekannt, und selbst ihr Name ist ungewiss. Sie lebte als Klausnerin an der Kirche St Julian in Norwich – als eine Frau also, die sich auf Lebenszeit in eine an die Kirche angebaute Zelle einschließen ließ. Meist nimmt man an, dass der Name, unter dem sie bekannt ist, von dieser Kirche übernommen ist; Julian – im Deutschen Juliana – war damals aber auch ein Frauenname. Ein Testament von 1394, das der Klausnerin Juliana Geld vermacht, ist das erste Schriftstück, das sie erwähnt; drei weitere Testamente folgen, das letzte 1416. Eines davon nennt eine Sarah, die bei ihr lebte. Margery Kempe, eine Visionärin aus der Hafenstadt Lynn in Norfolk, reiste um 1413 zu ihr, um sich wegen der eigenen Visionen Rat zu holen, und beschrieb sie als in solchen Dingen erfahren. Juliana selbst nennt sich ungelehrt, und sie schrieb auf Englisch.
Die Visionen schrieb sie zweimal nieder. Offenbarungen von göttlicher Liebe ist der kurze erste Bericht; Offenbarungen der göttlichen Liebe, in sechsundachtzig Kapiteln, ist das, was nach zwei Jahrzehnten des Nachdenkens aus diesem Bericht wurde. Auf ihre Frage nach dem Tadel erhielt sie nur ein Bild: Ein Knecht läuft los, um den Auftrag seines Herrn auszuführen, stürzt in eine Senke und bleibt verletzt liegen, und der Herr sieht ihn voll Mitleid an. Nach ihrer eigenen Rechnung vergingen zwanzig Jahre weniger drei Monate, ehe sie gelehrt wurde, es zu lesen.
Sie kam zu dem Schluss, dass die Sünde notwendig ist und keine eigene Substanz hat; erkennbar ist sie nur an dem Schmerz, den sie verursacht. Gott sieht die gefallenen Menschen an, wie der Herr den Knecht ansieht. Christus ist eine Mutter, die ihre Kinder trägt und mit sich selbst nährt, und am Ende wird alles gut sein. Den naheliegenden Einwand erhob sie selbst: Da die Kirche lehrt, dass viele verdammt sind, konnte sie nicht sehen, wie alles gut sein könne. Ihr wurde nur gesagt, für Gott sei nicht unmöglich, was für sie unmöglich sei, und Gott werde am Jüngsten Tag eine Tat vollbringen, die kein Geschöpf im Voraus kennen kann. Dabei ließ sie es bewenden und hielt an der Lehre der Kirche und an der Verheißung zugleich fest. Bis heute sind sich ihre Leser uneins, ob aus ihrem Buch folgt, dass alle gerettet werden.
Eine Frau, die auf Englisch Theologie schrieb, hatte Grund zur Vorsicht. Im kurzen Bericht bestreitet Juliana, eine Lehrerin zu sein. 1401 setzte das Parlament auf Ketzerei den Feuertod. Dass sie je verhört worden wäre, ist nirgends überliefert. Ihr langes Buch wurde erst 1670 gedruckt und fand nach 1901 ein breites Publikum. Die katholische Kirche hat sie nie heiliggesprochen; die Kirche von England gedenkt ihrer am 8. Mai, und der Katechismus der Katholischen Kirche zitiert ihre Zusicherung, dass alles gut sein wird.