Zweimal binnen eines Jahrzehnts saß François-Marie Arouet in der Bastille. Das erste Mal, von Mai 1717 bis April 1718, wegen satirischer Verse gegen den Regenten, der Frankreich während der Kindheit Ludwigs XV. regierte: Sie warfen ihm Inzest mit der eigenen Tochter vor. Als er herauskam, nannte er sich Voltaire. Die zweite Haft, 1726, folgte auf einen Streit mit dem Chevalier de Rohan, einem Adligen, der Voltaire von seinen Dienern verprügeln ließ. Als Voltaire Genugtuung suchte, landete er selbst in der Bastille; frei kam er nur, weil er darum bat, stattdessen nach England geschickt zu werden.
Er blieb etwa zweieinhalb Jahre, und England gab ihm sein Thema: ein Land, das seine Sekten nebeneinander Gottesdienst halten ließ, seine Kaufleute ehrte und Locke und Newton hervorgebracht hatte. Die Philosophischen Briefe, die er daraus machte, behaupten: Eine Nation wird frei, reich und vernünftig, wenn sie den Glauben anderer duldet, den Handel achtet und sich an Belege hält statt an Autoritäten. Von da an zogen sich zwei Überzeugungen durch alles, was er schrieb. Was wir wissen können, stammt aus der Erfahrung und muss sich an ihr bewähren; und keine Kirche und kein Staat hat das Recht, einen Menschen für seinen Glauben zu bestrafen. Das Buch löste einen Skandal aus, nicht zuletzt wegen des Briefs über Locke, der ausführlich auf dessen Vermutung einging, Gott könnte der Materie selbst die Fähigkeit zu denken verliehen haben. Am 10. Juni 1734 ließ das Pariser Parlement, der oberste Gerichtshof des Königreichs, das Buch vom Henker verbrennen. Voltaire war da bereits vor einem Haftbefehl aus Paris geflohen.
Zuflucht fand er in Cirey, dem Schloss von Émilie du Châtelet, der Mathematikerin, die später Newtons Principia ins Französische übersetzte; fünfzehn Jahre lang arbeiteten die beiden dort zusammen. Seine Éléments de la philosophie de Newton (1738) erklärten Newtons Physik französischen Lesern, die noch Descartes die Treue hielten, und vertraten dieselbe Sache wie die Briefe: Eine beobachtete Tatsache wiegt schwerer als ein im Voraus erdachtes System. Ein eigenes System baute Voltaire nicht. Er schrieb Dramen, Gedichte, Geschichtswerke und Erzählungen ebenso oft wie Abhandlungen, und ein guter Teil seiner Philosophie ist ein Angriff auf die Systeme anderer.
Der deutsche Philosoph Leibniz hatte argumentiert, Gott habe die beste aller möglichen Welten gewählt, sodass jedes Übel einem größeren Gut diene. Am 1. November 1755 zerstörte ein Erdbeben Lissabon und tötete Zehntausende. Voltaire antwortete zuerst mit einem Gedicht über die Katastrophe, 1759 dann mit Candide, einer anonym erschienenen komischen Erzählung. Sie schickt ihren Helden durch Krieg, Schiffbruch, das Erdbeben selbst und ein Autodafé – die öffentliche Bestrafung von Ketzern durch die Inquisition –, während sein Lehrer Pangloss unverdrossen erklärt, alles sei zum Besten. Eine Gegenlehre bietet die Erzählung nicht; am Ende sitzen ihre Reisenden auf einem kleinen Hof und bestellen ihren Garten.
Im selben Jahr kaufte er das Gut Ferney auf der französischen Seite der Grenze zu Genf, und von Anfang der 1760er-Jahre an lebte er dort. Hier wurde aus seiner Philosophie ein Feldzug. Am 10. März 1762 wurde Jean Calas, ein protestantischer Kaufmann aus Toulouse, gerädert; man hatte ihn beschuldigt, seinen Sohn getötet zu haben, um den jungen Mann am Übertritt zum Katholizismus zu hindern. Voltaire hielt das Urteil zunächst für gerecht, ließ sich von Calas' Sohn Pierre eines Besseren belehren und richtete Über die Toleranz an die Männer, die Frankreich regierten. 1765 erklärte ein königliches Gericht Calas für unschuldig.
In seinen Briefen jener Jahre kehrt eine Formel immer wieder: Écrasez l'infâme, „zermalmt das Niederträchtige“. Gemeint waren Fanatismus und Aberglaube, die er den Kirchen anlastete. An einen einzigen, gerechten Gott glaubte er dennoch, und an eine Moral, die allen Völkern gemeinsam ist. Sein Philosophisches Taschenwörterbuch (1764) – er bestritt, es geschrieben zu haben – behandelte die Heilige Schrift wie jedes andere Dokument und maß ihre Wunder und ihre Chronologie an dem, was jeder Leser von der Welt weiß. 1766 warf man ein Exemplar auf den Scheiterhaufen des Chevalier de La Barre, eines jungen Adligen, der in Abbeville wegen Gottlosigkeit hingerichtet worden war.
Im Februar 1778 kehrte Voltaire, dreiundachtzigjährig, zum ersten Mal seit mehr als fünfundzwanzig Jahren nach Paris zurück; dort starb er am 30. Mai. Weil ihm in Paris ein christliches Begräbnis verweigert wurde, setzte man ihn heimlich in der Abtei Scellières in der Champagne bei. Am 11. Juli 1791 ließ die Nationalversammlung, die in ihm einen Wegbereiter der Revolution sah, seine sterblichen Überreste ins Panthéon überführen. Philosophen hielten ihn lange eher für einen streitbaren Schriftsteller als für einen Denker, und welcher Platz ihm in der Geschichte der Philosophie zukommt, ist bis heute offen. 2015, nach dem Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo, verkaufte sich Über die Toleranz in Frankreich rund 185.000-mal.